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Gegen das große Gähnen

Beruf: Redenschreiber/in

28.1.2008 | Sandra Schmid | Artikel drucken

500 Leute im Saal, alle Augen sind auf das Podium gerichtet. Der Redner ist nervös, räuspert sich. An sein Pult geklammert beginnt er schließlich zu sprechen. Leise und hastig. Seite für Seite rattert er monoton herunter. 30 Minuten dauert das, doch diese Minuten fühlen sich an wie Stunden. Im Saal wird getuschelt, sogar gegähnt. Was für die meisten ein Alptraum ist, macht Frank Rosenbauer Spaß: "Eine Rede zu halten ist doch toll – und so einfach! Schon mit einem bisschen Witz kann man sein Publikum begeistern. Und wenn das Lampenfieber weicht und der Applaus kommt –großartig!“

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Der 35-Jährige arbeitet in Siegen als freiberuflicher Redenschreiber und Ghostwriter, vor allem für Kunden aus Wirtschaft und Politik: Manager und Abgeordnete – aber auch für Menschen, die privat eine Rede halten wollen, etwa auf einer Hochzeit oder Beerdigung, hat Rosenbauer schon geschrieben. Die Liste seiner Kunden ist mittlerweile lang. Das Geschäft mit dem gesprochenen Wort geht gut. Für Rosenbauer liegt der Grund dafür auf der Hand: "Man erwartet zwar von halbwegs intelligenten Menschen, dass sie reden können – genauso wie sie rechnen, schreiben und lesen können. Doch das ist selten der Fall. Besonders Politiker und Politikerinn glauben, dass sie Reden halten können, aber oft ist das ein Trugschluss. Tatsächlich ist das Niveau vieler Redner in Deutschland schlecht.“

Anders als in angelsächsischen Ländern wurde Rhetorik in Deutschland lange nicht an Schulen gelernt. Ein Nachteil, wie sich heute zeigt. Erst in den vergangenen Jahren haben Schulen und Universitäten begonnen, nach englischem und amerikanischem Vorbild Debattierclubs einzurichten. "Früher wäre es undenkbar gewesen, dass man das Reden und Reden schreiben so wie ich an der Uni lernt“, sagt Frank Rosenbauer. In Siegen, wo er Angewandte Sprachwissenschaft, Soziologie und Psychologie studierte, gehörten Rhetorikkurse jedoch zum Programm. Dass er aber Redenschreiber werden würde, verdankt er eher einem Zufall – und dem Zuhören von schlechten Rednern. Wie viele, die heute als hauptberufliche Redenschreiber arbeiten, startete auch Rosenbauer als Journalist.

Eine Rede muss zum Redner passen

"Als freier Mitarbeiter bei einer Lokalzeitung wurde ich oft zu Pressekonferenzen oder irgendwelchen Jahreshauptversammlungen von Unternehmen geschickt. Wie viele, sterbenslangweilige Reden habe ich da gehört! Und das Schlimme war: Alle anderen Zuhörer konnten wenigstens tagträumen, ich als Journalist musste aber aufpassen, dass ich das eine, wichtige Zitat nicht verpasse“.

Eines Tages, Frank Rosenbauer studierte noch, rief ihn plötzlich der Chef eines Holzmaschinen-Herstellers an und fragte, ob er nicht eine Rede für ihn schreiben könne. Eine Tochterfirma feiere Jubiläum. Rosenbauer sagte zu – sein erster Auftrag als Redenschreiber. "’Machen Sie mal was mit Goethe’, hat er gesagt“, erinnert sich Rosenbauer lachend, "ich bin dann in die Uni-Bibliothek gerannt und habe zum Glück in einem Gesamtverzeichnis von Goethes Zitaten eines zum Thema "Holz“ aufgetrieben. Der Kunde war zufrieden.“ Rosenbauer ist dagegen oft unglücklich, wenn seine Kunden Dichterzitate wünschen. "Sie wollen unbedingt Eindruck machen und denken, dass klappt mit einem Goethe- oder Schillerzitat. Aber meistens ist der Kunde gar kein Typ dafür.“

