Die Besucherin
Die Verwandlerin
Die Rechtsform der Genossenschaft hat
sich für die Scheeßeler bewährt und trägt ihre
Schule bis heute erfolgreich. Die Privatschule ist staatlich
anerkannt, mehr als tausend Jungen und Mädchen lernen hier,
obwohl mittlerweile andere staatliche Gymnasien in der Nähe
sind. Zur Gründungszeit zahlte jedes Mitglied einen
Genossenschaftsanteil von rund 100 Mark, das war damals nach dem
Krieg eine große Kapitaleinlage. Heute gibt jede Familie
symbolisch einmal 50 Euro, egal wie viele ihrer Kinder in die Schule
gehen. Da-mit sind alle Teilhaber und haben in den Gremien
Mitspracherecht. Das ist für Schulleiter Ralf Goebel natürlich
nicht immer leicht, alles unter einen Hut zu bringen. Der
Schulelternbeirat und die Schulleitung versuchen aber immer, Probleme
gemeinsam zu lösen. Das Engagement bei Elternstammtischen und in
der Elternvertretung ist sehr hoch. Für drei Jahre wählen
die Mitglieder einen Vorstand aus ihren Reihen, der die Schule
ehrenamtlich führt. Der jetzige Vorsitzende ist gelernter
Kaufmann und hat die Schule schon durch einige Ebben in der
Bildungskasse des Staates hindurchgeschifft.
Dass sich die Genossenschaft ihre
Lehrer selber aussuchen darf, ist wohl der größte Vorteil
gegenüber staatlichen Schulen. Die rund siebzig angestellten
Pädagogen verdienen zwar weniger als ihre verbeamteten Kollegen,
aber sie werden dafür nicht einfach versetzt. Und besonders
engagierte Arbeit wird dank des Qualitätssicherungsmanagements
mit mehr Geld belohnt – das motiviert. Das Land zahlt der Schule
pauschal entsprechend der Schülerzahl einen Betrag, der die
Personalkosten decken soll.
Das Schulgeld allein reicht für
die Aufrechterhaltung des Schulbetriebs nicht aus. Monatlich 82 Euro
zahlen Eltern derzeit pro Mädchen und Junge. Meine Tochter Beate
ist schulgeldbefreit, wie jedes vierte Kind einer Familie. Wenn
nötig, wird der Beitrag alle paar Jahre den wachsenden
Lebenshaltungskosten um wenige Euro angepasst. Andere Privatschulen
verlangen bis zu 5000 Euro und mehr pro Monat. Dank des Schulgeldes
haben wir einige Freiheiten. In Niedersachsen wurde in den achten
Klassen der Mathematikunterricht von vier auf drei Stunden gekürzt,
wir haben das aus eigener Tasche wieder aufgestockt. Arbeitslose
Eltern bekommen den monatlichen Beitrag erlassen. Am Geld soll die
Bildung nicht scheitern.
Nach dem Schulabschluss können die
Mit-glieder den Genossenschaftsbeitrag zurückbe-kommen. Die
meisten verzichten darauf. Sie wollen die Schule weiter unterstützen.
Eine staatliche Schule in Scheeßel wäre kostenlos, aber
nicht so lokal verwurzelt. Das überdurch-schnittliche Engagement
hat schon sehr viel bewegt.
Zum sechzigsten Geburtstag der Schule
haben Lehrer, Schüler und Eltern einen Pausengarten alternativ
zum Asphalthof geschenkt. Eltern spendeten dafür. Alle
arbeiteten mit. So entstand auch die Cafeteria. Mehr als die Hälfte
der 2,5 Millionen Euro für unsere neue Turnhalle konnten wir
durch gutes Wirtschaften, Sponsoren und Schulgeld aufbringen, der
Rest waren Zuschüsse. Als Nächs-tes ist der Ausbau der
Naturwissenschaften, Musik und Kunst für rund 3,5 Milli-onen
Euro geplant. Wenn wir es uns leisten können, setzen wir solche
Projekte sofort um.“ Patricia Dudeck
Der Tauscher
Thomas Rausch, 50, ist seit acht Jahren
Mitglied im »Kreuzberger Tauschring«.
„Ganz ohne Geld zu leben, das habe
auch ich noch nicht geschafft. Aber für viele Dinge bezahle ich
nicht mit Euro, sondern mit meiner eigenen Arbeit. Erst kürzlich
habe ich mal wieder Fotos von mir und meiner Freundin bei einer
professionellen Fotografin machen lassen. Das ist ja normalerweise
sehr teuer, aber nicht für mich. Ich bezahle nichts, helfe dafür
aber anderen Menschen beim Umzug, repariere ihr Fahrrad oder erledige
einfache Handwerksarbeiten. Diesen Austausch von Dienstleistungen
ermöglicht mir der ,Kreuzberger Tauschring‘. Vor acht Jahren
erzählte mir eine Bekannte von solchen Tauschgemeinschaften, von
denen es mehr als 300 in Deutschland gibt. Ich war sofort begeistert.
