Dass es
Solidaritätsbekenntnisse und entsprechende Bündnisse unter
Ländern gibt, sieht man jeden Tag in den Nachrichten. Woher
rühren diese solidarischen Verbindungen? Und wer agiert mit wem?
Was gibt es im täglichen politischen Geschäft zu beachten,
um diplomatische Winkelzüge zu ermöglichen und sich seine
potenziellen Solidaritätspartner warm zu halten? Gernot Erler,
Staatsminister im Auswärtigen Amt, ist überzeugt vom
Prinzip der strukturell verankerten Solidarität auf
internationaler Ebene. Ein Gespräch über europäische
Solidarität, nationalen Egoismus und Globalisierung.

Gernot Erler
Ernesto Che Guevara sagte, Solidarität sei die Zärtlichkeit
der Völker. Wie finden Sie die Formulierung?
Es
gefällt mir als romantische Idee. Aber in der Realität gibt
es diese Solidarität vor allem in struktureller Form: eben nicht
als reinen philosophischen Wertebegriff, sondern als
Organisationsprinzip. Ich denke, am interessantesten ist in diesem
Zusammenhang die
Europäische Union (EU): Hier herrscht eine Form
der Solidarität, die erlaubt, dass 27 Länder einen
vergleichbaren Lebensstandard haben.
Aber da gibt es doch die bekannten Kämpfe unter den
Mitgliedsländern um Abgaben auf der einen und Subventionen auf
der anderen Seite. Nach Solidarität klingt das nicht gerade.Klar
gibt es Interessenskonflikte. Das ist vollkommen normal. Aber wenn es
nicht ein solidarisches Grundverständnis gäbe, wäre es
kaum so attraktiv für alle anderen, die gerne in die EU wollen.
Die EU bietet nicht nur materielle Solidarität, sondern etwa auch
Sicherheit.
Das heißt: Solidarität unter Völkern funktioniert
heute nur noch, wenn sie verordnet wird?
Das
Prinzip der organisierten Solidarität ist doch gerade der Charme
der Europäischen Union. Die EU geht über das
allgemein gültige Bekenntnis zu Gleichheit hinaus und zeigt, dass
Solidarität auch praktisch umgesetzt werden kann – und zwar
so, dass es von allen Mitgliedern akzeptiert wird. Dieser Charme
sendet seine Botschaft weit über die EU hinaus.
So wie die Länder der Afrikanischen Union, die versuchen, die
Solidaritätsidee der EU zu kopieren?
Ja,
zum Beispiel. Die positiven Erfahrungen der EU haben auch die
Mitgliedsstaaten der Afrikanischen Union angeregt, das Prinzip der
organisierten Solidarität zu übernehmen. Aber die EU bemüht
sich, auch in anderen Gebieten für dieses Prinzip zu werben,
seit Frühjahr 2007 etwa mit der Initiative
Black Sea Synergy
in der Schwarzmeerregion oder in Zentralasien.
Solidarität also als Exportschlager?
In
der Sprache der Werbeslogans würde man es wohl so nennen.
Derartige Kooperationen mit Anrainerstaaten sind Teil der so
genannten Europäischen Nachbarschaftspolitik ENP: Wir versuchen,
neben der organisierten Solidarität innerhalb der EU dafür
zu sorgen, dass auch die Nachbarländer politisch und
wirtschaftlich stabil sind. Das heißt, Solidarität taucht
immer auch in abgestuften Formen auf: Die Ukraine, Georgien und
Moldawien etwa würden gerne EU-Mitglieder werden, aber dafür
ist es noch zu früh. Jetzt errichten wir erst einmal
Freihandelszonen mit der EU, das verschafft ihnen wirtschaftliche
Vorteile – im Gegenzug müssen diese Länder aber einige
grundlegende Regeln der EU übernehmen, wie etwa demokratische
und faire Wahlen, Pressefreiheit, um nur einige Beispiele zu nennen.
Wir wollen sie nicht vor den Kopf stoßen und versuchen, sie mit
diesen Angeboten bei der Stange zu halten. Solidarität ist eben
immer ein Geben und Nehmen.
Sie sagten: Solidarität gebe es in verschiedenen Abstufungen.
Bei Gipfeltreffen, G8-Konferenzen oder Sitzungen der Vereinten
Nationen sieht man immer wieder, dass bestimmte Länder
solidarischer untereinander zu sein scheinen als mit anderen. Woher
kommt dieses engere Solidaritätsgefühl?
Es
ist ganz natürlich, dass sich bei so großen
Zusammenschlüssen wie etwa den
Vereinten Nationen (
UN)
Untergruppen bilden, etwa die Entwicklungsländer oder alle, die
keinem größeren Bündnis angehören, das so
genannte Non-Allied-Bündnis. Diese Gruppierungen sind historisch
gewachsen, vor Abstimmungen verständigen sie sich untereinander,
um ihre Interessen gemeinsam zu vertreten. Aber grundsätzlich
ist die UN die wichtigste Institution, die auf Solidarität
basiert: Sie besitzt die Autorität, die Interessen von kleinen
und schwachen Ländern zu wahren, auch wenn sie keine eigene
Stimme haben.
