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Warnende Stimme, Schwarzseher vom Dienst: Der Risikomanager

26.3.2002 | | Artikel drucken
Stell dir vor, du bist Chef einer Firma. Jemand will dich erpressen. Oder deine Firmengeheimnisse ausspionieren. Was sollst du tun? Du bist Geschäftsmann / Geschäftsfrau. Du bekommst eine Einladung zu einer Jagd irgendwo in Afrika. Eigentlich ein Privatvergnügen, aber mit dem Hintergrund, Geschäfte zu machen. Sollst du hinfahren? Was musst du vorher wissen? Was ist gefährlich?

Solche Fragen kann ein Risiko- oder Krisenmanager beantworten. Entscheidend für die Aufgaben des Risikomanagers ist allerdings die Branche, in der er oder sie arbeitet. Ein Risikomanager bei einer Bank hat natürlich mit Geld zu tun: Er steuert und begrenzt die Risiken bei Handelsgeschäften. Er analysiert Einflussfaktoren, die den Kurs und dadurch den Markwert von Aktien und Wertpapieren steuern.

Risikomanager gibt es aber immer mehr auch in der Industrie. Sie spüren die Schwachstellen im Unternehmen auf. Das Risiko ist eine Gefahr, die das Unternehmen hindert, bestimmte Ziele zu erreichen. Zum Beispiel: Das Ziel ist die führende Marktstellung. Ein Risiko, dass dieses Ziel vereiteln kann, ist Werkspionage durch Konkurrenten. Oder eine Bombendrohung: Das Unternehmen kann nicht durchgängig arbeiten - Ziel verfehlt.

Wenn ein Problem bereits eingetreten ist, sagen Risiko- oder Krisenmanger, was zu tun ist. Sie helfen, eine Entscheidung zu fällen. Im besten Fall bietet Risikomanagement aber Vorbeugung. Unternehmen werden auf mögliche Gefahren vorbereitet, es wird trainiert, wie man reagieren soll, Notfallszenarien werden durchgespielt, Evakuierungen geübt. Der Risikomanager erkennt mögliche Risiken des Unternehmens und stellt diese in einem Risikokatalog zusammen. Anschließend bewertet er die Risiken hinsichtlich ihrer Wahrscheinlichkeit. So kann er dem Unternehmen Strategien zum Risikomanagement vorschlagen. Zum Beispiel den Verzicht auf die Eröffnung einer Niederlassung in Russland wegen zu hoher Kriminalität, das heißt den Ausstieg aus einem riskanten Tätigkeitsfeld.

Risikomanager werden kann man mit den verschiedensten Ausbildungen. Es gibt Leute, die vorher bei der Polizei oder bei der Bundeswehr waren. Leute mit einer Bankausbildung oder Wirtschaftswissenschaftler sind auch gefragt, ebenso wie Informatiker oder Mathematiker. Aber auch Geisteswissenschaftler wie Politologen oder auch Journalisten können ihre Fähigkeiten im Risikomanagement anwenden.

Dipl.-Kfm. Frank Roselieb, Jahrgang 1969, leitet seit April 2002 den "Krisennavigator", das Institut für Krisenforschung in Kiel. Vorher war er Krisen-, Risiko- und Kommunikationsforscher am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Kieler Universität. Er ist Initiator und Herausgeber des Online-Dienstes www.krisennavigator.de und Autor zahlreicher Publikationen zum Krisen- und Risikomanagement. Bei Anfragen von Unternehmen und Institutionen an ihn ging es zum Beispiel um das Thema Jahr-2000-Problem oder um die angemessene Reaktion auf "Hate-Sites" (das sind Internetseiten, die sich zum Beispiel gegen ein bestimmtes Produkt richten). Mit Frank Roselieb sprach Jana Schäfer.

Herr Roselieb, Was ist das Interessante an Ihrem Tätigkeitsfeld?

Krisen sind außergewöhnliche Situationen, die sich nicht ohne weiteres mit Routinekonzepten bewältigen lassen. Sie erfordern Fingerspitzengefühl und Phantasie zugleich. Es ist schnelles und trotzdem präzises Handeln erforderlich. Wenn man es schafft, Unternehmen oder Institutionen aus einer Schieflage zu navigieren, ist das die Befriedigung für so manches arbeitsreiche Wochenende.

