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Rainald Goetz: Kontrolliert

28.3.2002 | Nikolaus Stemmer | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Zu meiner Schulzeit stand in der Nähe der Schule immer ein grüner Panzerspähwagen vor einem flachen Bungalow. Daran kann ich mich gut erinnern. Hinter dem montierten Maschinengewehr ragte der Kopf eines Spähers aus der Luke. Das war der Personenschutz für den Generalbundesanwalt. Seinen Vorgänger hat die "Rote Armee Fraktion" (RAF) auf dem Gewissen. Im Oktober 1977 endete das "Terrortrauma" der BRD: der oberste Staatsanwalt, ein Bankchef, ein Arbeitgeberpräsident ermordet, eine Lufthansa-Maschine entführt und durch Sonderkommando gestürmt, am Schluss die RAF-Terroristen Ensslin, Raspe und Baader tot in ihren Zellen. Das war der lange deutsche Herbst.

Hirn speichert Geschichte

Rainald Goetz war 23, als der deutsche Staat 1977 Sondergesetze zur Bekämpfung der RAF erließ. Meinungsmacher diskutierten die Todesstrafe und standrechtliche Erschießungen. Goetz lebte als Doppelstudent - Medizin und Geschichte - in München und bereitete seine Promotion in letzterem Fach vor. Er beschäftigte sich also mit Hirnfunktionen, überhaupt Denken, Gedachtem und Erinnerung. Zehn Jahre nach dem Terrorherbst erinnerte sich Rainald Goetz an seine Studentenzeit, 1987 erscheint sein zweites Buch "Kontrolliert". Weil es kein Roman ist, nennt Goetz es nur "Geschichte". Aber auch das ist es nicht, weder im historischen Sinn noch erzähltechnisch. Es ist die Illustration einer Sichtweise anhand des Jahres 1977. Und wer nicht ungefähr weiß, was sich in jenem Jahr abspielte, dem bleiben eine Menge Bezüge verborgen.

Das macht aber wenig. Was das Buch entdeckens- und (wieder) lesenswert macht, sind weniger die Anspielungen an die Zeitgeschichte. Goetz ’ Auseinandersetzung mit den Aspekten Kontrolle, Ordnung, Fügung oder Widerstand nimmt im Jahr 1977 nur seinen Ausgang. Viel spannender ist die Innenperspektive der Erzählung, die ihre Anstöße aus den Ereignissen holt. Innere Sicherheit heißt in "Kontrolliert" also eigentlich "innerliche Sicherheit". Der Versuch, Sicherheit zu gewinnen beim Persönlichkeitsabgleich mit dem, was um einen herum immer schon da ist. Goetz ’ Ich-Erzähler Raspe - der nicht identisch ist mit dem Terroristen gleichen Namens - sagt es so: "In Wirklichkeit ist das, was einen, hier mich, derart steuert, genau die Summe aller Wirklichkeit".

Wo laufen sie denn?

Das ist das Kernthema des Buchs: der Konflikt zwischen der großgeschriebenen, offiziell behaupteten und der kleingeschriebenen privaten Wirklichkeit eines jeden, der mitdenkt. Zwischen der einen und der anderen, dem sozialen Außenraum und dem Innenraum des Denkens, entstehen Fragen wie: "Warum funktioniert der Staat. Wie hängt das ganz Zeug zusammen. Was kostet die Welt. Wie kriegt der Mensch sein Leben hin. Wie viel Schönheit ist trotz allem sichtbar. Wo wird geweint."

Goetz liebt die radikalen Posen. Forciertheit sei sein "Naturell-Defekt", hat er in einem Interview gesagt. Es liegt also nahe, von "Kontrolliert" eine durchgehende Sympathiebekundung für die RAF zu erwarten. Das täuscht. Der Erzähler lehnt einen "Ensslinschwachsinn" genauso ab wie er den RAF-"Hauptmann" Baader als "eine faszinierende Abscheulichkeit" beschreibt, ein "herrschsüchtiger Angeber und Schwinger harter Schlägerworte". Und Mord als Mittel zum Erreichen politischer Ziele "kann keine noch so revolutionäre Logik theoretisch postulieren".

"Kontrolliert" ist einerseits ein romantisches Buch, das die Stimmung einer Studentenzeit einfängt mit all den "vielen kunstsinnigen Nichtproleten, schönheitssüchtig, denen Baaders Fleisch als Twen in München und Berlin den Kopf verdrehte". Andererseits findet man darin auch den harten, lauten, theoretischen "Hass auf alles Leben in einem und um einen rum", der Goetz immer wieder anspringt. Und dazwischen ereignen sich diese erleuchteten Sätze, für die man Goetz dankbar ist. "Manchmal hört man den Bau der Welt im Rucken von Gedanken im Gerüst des Denkens um den Bau der Welt". Sätze für Mitdenker.

Nikolaus Stemmer, 31, schreibt u.a. für die Literaturzeitschrift EDIT.

Rainald Goetz: Kontrolliert (Suhrkamp, 8.50 €)








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Hier findet Ihr eine fundierte, lange Analyse zu dem Buch

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