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Solidarität ist
natürlich ein Wort, das oft gebraucht, aber selbst nicht
hundertprozentig reflektiert wird. Aber ich habe etwas gefunden, das
für mich Sinn macht: Solidarität bedeutet, sich für
Ziele einzusetzen, die man selbst als wertvoll und legitim erachtet
und in denen man sich bedroht fühlt. Eine Art Kampf gegen
Gefährdungen also. Das ist zwar sehr allgemein, aber gut
getroffen, weil die Definition relativ offen ist. Das zeigt
natürlich, dass Solidarität vieles umfassen kann. Der
Begriff wird zwar oft als Kampfbegriff der Linken benutzt,
"solidarisch" muss aber nicht automatisch auch "links"
heißen. Solidarität und Freiheit, das hängt aber
zusammen. Und das zeigt sich auch im Internet.
Und schon sind
wir im Thema. Solidarität im Internet. Wie schaut die aus?
Da ist die Spanne
der Möglichkeiten fast abenteuerlich. Man kann für alles
Mögliche eintreten. Das interessante an Solidarität ist ja
– und das finde ich sehr wichtig –, dass sie mit Öffentlichkeit
zusammenhängt. Das ist auch das Interessante im Internet.
Solidarität lässt sich von Öffentlichkeit nicht
trennen und braucht sie. Und Öffentlichkeit wiederum fördert
Solidarität. So entstehen neue Solidaritätsformen im
Internet, weil es eine neue Form von Öffentlichkeit erzeugt. Zum
Beispiel Nachrichten von unten, Blogs aus dem privaten Lebensumfeld.
Die gab es früher nicht. Es war technisch und auch
gesellschaftlich nicht möglich.
Machen sie mal
einige Beispiele. Wo wird das Internet für solidarische Zwecke
genutzt?
Nun, der Lidl-Blog
von Verdi zum Beispiel. Hier initiiert eine traditionelle
Massenorganisation, eine Gewerkschaft, einen Blog. Dieser wird dann
praktisch durch die Öffentlichkeit und die Lidl-Mitarbeiter
übernommen und sie bekommen damit die Möglichkeit, sich zu
organisieren. Vorher musste es Flugblätter oder Zeitungen geben.
Heute ist Mobilisierung in neuer Form möglich.
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In dem Zusammenhang muss man aber auch sehen, dass es Tendenzen bei Regierung und Staat gibt, diese Freiheit zu beschneiden und unter Kontrolle zu bringen. Ich denke dabei gerade an das Thema Vorratsdatenspeicherung sowie andere Freiheitsbeschneidungen, die Ministerien noch im "Köcher" haben. Das sind Tendenzen, die einer freien Öffentlichkeit zuwider laufen. Freie Öffentlichkeit muss vom Staat unbeobachtet funktionieren können. Da müssen wir sehr wachsam sein – gerade die jungen Leute. Freiheit, Öffentlichkeit und Solidarität hängen ganz stark miteinander zusammen. Deshalb ist Solidarität in Diktaturen ja so schwierig.
Vor allem in Südkorea wird laut der Studie "Deutschland Online 4" das Social Web besonders intensiv genutzt. Deutschland liegt hierbei zwar noch vor Großbritannien und Frankreich, aber dennoch noch weit hinter den Möglichkeiten.
Als Beispiel ist OhmyNews.com vielleicht ganz passend. Das ist eine südkoreanische Nachrichtenseite von unten. Hier kann jeder seine Nachrichten einstellen. Ein Redaktionsteam verdichtet die Informationen auf Nachrichtenniveau. In Südkorea wurde schon sehr früh eine Kultur des Dialogs von unten gefördert. Spannend in diesem Zusammenhang sind die philosophischen Ansätze von Richard Rorty und Jürgen Habermas. Aber das auszuführen, würde jetzt zu weit führen.
Der Philosoph Jürgen Habermas spricht ja vom "deliberativen Verfahren der Willensbildung". Übersetzt heißt das, er plädiert dafür, dass alle ganz viel miteinander reden sollen und weissagt daraus eine funktionierende Demokratie. Er mag das Internet, zumindest sein Kommunikations-Potential. Denn das Internet ist zur Spielwiese geworden. Wie Tim O'Reilly, der Namensgeber des "Web 2.0", zusammengefasst hat, wurde aus "Veröffentlichung" die "Beteiligung", aus "Content Management Systemen" wurden die "Wikis", aus "mp3.com" wurde "Napster".
