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Konrad Lischka: Spielplatz Computer

Geschichte und Kultur des "Game Over"

29.3.2002 | Oliver Köhler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Inzwischen scheint die Faustregel des Informationszeitalters zu lauten: Je weiter die Technologie ist, desto mehr Informationen gehen uns täglich verloren. Zwar hält sich das Verhältnis zwischen Büchern und Computern in der Waage. Im Bereich der Elektronikgeräte aber gilt: Sobald ein neues Trägermedium auftaucht, löst es das alte ab. Und mit ihm gehen wiederum etliche Daten, um nicht zu sagen: ein Stückchen Geschichte verloren. Das Resultat ist, dass wir einen Haufen Elektronikschrott verursachen, dessen Wert meistens erst im Nachhinein erkannt wird.

Schneller Verfall

Das beste Beispiel dafür liefern Computer- und Videospiele: Seit nahezu fünfundzwanzig Jahren werden Videospielkonsolen und spielfähige PCs für den privaten Gebrauch kommerziell hergestellt. Während die Spielehardware und -software der letzten ein bis zwei Jahre den Markt für Unterhaltungselektronik geradezu überschwemmt, sind ältere Spiele und Konsolen nur unter besonderen Bedingungen zu ergattern, beziehungsweise nur zu bewundern. Versuch beispielsweise mal, das erste Tomb Raider Spiel für die Playstation als 1995er Originalkopie zu bekommen! Die Geschichte der Computer- und Videospiele hat das Verfallsdatum praktisch schon eingebaut. Auch wenn es vielleicht heute noch nicht der Fall ist, wird irgendwann der Tag kommen, an dem sich sogar der geschichtsloseste Daddler fragt: Wie hat das alles begonnen? Wann und wo fand der Urknall zum grenzenlosen Ballern statt?

Lehrbuch für Zocker?

Als Hilfe wird dann unser Zocker auf ein eben erschienenes Buch zurückgreifen können: "Spielplatz Computer - Kultur, Geschichte und Ästhetik des Computerspiels" von Konrad Lischka. In einem sicheren, fast amerikanischen Stil, der mit Anekdoten durchzogen ist, bezieht Lischka eine Vielfalt an Ereignissen von kultureller, wirtschaftlicher und Games-politischer Bedeutung in seine Geschichts- und Kulturanalyse ein. Mit Weitblick erzählt er, wie das erste am Bildschirm betriebene Spiel ("Tennis for Two") des amerikanschen Wissenschaftlers William Higinbotham entworfen wurde. Peu à peu sprang der Spielvirus von den Universitäts- und Militärrechnern der Sechziger mit Hilfe inzwischen legendärer Firmen wie Atari und Commodore in die Wohnzimmer und Spielhöllen der Siebziger und Achtziger über.

Obwohl sich Lischka vom geschichtlichen Standpunkt her etwas viel auf diese Ursprünge konzentriert - Segas Dreamcast, die Playstation2 und Microsofts XBox werden auf den 181 Seiten gerade mal vier Mal erwähnt -, schaffen es seine Erzählungen gekonnt, gestandenen Videospiel-Veteranen das Schwelgen in Erinnerungen beizubringen. "Spielplatz" ist ein Plädoyer, den virtuellen Spielplatz ernst zu nehmen. Lischkas Kompendium darf aber keineswegs nur als eine Art Lehrbuch für Zocker verstanden werden, vielmehr verbirgt sich dahinter auch der geheime Wunsch des Autors, dass Videospiele als Kulturgattung endlich akzeptiert werden.

Eigenwillige Konsumsparte

Nicht an anderen Kulturformen - Kunst, Literatur oder Film - soll sich diese Gattung messen, sondern an eigenen Prinzipien und Subgenres. Was diese Methode bisher erschwert hat, ist wohl das Wesen der Gattung selbst. Lange Aufmerksamkeitsspannen - so der Vorwurf der Spielegegner - trainieren solche Spiele nicht an, eher im Gegenteil. Doch spätestens seit sich regelrecht Kulturkreise im Dunstkreis dieser eigenwilligen Konsumsparte entwickeln, dürfte sich das "geschichtliche" Interesse über die letzten High-Scores hinaus über Bücher wie dieses fördern lassen. Zumindest eines ist sicher: Sollte sich der Staat mal entschließen, ein Museum für Spiele und Konsolen zu bauen, den geeigneten Kurator hätten wir schon!

Konrad Lischka : Spielplatz Computer - Kultur, Geschichte und Ästhetik des Computerspiels (Verlag Heinz Heise, 15 €)




Oliver Köhler, 29, ist freier Journalist und würde gerne Konrad Lischka auf eine Runde Schach einladen.



www.spielemuseum.at
Eine umfangreiche Info- und Link-Sammlung des österreichischen Spielemuseums

www.thelegacy.de
Die Seite des digital begehbaren Spielmuseums "The Legacy"

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