Eine Rede muss zu ihrem Redner passen. Deshalb ist eine gute Vorbereitung auf den Anlass und die Person das A und O: In der Regel bekommt Frank Rosenbauer von seinen Auftraggeber einen Redeentwurf, damit er weiß, worum es thematisch geht. Dann beginnt die eigentliche Recherche. Vieles kann er im Internet erfahren, doch vor allem wenn eine Person im Mittelpunkt steht, braucht Rosenbauer gerade private Infos: "Wenn es etwa um die Verabschiedung eines Mitarbeiters geht, dann bekomme ich oft zwar einen Lebenslauf. Aber ich muss mehr wissen: Wie war er, welche Aussprüche hat er gemacht?“ So etwas erfragt Rosenbauer meistens bei Sekretärinnen oder persönliche Assistenten. "Es ist zudem gut, immer mit demjenigen zu sprechen, für den man die Rede schreibt“, erzählt er, dann hört man, wie er redet – und das ist Gold wert!“

Im Preis mitinbegriffen: Diskretion

Erst dann beginnt die eigentlich Arbeit am Redeentwurf. Der vielleicht wichtigste Grundsatz ist dabei: Der Redenschreiber muss wissen, dass er fürs Hören schreibt. Das heißt: kurze Sätze, bildhaft schreiben, Vergleiche ziehen – und viele Wortwiederholungen einbauen. In Texten, die gelesen werden können, gilt dies sonst als schlechter Stil, in Reden aber sind Wiederholungen dringend notwendig. Zuhörer und Zuhörerinnen verlieren so nicht so leicht den Faden und können einer Rede besser folgen.

Zum Schluss versieht Frank Rosenbauer das Redemanuskript mit Einübungshilfen: Was der Redner betonen soll, wird unterstrichen. An Stellen, wo er dagegen lächeln oder ernst schauen soll, fügt er kleine Emoticons ein. Reichen solche Regieanweisungen aber nicht aus, empfiehlt Rosenbauer einen Kommunikationstrainer, der beim Einstudieren der Rede behilflich ist. "Der gibt Tipps zu Haltung und Erscheinung, etwa, dass man die Krawatte locker binden oder es vermeiden sollte, sich am Rednerpult festzukrallen“.

Solche Hilfe lassen sich viele Managern und Managerinnen richtig etwas kosten: Auf dem freien Markt eingekaufte Reden kosten oft vier bis fünfstellige Beträge, abhängig natürlich von der Prominenz des Redenschreibers und der Länge der Rede. Als Faustregel in der Branche gilt: Pro Redeminute berechnen Redenschreiber wie Frank Rosenbauer etwa 70 bis 125 Euro.

Mitinbegriffen im Preis aber eigentlich unbezahlbar: Diskretion. Die Namen seiner Kunden würde Frank Rosenbauer nämlich niemals nennen. Inzwischen ist zwar bekannt ist, dass die meisten bekannten Politiker und Politikerinnen oder hoch dotierten Manager Redenschreiber engagieren. "Doch im konkreten Fall gibt kein Bürgermeister oder Firmenchef gern zu, dass seine fulminante Rede aus der Feder eines Ghostwriters stammte“, sagt Rosenbauer. Damit die professionelle Hilfe nicht auffällt, zahlen die meisten ihre Rede aus dem Privatportemonnaie. Oft wird Frank Rosenbauer sogar gebeten, bei der Rechnungsstellung die Dienstleistung nicht beim Namen zu nennen: "Ich schreibe dann statt "Rede“ einfach "Rhetorische Beratung“.

Sandra Schmid arbeitet als freie Journalistin in Berlin

Foto: ©neelz / photocase.com



http://redegold.de/
Website von Frank Rosenbauer, dem freien Redenschreiber

http://www.vrds.de/
Berufsverband der Redenschreiber

http://www.rednerschule.de/
Einer der ältesten freien Rhetorik-Weiterbildungsträger zuerst in Bonn, heute in Berlin. Richtete sich ursprünglich v.a. an Abgeordnete des Deutschen Bundestags.

http://www.cicero-rednerpreis.de/index.htm
Jährlich verleiht der Verlag Deutsche Wirtschaft diesen Redner-Preis