In Kreuzberg, wo ich lebe, sind wir
mittlerweile über 350 Mitglieder. Der Tauschring ist ein
richtiges Netzwerk. In Annoncen des Straßenkreuzers – so
heißt unsere eigene Zeitung – und auf monatlichen
Tauschrausch-Treffen bietet jeder an, was er besonders gut
beherrscht. Im Gegenzug holt man sich Hilfe bei Dingen, die man
allein nicht kann. Es gibt viel Praktisches wie Umzugshilfe oder
Elektroarbeiten, aber auch Massagen, Kuchenbacken und Exotisches wie
,Ich höre eine Stunde zu‘. Und es gibt eine eigene Währung:
Sie heißt ,Kreuzer‘. Damit können wir die
Dienstleistungen indirekt tauschen.
Das Prinzip ist ganz einfach: Für
eine Stunde Arbeit erhält man bei uns per Quittung 20 Kreuzer,
die man dann bei einem anderen Mitglied einlösen kann. Eine
Stunde Fußbodenschleifen zählt dabei genauso viel wie eine
Stunde den Hund spazieren zu führen. Denn hinter dem Tauschring
steht ein sozial-reformerischer und solidarischer Grundgedanke: Nicht
das soziale Prestige einer Arbeit ist entscheidend, sondern die
darauf verwendete Lebenszeit. Statt betriebswirtschaftlich nur an den
eigenen Profit zu denken, sollen alle gleichermaßen
profitieren.
Der Kreuzberger Tauschring ist der
älteste und größte in Berlin, er wurde 1995
gegründet. Die ursprüngliche Idee reicht ins Mittelalter
zurück, wurde dann aber vergessen. Einer der Gründerväter
des modernen Tauschrings ist Michael Linton. Er hat die Idee mit
Local Exchange Trading Systems (LETS) wiederbelebt. Weil in den
Großstädten heute immer mehr Menschen ohne Familie oder
Kontakte zu Nachbarn leben, ha-ben Tauschringe wieder Zulauf.
Vielleicht hat es aber auch mit Hartz IV zu tun.
Durch den Tauschring kann man seinen
Lebensstandard verbessern. Ich bin Chemielaborant, habe aber seit
einigen Jahren keine geregelte Arbeitsstelle mehr. Trotzdem muss ich
auf nichts verzichten: Ich habe einen Friseur, eine Schneiderin und
auch einen Computerexperten, der mir meinen PC auf den neuesten Stand
bringt. Am wichtigsten sind für mich aber die Kontakte: Wer hier
aktiv ist, lernt viele nette Leute kennen. Gestern habe ich einen
Duschvorhang montiert. Jetzt wechsle ich meine Kreuzer bei der
Tischlerin Birgit ein. Sie hilft mir, ein CD-Regal für mein
Wohnzimmer zu bauen. Nur zum Doktor muss ich noch ganz regulär
gehen. Denn leider machen kaum Ärzte bei uns mit.“ Tina
Hüttl
Die Feuerwehrmönche
Bruder Anno, 58, ist Benediktinermönch
und Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr in St. Ottilien in
Oberbayern.
„Wir sind beides, Benediktinermönche
und Feuerwehrmänner. Manchmal müssen wir auch recht schnell
zwischen dem einen und dem anderen wechseln. Und es ist auch schon
passiert, dass wir in der Gebetsstunde saßen und der
Feuerwehrpiepser ging los. In so einem Fall gehen wir ganz langsam
und andächtig aus der Klosterkirche. Erst wenn wir draußen
sind, laufen wir los. Vom Kloster zum Feuerwehrhaus sind es
vielleicht 200 Meter, und die Feuerwehruniformen anzuziehen dauert
nicht einmal eine Minute.
Die Feuerwehr hier in St. Ottilien hat
gerade den hundertsten Geburtstag gefeiert. Anfang 1906 hatte es im
Klosterareal gebrannt. Gleich danach wurde unsere Feuerwehr
gegründet.
Eigentlich sind wir eine ganz normale
Feuerwehr, wir haben einmal im Monat eine große Übung, und
wir machen regelmäßig Leistungstests. Wir sind auch nicht
nur für das Kloster zuständig, wir helfen regelmäßig
im Umland aus. Ein paar Kilometer entfernt verläuft die Lindauer
Autobahn, und dort sind wir auch für einen Teilabschnitt
zuständig. Die meisten Einsätze bestehen darin,
Unfallstellen zu sichern. Feuerwehrmann zu sein bedeutet zu helfen,
und ich finde, dass dieser Teilberuf gut zu unserem Dasein im Kloster
passt. Unser Wahlspruch lautet: Gott zur Ehr, dem Nächsten zur
Wehr.
