
Wer trägt wen? Das Sozialsystem
ist ungerecht, glaubt der Wirtschaftsjournalist Michael Sauga – und
erklärt Schritte zu mehr Gerechtigkeit.
Herr Sauga, in Ihrem Buch
beschreiben Sie, dass Solidarität in Deutschland nicht mehr gut
funktioniert.
Absolut. Das deutsche Sozialsystem ist
extrem unsolidarisch! Die Grundbedingung für Solidarität,
nämlich ein Gleichgewicht von Rechten und Pflichten für
alle Menschen, ist absolut nicht gewahrt.
Inwiefern?
Was ich kritisiere, ist, wie dieses
System finan-ziert wird – nämlich nur über die
Arbeitnehmer, die Angestellten und Arbeiter. Die Beiträge für
die Sozialversicherungen, also die Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen-
und Rentenversicherung, werden den Arbeitnehmern jeden Monat
automatisch vom Lohn abgezo-gen. Das nennt sich dann Lohnnebenkosten.
Jetzt gibt es in Deutschland aber nicht nur Arbeitnehmer. Es gibt
noch andere, privilegierte Gruppen, und die müssen diese
Beiträ-ge nicht zahlen. Denen wird nichts abgezogen, sondern sie
zahlen freiwillig in private Versorgungssysteme ein, die nur ihnen
offen- stehen und die bessere Leistungen anbieten. Zu dieser Gruppe
gehören die Freiberufler und die Selbstständigen, auch die
Beamten und ironischerweise auch all die Arbeitnehmer, die gut bis
sehr gut verdienen. Denn wer über einen bestimmten Lohn kommt,
darf sich – zumindest teilweise – auch aus der gesetzlichen
Vorsorge verabschieden und privat vorsorgen. Im Klartext heißt
das: Das Sozialsystem, über das auch die Renten und das
Arbeitslosengeld finanziert werden, wird von schlecht bis mittel
verdienenden Arbeitnehmern finanziert, während sich alle anderen
aus dem System ausklinken können.
Aber die Arbeitgeber übernehmen
einen Teil der Sozialversicherungskosten für ihre Angestellten.
Was ist mit dem Arbeitgeberanteil?
Der ist nur Augenwischerei. Der
Arbeitgeber rechnet alle Ausgaben, die er für eine Stelle hat,
zusammen und daraus errechnen sich für ihn die tatsächlichen
Kosten. Wohin das Geld geht, ist ihm egal. In der Rechnung des
Arbeitgebers ist auch sein Anteil an den Sozialversicherungen einfach
nur Teil des Lohns seines Angestellten. Er überlegt sich: Ist
mir diese Arbeitsstelle diese Summe wert? Und wenn nicht, wird die
Stelle gestrichen.
Das hört sich alles nach einer
Zweiklassengesellschaft an.
Ist es auch. Die Mittelschicht zeigt
sich mit der Unterschicht solidarisch, während sich die
Oberschicht nur selbst finanziert, was natürlich viel einfacher
ist. Die Ausgaben für Arbeitslose, chronisch Kranke und
Pflegebedürftige und die Renten – das alles wird fi-nan-ziert
über die kleinen Angestellten, die Busfahrer, die Menschen am
Fließband.
Aber das Sozialsystem hat doch lange
gut funktioniert und hatte auch lange Vorbildcharakter. Was ist
passiert?
Es war von Anfang an falsch, das System
so zu konstruieren, dass die Beiträge über Abzüge vom
Arbeitslohn finanziert werden. Aber solange es genug Nachwuchs gab
und genug Arbeitsplätze, hat es funktioniert. Als die
geburtenstarken Jahrgänge der Fünfziger- und Sechzigerjahre
auf den Arbeitsmarkt strömten, gab es genug Arbeitnehmer, die
für das nötige Beitragsaufkommen sorgten. Nur ist die
Bevölkerungsentwicklung inzwischen eine ganz andere. Es gibt
weniger Nachwuchs, also auch weniger Arbeitnehmer. Außerdem
sind durch die relativ schlechte wirtschaftliche Lage und auch durch
die Globalisierung in den letzten Jahren Stellen abgebaut oder
ausgelagert worden. Weniger Arbeit-neh-mer in Festanstellungen –
das heißt auch, dass das Sozialsystem von immer weniger
Menschen finanziert wird. Und die Anfor-derun-gen die-ses Systems
werden sicher nicht weniger, schon allein durch die vielen
Arbeitslosen und Rentner. Noch geht das relativ gut, die Menschen,
die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren geboren wurden,
arbei-ten noch – aber in zwanzig Jahren, wenn sie in Rente sind,
sieht das ganz anders aus.
Was wäre Ihre solidarischere
Alternative zum jetzigen Sozialsystem?
Man muss die Lasten für die
Geringverdiener vermindern. Und die heute besser gestellten und
privilegierten Bevölkerungsteile müssen in die Pflicht
genommen werden. Sie müssen sich am Solidaritätsprinzip
beteiligen. Wir brauchen eine Art Bürgerversicherung bzw.
