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Solidarität im Web 2.0

Von virtuellen Menschenketten und Freiheit im Netz

18.12.2007 | Stephanie Lachnit | Kommentar schreiben | Artikel drucken
"Toll, wenn Web 2.0 nicht nur unter einem konsumorientieren Ansatz gesehen wird, sondern sich mit sozialem Engagement verbindet. Vielleicht gelingt es, über mehr Öffentlichkeit langfristig Veränderung zu bewirken", bloggt Ina Müller-Schmoß auf www.kreative-strukturen.de. Ihre Begeisterung gilt dem "International Bloggers' Day for Burma" Anfang Oktober. Über 5.000 Blogger/innen tauchen ihre Seiten in Rot und beflaggen sie mit der "Free Burma" Aufschrift. Das solidarische Schweigen für die Protestbewegung in Burma zeigt, dass das Internet längst nicht nur ein schnöder Bedienungsladen ist. Heute gilt es mitzumachen und sich auszutauschen, sich zu vernetzen und mitzugestalten. Da reicht auch schon der Avatar die virtuelle Hand zur Menschenkette gegen das geplante Kohlekraftwerke. Dr. Martin Welker, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Online-Forschung (DGOF e.V.), kommt erst mal in die Not, das gewaltige Wort "Solidarität" fassbar zu machen.

Herr Dr. Welker, klären wir also zunächst, worüber wir uns unterhalten wollen: Was ist Solidarität?

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Solidarität ist natürlich ein Wort, das oft gebraucht, aber selbst nicht hundertprozentig reflektiert wird. Aber ich habe etwas gefunden, das für mich Sinn macht: Solidarität bedeutet, sich für Ziele einzusetzen, die man selbst als wertvoll und legitim erachtet und in denen man sich bedroht fühlt. Eine Art Kampf gegen Gefährdungen also. Das ist zwar sehr allgemein, aber gut getroffen, weil die Definition relativ offen ist. Das zeigt natürlich, dass Solidarität vieles umfassen kann. Der Begriff wird zwar oft als Kampfbegriff der Linken benutzt, "solidarisch" muss aber nicht automatisch auch "links" heißen. Solidarität und Freiheit, das hängt aber zusammen. Und das zeigt sich auch im Internet.

Und schon sind wir im Thema. Solidarität im Internet. Wie schaut die aus?

Da ist die Spanne der Möglichkeiten fast abenteuerlich. Man kann für alles Mögliche eintreten. Das interessante an Solidarität ist ja – und das finde ich sehr wichtig –, dass sie mit Öffentlichkeit zusammenhängt. Das ist auch das Interessante im Internet. Solidarität lässt sich von Öffentlichkeit nicht trennen und braucht sie. Und Öffentlichkeit wiederum fördert Solidarität. So entstehen neue Solidaritätsformen im Internet, weil es eine neue Form von Öffentlichkeit erzeugt. Zum Beispiel Nachrichten von unten, Blogs aus dem privaten Lebensumfeld. Die gab es früher nicht. Es war technisch und auch gesellschaftlich nicht möglich.

Machen sie mal einige Beispiele. Wo wird das Internet für solidarische Zwecke genutzt?

Nun, der Lidl-Blog von Verdi zum Beispiel. Hier initiiert eine traditionelle Massenorganisation, eine Gewerkschaft, einen Blog. Dieser wird dann praktisch durch die Öffentlichkeit und die Lidl-Mitarbeiter übernommen und sie bekommen damit die Möglichkeit, sich zu organisieren. Vorher musste es Flugblätter oder Zeitungen geben. Heute ist Mobilisierung in neuer Form möglich.

