Der 35-Jährige
arbeitet in Siegen als freiberuflicher Redenschreiber und
Ghostwriter, vor allem für Kunden aus Wirtschaft und Politik:
Manager und Abgeordnete – aber auch für Menschen, die privat
eine Rede halten wollen, etwa auf einer Hochzeit oder Beerdigung, hat
Rosenbauer schon geschrieben. Die Liste seiner Kunden ist
mittlerweile lang. Das Geschäft mit dem gesprochenen Wort geht
gut. Für Rosenbauer liegt der Grund dafür auf der Hand:
"Man erwartet zwar von halbwegs intelligenten Menschen, dass sie
reden können – genauso wie sie rechnen, schreiben und lesen
können. Doch das ist selten der Fall. Besonders Politiker und
Politikerinn glauben, dass sie Reden halten können, aber oft ist
das ein Trugschluss. Tatsächlich ist das Niveau vieler Redner in
Deutschland schlecht.“
Anders als in
angelsächsischen Ländern wurde Rhetorik in Deutschland
lange nicht an Schulen gelernt. Ein Nachteil, wie sich heute zeigt.
Erst in den vergangenen Jahren haben Schulen und Universitäten
begonnen, nach englischem und amerikanischem Vorbild Debattierclubs
einzurichten. "Früher wäre es undenkbar gewesen, dass
man das Reden und Reden schreiben so wie ich an der Uni lernt“,
sagt Frank Rosenbauer. In Siegen, wo er Angewandte
Sprachwissenschaft, Soziologie und Psychologie studierte, gehörten
Rhetorikkurse jedoch zum Programm. Dass er aber Redenschreiber werden
würde, verdankt er eher einem Zufall – und dem Zuhören
von schlechten Rednern. Wie viele, die heute als hauptberufliche
Redenschreiber arbeiten, startete auch Rosenbauer als Journalist.
Eine Rede muss zum Redner passen
"Als freier
Mitarbeiter bei einer Lokalzeitung wurde ich oft zu Pressekonferenzen
oder irgendwelchen Jahreshauptversammlungen von Unternehmen
geschickt. Wie viele, sterbenslangweilige Reden habe ich da gehört!
Und das Schlimme war: Alle anderen Zuhörer konnten wenigstens
tagträumen, ich als Journalist musste aber aufpassen, dass ich
das eine, wichtige Zitat nicht verpasse“.
Eines Tages, Frank
Rosenbauer studierte noch, rief ihn plötzlich der Chef eines
Holzmaschinen-Herstellers an und fragte, ob er nicht eine Rede für
ihn schreiben könne. Eine Tochterfirma feiere Jubiläum.
Rosenbauer sagte zu – sein erster Auftrag als Redenschreiber.
"’Machen Sie mal was mit Goethe’, hat er gesagt“, erinnert
sich Rosenbauer lachend, "ich bin dann in die Uni-Bibliothek
gerannt und habe zum Glück in einem Gesamtverzeichnis von
Goethes Zitaten eines zum Thema "Holz“ aufgetrieben. Der Kunde
war zufrieden.“ Rosenbauer ist dagegen oft unglücklich, wenn
seine Kunden Dichterzitate wünschen. "Sie wollen unbedingt
Eindruck machen und denken, dass klappt mit einem Goethe- oder
Schillerzitat. Aber meistens ist der Kunde gar kein Typ dafür.“
Eine Rede muss zu
ihrem Redner passen. Deshalb ist eine gute Vorbereitung auf den
Anlass und die Person das A und O: In der Regel bekommt Frank
Rosenbauer von seinen Auftraggeber einen Redeentwurf, damit er weiß,
worum es thematisch geht. Dann beginnt die eigentliche Recherche.
Vieles kann er im Internet erfahren, doch vor allem wenn eine Person
im Mittelpunkt steht, braucht Rosenbauer gerade private Infos: "Wenn
es etwa um die Verabschiedung eines Mitarbeiters geht, dann bekomme
ich oft zwar einen Lebenslauf. Aber ich muss mehr wissen: Wie war
er, welche Aussprüche hat er gemacht?“ So etwas erfragt
Rosenbauer meistens bei Sekretärinnen oder persönliche
Assistenten. "Es ist zudem gut, immer mit demjenigen zu
sprechen, für den man die Rede schreibt“, erzählt er,
dann hört man, wie er redet – und das ist Gold wert!“
Im
Preis mitinbegriffen: Diskretion
Erst dann beginnt
die eigentlich Arbeit am Redeentwurf. Der vielleicht wichtigste
Grundsatz ist dabei: Der Redenschreiber muss wissen, dass er fürs
Hören schreibt. Das heißt: kurze Sätze, bildhaft
schreiben, Vergleiche ziehen – und viele Wortwiederholungen
einbauen. In Texten, die gelesen werden können, gilt dies sonst
als schlechter Stil, in Reden aber sind Wiederholungen dringend
notwendig. Zuhörer und Zuhörerinnen verlieren so nicht so
leicht den Faden und können einer Rede besser folgen.
Zum Schluss versieht
Frank Rosenbauer das Redemanuskript mit Einübungshilfen: Was der
Redner betonen soll, wird unterstrichen. An Stellen, wo er dagegen
lächeln oder ernst schauen soll, fügt er kleine Emoticons
ein. Reichen solche Regieanweisungen aber nicht aus, empfiehlt
Rosenbauer einen Kommunikationstrainer, der beim Einstudieren der
Rede behilflich ist. "Der gibt Tipps zu Haltung und Erscheinung,
etwa, dass man die Krawatte locker binden oder es vermeiden sollte,
sich am Rednerpult festzukrallen“.
Solche Hilfe lassen
sich viele Managern und Managerinnen richtig etwas kosten: Auf dem
freien Markt eingekaufte Reden kosten oft vier bis fünfstellige
Beträge, abhängig natürlich von der Prominenz des
Redenschreibers und der Länge der Rede. Als Faustregel in der
Branche gilt: Pro Redeminute berechnen Redenschreiber wie Frank
Rosenbauer etwa 70 bis 125 Euro.
Mitinbegriffen im
Preis aber eigentlich unbezahlbar: Diskretion. Die Namen seiner
Kunden würde Frank Rosenbauer nämlich niemals nennen.
Inzwischen ist zwar bekannt ist, dass die meisten bekannten Politiker
und Politikerinnen oder hoch dotierten Manager Redenschreiber
engagieren. "Doch im konkreten Fall gibt kein Bürgermeister
oder Firmenchef gern zu, dass seine fulminante Rede aus der Feder
eines Ghostwriters stammte“, sagt Rosenbauer. Damit die
professionelle Hilfe nicht auffällt, zahlen die meisten ihre
Rede aus dem Privatportemonnaie. Oft wird Frank Rosenbauer sogar
gebeten, bei der Rechnungsstellung die Dienstleistung nicht beim
Namen zu nennen: "Ich schreibe dann statt "Rede“ einfach
"Rhetorische Beratung“.
Sandra Schmid
arbeitet als freie Journalistin in Berlin
Foto: Nils Winkler, Photocase