Es gibt "Männerfreundschaften",
und es gibt "Frauensolidarität". Das eine klingt nach
einer privaten Angelegenheit, nach Fußballspielen und
Zusammenausgehen, das andere nach einer gesellschaftlichen Instanz,
nach Demonstrationen, auf denen "Wir fordern eine
Quote"-Transparente geschwenkt werden. Doch in Wahrheit sind die
Verhältnisse häufig anders herum: Frauensolidarität
beschränkt sich fast ausschließlich auf private
Freundschaften, im öffentlichen Leben aber sind es die
Männerbünde, durch die Karrieren gemacht werden und in
denen Einfluss verteilt wird. Wer wissen will, warum Frauen lieber
bei einem Cap-puccino plaudern anstatt gemeinsam für ihre
Interessen zu kämpfen, muss an vielen Stellen suchen. Antworten
gibt es im modernen weiblichen Selbstverständnis, im
Berufsalltag, in der Kindheit.
Mädchen und Jungen werden immer
noch unterschiedlich erzogen. Jungen dürfen raufen, Wut oder
Ärger auch mal körperlich ab-reagieren. Mädchen
dagegen werden getadelt, wenn sie sich mit jemandem prügeln. Die
westliche Gesellschaft gesteht Jungen Aggressionen zu – sie sollen
ja später auch eine Familie ernähren und beschützen
können. Mädchen dagegen werden hauptsächlich zu guten
Ehefrauen und Müttern erzogen. Sie lernen früh die von
ihnen erwarteten Tugenden: Lieb, brav, fürsorglich, hübsch
und zärtlich sollen sie sein. Aber natürlich sind auch
Mädchen mal zornig. Weil sie aber gelernt haben, dass sich
offenes aggressives Verhalten "für ein Mädchen nicht
gehört", leben sie ihre Aggressionen subtiler aus als
Jungen – indem sie sticheln, intrigieren, andere "fertigmachen".
Und zwar vorzugsweise andere Mädchen, denn die wurden ja so
erzogen wie sie und werden sich deshalb nur in seltenen Fällen
offen zur Wehr setzen.
Dieser Reflex funktioniert heute wie
vor dreißig Jahren, weil sich die Machtverhältnisse in der
Gesellschaft immer noch nicht entscheidend geändert haben. Die
Feministinnen der Siebzigerjahre verbanden mit dem Schlagwort
"Frauensolidarität" große Hoffnungen: Wenn
Frauen Netzwerke bilden, würde das zu einer weiblicheren, also
irgendwie auch besseren Gesellschaft führen. Alice Schwarzer ist
das Paradebeispiel für fleißiges Netzwerken: Sie bildet
Zirkel mit Journalistinnen und Politikerinnen, kommuniziert in alle
Richtungen. Doch die große Masse der Frauen tut es ihr nicht
gleich. Nach der Frauenbewegung brach schnell das Zeitalter der
totalen Individualisierung an, und leider verwechseln mittlerweile
viele Menschen Individualität mit Einzelkämpfertum: Man
könne alles erreichen, wenn man sich nur genug an-strengt, und
vor allem könne jeder alles auch allein erreichen. Vor allem
diejenigen, die zu emanzipierten Frauen erzogen wurden, haben dieses
Mantra vom Individualismus verinnerlicht. Gelingt ihnen einmal etwas
nicht, halten sie das für ihr ganz persönliches Versagen.
Wer sein Scheitern dagegen auch mal auf geschlech-terrelevante
Faktoren abklopft, gilt als total rückständig oder sogar
als "Emanze", was für viele zum Schimpfwort geworden
ist.
"Frauensolidarität"
erscheint vielen wie eine Vokabel aus einem anderen Zeitalter. Doch
das, was dahintersteckt, ist heute wichtiger denn je, und zwar nicht
nur im Berufsleben. Wenn junge Frauen feiern, sollten sie darauf
achten, dass ihnen keiner K.o.-Tropfen ins Glas kippt - was in den
letzten Jahren vermehrt vorgekommen ist. Frauen bewegen sich heute in
allen Bereichen der Gesellschaft und der Stadt und können nach
wie vor Opfer eines sexuellen Übergriffes werden. Im Privaten
kann Solidarität die negativen Folgen einer individualisierten
Gesellschaft auffangen. Im gesellschaftlichen Leben aber können
Mädchen und Frauen nach wie vor durch solidarisches Verhalten
sogar die bestehenden Machtverhältnisse beeinflussen: Wenn sie
die Leistung anderer Frauen anerkennen, statt sich über deren
Schwächen zu definieren. Es ist natürlich leichter, über
die schräge Frisur der Kommilitonin zu lästern, als ihre
Anstren-gungen für ökologisches Mensaessen zu loben. Doch
solange Frauen sich das Leben ge-genseitig schwer machen, werden sich
die Strukturen nicht ändern.
Erst durch ein Miteinander, zum
Beispiel beim Gespräch über Probleme in Studium oder Beruf,
wird strukturelle Benachteiligung schneller als solche erkannt und
nicht mehr so leicht als "individuelles Scheitern" abgetan.
Nach dem Miteinandersprechen kommt das Miteinanderhandeln, sei es
eben für ökologisches Mensaessen oder später in einem
Unternehmen für einen rauchfreien Pausenraum – was auch immer:
Die Erfahrung, dass Frauen sich auf Frauen verlassen können,
wird ihr strategisches Verhalten grundlegend ändern. Weil sie
lernen, dass nicht mehr nur die Männer zuständig für
Machtfragen sind. Stutenbissigkeit und Zi-ckenterror, Adieu.
Die Autorinnen veröffentlichen mit
Meredith Haaf im März 2008 das Buch »Wir Alphamädchen.
Warum Feminismus das Leben schöner macht« im Verlag
Hoffmann und Campe.
Illustration: Eva Hillreiner
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