Eine andere Form ist – die erst mal ja nicht auf der Hand liegt –, dass Videos von umstrittenen Ereignissen gezeigt werden können und dann von Medien auch aufgegriffen werden. Ich denke hier an den Fall in Kanada, als ein Mann von der Flughafenpolizei durch deren Einsatz von Taser-Waffen ums Leben kam. Das wurde von einem jungen Mann zufällig gefilmt. Die Polizei hat das Amateurvideo erst mal beschlagnahmt, weil sie nicht wollte, dass es gezeigt wird. Das Gericht hat es aber dann freigegeben und jetzt kann es weltweit gesehen werden. So kommt eine Diskussion zugange, so kommt eine Öffentlichkeit zustande, und man erfährt von solchen Fällen. Es gibt ganz viele Plattformen von unten, die sich dann solidarisieren – im Gegensatz zu dem ersten Beispiel mit Lidl, wo ja quasi von oben ein Blog initiiert wurde. Bei den Plattformen von unten finden Menschen zusammen, die beispielsweise gegen Sweatshops in der Dritten Welt sind oder gegen die Vorratsdatenspeicherung protestieren.

Und damit das Internet auch dafür entdeckt werden konnte, musste sich gesellschaftlich etwas regen? Was hat sich verändert?

Die heute 14- bis 28-Jährigen sind viel stärker bereit, sich offen im Internet zu äußern. Das zeigen auch Studien. Teilweise tun sie das sehr unreflektiert, was natürlich schlecht ist. Zugespitzt kann man sagen, es besteht ein Trend zum Exhibitionismus. Aber positiv gesprochen, ist es eine Bereitschaft, sich öffentlich zu äußern. Es gibt natürlich auch die Fälle, dass junge Menschen über ihren Drogenkonsum auf der letzten Party berichten. Das ist unreflektiert und kann möglicherweise negativ zurückschlagen.

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In dem Zusammenhang muss man aber auch sehen, dass es Tendenzen bei Regierung und Staat gibt, diese Freiheit zu beschneiden und unter Kontrolle zu bringen. Ich denke dabei gerade an das Thema Vorratsdatenspeicherung sowie andere Freiheitsbeschneidungen, die Ministerien noch im "Köcher" haben. Das sind Tendenzen, die einer freien Öffentlichkeit zuwider laufen. Freie Öffentlichkeit muss vom Staat unbeobachtet funktionieren können. Da müssen wir sehr wachsam sein – gerade die jungen Leute. Freiheit, Öffentlichkeit und Solidarität hängen ganz stark miteinander zusammen. Deshalb ist Solidarität in Diktaturen ja so schwierig.

Vor allem in Südkorea wird laut der Studie "Deutschland Online 4" das Social Web besonders intensiv genutzt. Deutschland liegt hierbei zwar noch vor Großbritannien und Frankreich, aber dennoch noch weit hinter den Möglichkeiten.

Als Beispiel ist OhmyNews.com vielleicht ganz passend. Das ist eine südkoreanische Nachrichtenseite von unten. Hier kann jeder seine Nachrichten einstellen. Ein Redaktionsteam verdichtet die Informationen auf Nachrichtenniveau. In Südkorea wurde schon sehr früh eine Kultur des Dialogs von unten gefördert. Spannend in diesem Zusammenhang sind die philosophischen Ansätze von Richard Rorty und Jürgen Habermas. Aber das auszuführen, würde jetzt zu weit führen.

Der Philosoph Jürgen Habermas spricht ja vom "deliberativen Verfahren der Willensbildung". Übersetzt heißt das, er plädiert dafür, dass alle ganz viel miteinander reden sollen und weissagt daraus eine funktionierende Demokratie. Er mag das Internet, zumindest sein Kommunikations-Potential. Denn das Internet ist zur Spielwiese geworden. Wie Tim O'Reilly, der Namensgeber des "Web 2.0", zusammengefasst hat, wurde aus "Veröffentlichung" die "Beteiligung", aus "Content Management Systemen" wurden die "Wikis", aus "mp3.com" wurde "Napster".

Ja, es gibt diesen Aufsatz aus dem Jahr 2005 von O'Reilly. Der gilt als intellektueller Startpunkt des Web 2.0. Er hat darin ein paar Buzzwords ausgeführt. Aber inzwischen beschäftigt sich auch die Kommunikationswissenschaft und die Onlineforschung mit diesen Begriffen und versucht diese zu reflektieren und diese in einen weiteren Theoriezusammenhang zu stellen. Was heißt zum Beispiel Interaktivität? Wie will man man diese messen? Sind die Nutzer wirklich so interaktiv, wie immer behauptet wird? Da zeigt sich, dass es noch immer eine passive Mehrheit gibt, gerade unter den Jugendlichen. Aber wer beispielsweise auf die Lidl-Plattform geht, nur um zu lesen, das ist ja auch in Ordnung und erfüllt den Kommunikationszweck.