Ja, es gibt diesen Aufsatz aus dem Jahr 2005 von O'Reilly. Der gilt als intellektueller Startpunkt des Web 2.0. Er hat darin ein paar Buzzwords ausgeführt. Aber inzwischen beschäftigt sich auch die Kommunikationswissenschaft und die Onlineforschung mit diesen Begriffen und versucht diese zu reflektieren und diese in einen weiteren Theoriezusammenhang zu stellen. Was heißt zum Beispiel Interaktivität? Wie will man man diese messen? Sind die Nutzer wirklich so interaktiv, wie immer behauptet wird? Da zeigt sich, dass es noch immer eine passive Mehrheit gibt, gerade unter den Jugendlichen. Aber wer beispielsweise auf die Lidl-Plattform geht, nur um zu lesen, das ist ja auch in Ordnung und erfüllt den Kommunikationszweck.
Das Internet hat an Macht gewonnen. Einen Namen hat Kind auch schon, es nennt sich "User Empowerment". Was ist damit genau gemeint?
Das bedeutet – grob gesprochen –, dass man merkt, dass auch noch andere da sind und dass man sich mit anderen kommunikativ vernetzten kann. Also nichts anderes als eine neue Öffentlichkeit. Ein ganz einfaches Beispiel dazu: Früher saßen sie vor der Tagesschau, haben Nachrichten geglotzt und geglaubt, was da gesendet wurde. Heute kann man im Internet sehen, dass es noch viel mehr Wahrheiten, also Sichtweisen gibt. Ich beispielsweise habe mich zuletzt über die Berichterstattung der Tagesschau aufgeregt, als es um die Diskussion im Vorfeld der Vorratsdatenspeicherung ging. Es gab vor dem Bundestagsbeschluss eine große Demonstration in Berlin gegen die Vorratsdatenspeicherung. Und sie wurde in den 20-Uhr-Nachrichten nicht erwähnt. In den Onlineforen aber haben sich viele Leute darüber aufgeregt und ausgetauscht, dass die Demonstration nicht erwähnt worden war. Da merkt man, dass man mit seiner Wahrnehmung nicht allein ist. Sonst hat sich die Diskussion doch auf dem Wohnzimmersofa erschöpft. Das Internet ermöglicht es, von anderen zu erfahren.
Ist das Internet politisch?
Was heißt politisch? Das Internet verändert Öffentlichkeit und ist insofern hoch politisch. Schon mit dem Start des Internet, nennen wir es einmal Web 1.0, kam es zu einem Strukturwandel der Öffentlichkeit. Ob bestimmte politische Inhalte via Internet einflussreich sind, etwas bewegen? Ich denke schon, dass eine Wirkung da ist. Bei dem Taser-Fall in Kanada etwa. Dadurch kommen Diskussionen in Gang. Aber es gibt auch die Möglichkeit, dass Diskussionen versanden und wie im Falle der Vorratsdatenspeicherung keine Wirkung erreicht wird.
Bei der Vielfalt an Möglichkeiten, sich per Mausklick vom Schreibtisch aus zu solidarisieren, laufen wir da nicht Gefahr, die Chancen inflationär zu nutzen und sie damit auszuhöhlen?
Man muss schon ein Bewusstsein haben dafür, wo man mitmacht, wofür man seine Stimme abgibt oder nicht. Das ist eine Frage der Medienkompetenz. Die könnte beispielsweise auch an Schulen als Unterrichtsfach oder -einheit eingeführt werden. Da könnte man auch das Thema "unbedachte Äußerungen" aufgreifen. Denn vieles, das man mal schnell ins Netz gestellt hat, schlägt möglicherweise einige Zeit später auf einen zurück. Wenn der potentielle Arbeitgeber das etwa liest.
Das Interview führte Stephanie Lachnit. Ganz oldschool, per Telefon. Sie lebt in Köln als freie Journalistin.
Foto: Uni Leipzig
Weltkarte der Online-Communitys: http://xkcd.com/256/
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