Als Mönche könnten wir auch
am Unfallort Seelsorge betreiben, doch das ist noch nicht oft
vorgekommen. Ich habe es aber schon er-lebt, dass Menschen gestorben
sind. Es ist schlimm, wenn man zu Einsätzen fährt, bei
denen man nicht mehr helfen kann. Da wird jemand aus seinem Auto
geschnitten, das kann Stunden dauern. Endlich könnte man ihn
verarzten, und dann stirbt er. Das ist schwer zu ertragen. Zum Glück
kommt das immer seltener vor: Auf der Autobahn wurde eine
Geschwindigkeitsbegrenzung eingeführt, seitdem passieren weniger
schwere Unfälle. Im Jahr 2007 hatten wir ein gutes Dutzend
Einsätze. Aber ich finde es schon ein wenig enttäuschend,
wie unsolidarisch sich manche Menschen verhalten. Mit unserem
Löschfahrzeug können wir maximal 90 km/h fahren. Aber
selbst wenn wir mit Blaulicht unterwegs sind, werden wir ständig
überholt. Die Menschen haben es alle so eilig.
Jeder Bruder, der neu zu uns kommt,
kann der Feuerwehr beitreten. Zurzeit sind wir gut hundert Mönche,
bei der Feuerwehr sind wir derzeit 16 Mann. Diejenigen, die dabei
sind, machen es – glaube ich – teilweise aus Pflichtgefühl
und teilweise deshalb, weil sie helfen wollen. Aber wir könnten
durchaus ein paar mehr sein.“ Christoph Leischwitz
Der Mobbing-Gegner
Alexander Hemker, 16, besucht die
zehnte Klasse eines Gymnasiums in Hamburg und betreibt mit einem
Freund seit Anfang des Jahres ein Internetportal für
Mobbingopfer.
„Früher wurde ich selbst lange
gemobbt, weshalb ich die Schule wechseln musste. Das Portal habe ich
gegründet, damit ich anderen Betroffenen mit meinen Erfahrungen
helfen kann. Mir selbst hat das Schreiben in dem Forum sehr
weitergeholfen. So konnte ich meine Aggressionen rauslassen. Heute
muss ich das zum Glück nicht mehr und kann anderen Betroffenen
Tipps geben. Es hilft den Mobbingopfern schon sehr, wenn sie im Forum
jemanden finden, der sich mit ihnen auseinandersetzt. Wenn man sieht,
dass man nicht der einzige Betroffene ist, dann macht einen das
stärker. Man merkt, dass anderen Menschen Ähnliches
passiert ist und sie es überstanden haben. So können
Mobbing-opfer durch das Forum einen Ausweg finden. Es gab zum
Beispiel einige Betroffene, die die Schule gewechselt haben, nachdem
ihnen das User auf unserer Seite empfohlen haben. Auf
schueler-gegen-mobbing.de gibt es zwar keine professionelle Hilfe,
aber ab und zu schreiben auch Psychologen im Forum.
Es haben sich inzwischen etwa 600
Personen angemeldet, bis heute wurden fast 6500 Beiträge im
Forum geschrieben. Hauptsächlich be-suchen Schüler die
Seite, aber auch Eltern und Lehrer, die sich für das Thema
interessie-ren. Die meisten der Nutzer haben Erfahrung mit Mobbing
gemacht. Andere schreiben, weil sie einfach Verständnis für
die Situation der Mobbingopfer haben. Teilweise werden hundert
Beiträge am Tag geschrieben.
Es hat mich anfangs erstaunt, wie stark
das Angebot genutzt wird. Es war mir überhaupt nicht bewusst,
wie viele Jugendliche von Mobbing betroffen sind. Obwohl wir noch ein
sehr junges Projekt sind, sind wir heute schon eines der größten
Foren zu diesem Thema in Deutschland.
Trotzdem verlangen wir für unser
Angebot kein Geld. Alle Personen mit Internetzugang sollen die Seite
voll nutzen können. Und inzwischen kommen ja fast alle Schüler
ins Internet. Ein Vorteil unserer Seite ist, dass die Nutzer ihre
persönlichen Daten nicht preisgeben müssen. So können
sie anonym schreiben. Andere Personen, die möglicherweise nach
ihnen auf der Seite Ausschau halten, können sie nicht finden.
Das gibt den Betroffenen Sicherheit und baut auch die Hemmungen ab,
über ihre Erfahrungen zu berichten. Bisher haben wir nur
positive Rückmeldungen von den Nutzern bekommen. Die finden es
auch gut, wie offen ich mit dem Thema Mobbing umgehe und dass ich mit
meinem Wissen anderen Menschen helfe. Ein Freund von mir hilft beim
Programmieren, inhaltlich kümmere ich mich aber weitgehend
allein um die Seite. Weil das Portal so erfolgreich ist, muss ich
immer mehr Zeit damit verbringen, inzwischen bis zu vier Stunden pro
Woche. Das ist aber kein Problem für mich, weil es mir wirklich
Spaß macht, Mobbingopfer zu unterstützen.“ Moritz Schröder
Fotos: Enver Hirsch, Sorin Morar, Gerrit Hahn, Jens-Ulrich Koch
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