Aber gerade bei Abstimmungen auf dieser internationalen Ebene
ziehen doch nicht immer alle an einem Strang. Wie solidarisch ist
dieses Verhältnis tatsächlich noch?
Ein
Manko an Solidarität sehe ich eher bei den einzelnen großen
Staaten, die versuchen, nur ihre eigenen Interessen durchzusetzen.
Das ist ein echtes Problem, weil es eben Schwierigkeiten auf der Welt
gibt, die nur gemeinsam angegangen werden können. Zum Beispiel,
wie man die Energieversorgung für alle sicher stellen oder den
Klimawandel aufhalten kann. Und einzelne Staaten handeln da eben sehr
egoistisch – und nicht solidarisch mit allen anderen.
Der Grat ist schmal, auf der einen Seite Solidarität zu
zeigen, auf der anderen Seite aber Kritik am unsolidarischen
Verhalten anderer zu üben. Wie macht man's richtig?
Die
Kunst besteht darin, allen klar zu machen, dass egoistische Politik
auf Dauer nicht erfolgreich ist. Man muss sich darüber
verständigen, dass man gemeinsame Werte braucht und sie auch
durchsetzen will. Sich mit diktatorischen Regimes gut zu stellen, nur
weil sie jede Menge Energieressourcen haben, ist der falsche Weg.
Zum Beispiel?
Nehmen
wir China und dessen Verhältnis zum
Sudan. Der Sudan ist ein
wichtiger Öllieferant, und weil Energieressourcen so begehrt
sind, war es lange Zeit nicht einfach, beispielsweise im
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, in dem China Veto-Recht hat,
vor dem Hintergrund der Verbrechen in der Darfur-Region zu einem
Konsens in der Sudan-Politik zu gelangen. Aber der unaufhörliche
kritische Dialog, den die internationale Gemeinschaft mit China
geführt hat, trägt jetzt seine Früchte: China hat
mittlerweile einen eigenen Beauftragten ernannt, der im Sudan zu
vermitteln versucht.
Der Politologe Ulrich von Alemann schreibt, Solidarität sei
ein verbrauchter Begriff und kaum mehr als "Verpackungsmüll".
Sie klingen dagegen eher wie ein Solidaritäts-Fan, oder?
Er
hat schon Recht, das Wort wird häufig in Reden benutzt, ohne
konkret mit Inhalt gefüllt zu werden. Aber gerade heute wird
Solidarität ja auch in die Tat umgesetzt, das sieht man an den
Bemühungen um eine gerechtere Weltordnung. Auf unseren Märkten
gibt es immer mehr fair gehandelte Produkte, Subventionen für
die Landwirtschaft in Europa werden abgebaut, um einen gerechteren
internationalen Wettbewerb zu ermöglichen.
Junge Globalisierungskritiker skandieren heute auf
Demonstrationen: Hoch lebe die internationale Solidarität! Sie
singen die "Internationale", ein Lied von 1910. Wie hat sich das
Verständnis von Solidarität denn geändert?
Die
Internationale ist ein Arbeiterlied und stand ursprünglich für
den Gegensatz zwischen Arbeiter und Kapital. Heute steht es für
das Bemühen um eine gerechtere Weltordnung, gegen die
Marginalisierung ganzer Regionen: Es geht um globale Solidarität.
Woher kommt dieses Revival?
Der
Begriff Globalisierung führt automatisch zum Wort Solidarität:
Kein Land, keine Region der Welt kann uns egal sein. Wirkliche
Entfernungen gibt es nicht mehr, wenn irgendwo etwas passiert, ein
Land instabil ist, wirkt sich das direkt auf uns aus. Globalisierung
zwingt uns zum Handeln. Im Prinzip die Version des 21. Jahrhunderts
der Wendung Solidarität sei die Zärtlichkeit der Völker.
Anne Haeming
schreibt als freie Autorin für Print- und Onlinemedien. Sie lebt
in Berlin.
Gernot Erler, 63, ist
Staatsminister im Auswärtigen Amt. Er studierte Geschichte,
Politik und Slawistik in Berlin und Freiburg und war danach
Verlagsleiter in Freiburg. Seit 1987 ist Erler Mitglied des Deutschen
Bundestages.
Foto, oben: ©spdfraktion.de
Foto, unten: ©morguefile
www.bpb.de/themen
Text
der Bundeszentrale für politische Bildung über das Prinzip
der Europäischen Nachbarschaftspolitik
www.youtube.com
Die
Internationale
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