Das Internet hat an Macht gewonnen. Einen Namen hat Kind auch schon, es nennt sich "User Empowerment". Was ist damit genau gemeint?

Das bedeutet – grob gesprochen –, dass man merkt, dass auch noch andere da sind und dass man sich mit anderen kommunikativ vernetzten kann. Also nichts anderes als eine neue Öffentlichkeit. Ein ganz einfaches Beispiel dazu: Früher saßen sie vor der Tagesschau, haben Nachrichten geglotzt und geglaubt, was da gesendet wurde. Heute kann man im Internet sehen, dass es noch viel mehr Wahrheiten, also Sichtweisen gibt. Ich beispielsweise habe mich zuletzt über die Berichterstattung der Tagesschau aufgeregt, als es um die Diskussion im Vorfeld der Vorratsdatenspeicherung ging. Es gab vor dem Bundestagsbeschluss eine große Demonstration in Berlin gegen die Vorratsdatenspeicherung. Und sie wurde in den 20-Uhr-Nachrichten nicht erwähnt. In den Onlineforen aber haben sich viele Leute darüber aufgeregt und ausgetauscht, dass die Demonstration nicht erwähnt worden war. Da merkt man, dass man mit seiner Wahrnehmung nicht allein ist. Sonst hat sich die Diskussion doch auf dem Wohnzimmersofa erschöpft. Das Internet ermöglicht es, von anderen zu erfahren.

Ist das Internet politisch?

Was heißt politisch? Das Internet verändert Öffentlichkeit und ist insofern hoch politisch. Schon mit dem Start des Internet, nennen wir es einmal Web 1.0, kam es zu einem Strukturwandel der Öffentlichkeit. Ob bestimmte politische Inhalte via Internet einflussreich sind, etwas bewegen? Ich denke schon, dass eine Wirkung da ist. Bei dem Taser-Fall in Kanada etwa. Dadurch kommen Diskussionen in Gang. Aber es gibt auch die Möglichkeit, dass Diskussionen versanden und wie im Falle der Vorratsdatenspeicherung keine Wirkung erreicht wird.

Bei der Vielfalt an Möglichkeiten, sich per Mausklick vom Schreibtisch aus zu solidarisieren, laufen wir da nicht Gefahr, die Chancen inflationär zu nutzen und sie damit auszuhöhlen?

Man muss schon ein Bewusstsein haben dafür, wo man mitmacht, wofür man seine Stimme abgibt oder nicht. Das ist eine Frage der Medienkompetenz. Die könnte beispielsweise auch an Schulen als Unterrichtsfach oder -einheit eingeführt werden. Da könnte man auch das Thema "unbedachte Äußerungen" aufgreifen. Denn vieles, das man mal schnell ins Netz gestellt hat, schlägt möglicherweise einige Zeit später auf einen zurück. Wenn der potentielle Arbeitgeber das etwa liest.

Das Interview führte Stephanie Lachnit. Ganz oldschool, per Telefon. Sie lebt in Köln als freie Journalistin.


Foto: Uni Leipzig
Weltkarte der Online-Communitys: http://xkcd.com/256/



www.campact.de/klima/demo/home
Auf zur virtuellen Menschenkette, warum im Regen stehen? Zitat: "Campact ermöglicht es politisch aktiv zu werden, auch wenn neben Studium, Beruf und/oder Familie nur wenig Zeit bleibt."

www.free-burma.org
Free Burma: Blogger/innen, vereinigt euch.

www.protestmail.de
Im Dschungel der Onlinepetitionen: Such' dir was aus.

www.verdi-blog.de/lidl
Der Verdi-Blog für Lidl-Mitarbeiter/innen und kritische Kunden/innen

www.ohmynews.com
Südkorea zeigt, so sieht Bürgerjournalismus von unten aus.

www.oreilly.de/artikel/web20.html
What is Web 2.0? Der wegweisende Aufsatz von Tim O'Reilly, dem Verleger und Internet-Guru

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