Erwerbstätigenversicherung für die Rente, in die alle
einzahlen. Dasselbe gilt für die Krankenversicherung. Die
Trennung zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung muss
aufgehoben werden. Dasselbe gilt für die Pflegeversicherung. Die
Lohnnebenkosten müssen gesenkt werden und unsere
Sicherungssysteme dafür viel mehr über Steuern finanziert
werden, die von allen bezahlt werden, nicht nur von den
Arbeitnehmern. Die skandinavischen Länder sind da ein gutes
Vorbild. Grob gesagt: Alle zahlen in denselben Topf ein und alle
bekommen auch aus demselben Topf wieder heraus.
Das hört sich ziemlich einfach
und logisch an. Warum wird das nicht schon längst so gemacht?
Die Wahrheit ist: Man macht es nicht,
weil man damit ganz bestimmten Gruppen erhebliche Einbußen
zumuten würde. Das sind die privilegierten Gruppen, die
natürlich auch großen Einfluss auf die Politik haben. Und
die Politiker scheuen sich davor, sie zu verprellen. Außerdem
lassen sich Steuererhö-hun-gen immer schlecht verkaufen, auch
wenn man dafür die Lohnnebenkosten senkt.
Politiker reden oft über
Solidarität: Solidarität zwischen den Generationen, den
Starken und den Schwachen oder Frauen und Männern. Und dann
treffen sie Entscheidungen, die der Solidarität offenbar
zuwiderlaufen. Warum?
Die Politiker schmücken sich
wahnsinnig gern mit dem Begriff der Solidarität, er ist positiv
besetzt, da widerspricht erst mal niemand. Wenn es aber darum geht,
wirklich So-lidarität durchzusetzen, heißt das auch, dass
man die Bessergestellten zur Solidarität mit den Ärmeren
und Schwächeren zwingen muss. Und das bedeutet, dass die
Unternehmer, die Beamten und die Besserverdiener stärker
belastet würden. Das gefällt denen natürlich nicht.
Zudem haben sie einen relativ hohen Einfluss auf die Politik. Zum
Beispiel sind ein Großteil der Abgeordneten im Deutschen
Bundestag selbst Beamte oder Freiberufler.
Können Sie ein Beispiel für
solch eine halbherzige Reform nennen?
Die Gesundheitsreform, die die Große
Koalition verabschiedet hat, sieht unter anderem sogenannte
Mutter-Kind-Kuren vor. Gestresste Mütter dürfen drei Wochen
mit ihren Kleinen in einer Kurklinik Ferien machen und sich erholen.
Da gab es erst mal Lob von al-len Seiten. Klar, dass man sich mit den
Müttern und Kindern solidarisch erklärt. Doch nun wird
diese Kur über die gesetzliche Kran-ken-versicherung finanziert.
Das ist Unsinn. Die Mütter sind doch nicht krank. Die Kur ist
eine zu begrüßende Unterstützung für die, die
den Nachwuchs unserer Gesellschaft großziehen. So etwas muss
über Steuern finanziert werden. Das wäre aber schon wieder
zu unpopulär. Also quetscht man die Kosten ein-fach auf die
lange Liste der Dinge, die von der Versicherung gezahlt werden, der
einfache Arbeitnehmer – und nur er – kommt dafür auf. Er hat
ja keine Wahl, und es wird schon nicht groß auffallen. Ein
weiteres Beispiel da-für, dass der Beitragszahler für dumm
verkauft wird.
Was würden Sie jungen Menschen
raten, die gerade mit der Ausbildung fertig sind und jetzt einen Job
suchen?
Wenn ich zynisch wäre, würde
ich allen raten, bloß keine Festanstellung anzunehmen, sondern
freiberuflich zu arbeiten, sich selbstständig zu machen oder
Beamter zu werden. Eines ist auf jeden Fall wichtig: unbedingt privat
Vorsorge zu treffen. Die, die jetzt ins Berufsleben eintreten, werden
von der gesetzlichen Rente nicht mehr viel rausbekom-men. Und
natürlich kann ich nur empfehlen, sich zu engagieren und für
einen Umbau des Sozialsystems zu kämpfen.
Wie sieht es denn außerhalb
der Sozial-systeme aus, wird das solidarische Klima in Deutschland
immer kälter?
So würde ich das nicht sehen. Ich
glaube, dass in Deutschland im Bereich der nicht-staatlichen
Wohlfahrtssysteme, von Seiten der Kirchen, Vereine und auch von
Privatleuten, nach wie vor sehr viel passiert. Zum Glück, denn
an vielen Stellen versagen die Sozialsysteme heute schon, werden die
wirklich Bedürftigen nicht mehr von den Sozialleistungen
erreicht. Ein Staat kann aber auch nicht alles an Hilfe für
Bedürftige allein stemmen, das muss man auch sehen. Viele
Menschen haben da überzogene Vorstellungen, was ein Staat alles
leisten kann. Wir werden immer auch auf nicht-staatliche
Solidaritätsagenturen angewiesen sein, auf die Kirchen, Vereine
und auch auf die Solidarität des Einzelnen.
Michael Sauga, 48, ist Redakteur
beim Nachrichtenmagazin »Spiegel«. Zuletzt von ihm
erschienen: »Wer arbeitet, ist der Dumme.Die Ausbeutung der
Mittelschicht« (Piper Verlag).
Interview: Lisa Goldmann;
Illustration: Dirk Schmidt
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