Hat der Beruf des Risiko- oder Krisenmanagers etwas zu tun mit der Tätigkeit von Detektiven oder Geheimagenten?

Als Unternehmens-James-Bonds würde ich Krisen- und Risikomanager nicht bezeichnen. Vielmehr sind es Menschen, die mit viel Sachverstand und Ausdauer das nötige Risikobewusstsein im Unternehmen verankern möchten, um materielle oder immaterielle Schäden abzuwenden.

Wenn jemand diesen Beruf anstrebt, was würden Sie ihm raten? Welche Fähigkeiten sind gefragt? Wovor würden Sie ihn vielleicht sogar warnen?

Grundlage sollte eine fundierte Berufsausbildung oder ein Studium sein. Nach einigen Jahren in der Unternehmenspraxis können dann berufsbegleitende Fortbildungskurse besucht werden. Wichtige Voraussetzungen sind persönliche Integrität - also ein einwandfreier Leumund ohne Vorstrafen, körperliche und geistige Fitness und die Bereitschaft zu hartem und präzisem Arbeiten - auch weit außerhalb der Regelarbeitszeit. Warnen möchte ich vor allzu großer Hoffnung auf eine "Blitzkarriere". Die Branche ist recht überschaubar.

Gibt es eine Ausbildung zum Risikomanager?

Es gibt durchaus schon Ausbildungswege, die in Richtung "Risikomanagement" bzw. "Sicherheitsmanagement" qualifizieren. Beispielsweise kann an der Verwaltungsfachhochschule in Altenholz (www.vfh-altenholz.de) ein Studiengang "Sicherheitsmanagement" belegt werden. Auch verschiedene Industrie- und Handelskammern bieten entsprechende Fortbildungsveranstaltungen an. Viele Risikomanager haben zuvor Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften oder Ingenieurwissenschaften an einer Universität studiert. Andere waren vorher bei der Polizei oder bei der Bundeswehr. Der klassische Risikomanager weist neben Berufs- und Branchenerfahrung auch ein großes Maß an Lebenserfahrung auf. Anders formuliert: Berufseinsteiger haben es in diesem Tätigkeitsfeld relativ schwer.

Können Sie Ihren normalen Arbeitstag beschreiben? Oder auch Ihre Vorgehensweise, wenn sich jemand mit einem Problem an Sie wendet?

Die meisten Anfragen von hilfesuchenden Unternehmen kommen via Telefon 0700-Krisennavigator oder via Email. Wir haben in den zurückliegenden Jahren eine recht umfassende Kartei mit seriösen und kompetenten Krisen-, Risiko- und Katastrophenmanagern aufgebaut, die wir guten Gewissens empfehlen können. Akute Notlagen vermitteln wir in Echtzeit an die Berater. Wenn mehr Zeit verbleibt und die Unternehmen eher strategische Krisenvorbereitung oder systematische Krisennachbereitung durch Workshops, Symposien oder wissenschaftliche Gutachten wünschen, werde ich selbst aktiv und stelle Konzepte zusammen und begleite die nachfolgende Umsetzung.

Ist Risikomanager im Moment eher einen Männerberuf? Oder gibt es auch Frauen, die in diesem Tätigkeitsbereich arbeiten?

Frauen sind in diesem Beruf deutlich in der Minderheit. Beispielsweise ist keine einzige Frau Repräsentant eines Partnerunternehmens des Krisenavigators. Das liegt vermutlich daran, dass sich Familie und Beruf im Risiko- und Krisenmanagementbereich nur sehr schwer vereinbaren lassen. In Spitzenzeiten arbeiten Risiko- und Krisenmanager rund um die Uhr - auch am Wochenende. Das wollen vermutlich nur recht wenige Frauen.

Was verdient man als Risikomanager eigentlich?

Der Verdienst ist vergleichsweise gut, da die zeitliche Belastung im Regelfall deutlich höher ist als in anderen Beratungsberufen. In den USA gilt Krisen-PR-Beratung im allgemeinen als bestbezahlte Disziplin der PR-Beratung.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Risiko- und Krisenmanagements in der Zukunft? Werden sich mehr Leute mit diesen Problemen beschäftigen als jetzt?

Seit Mai 1998 verpflichtet das Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich börsennotierte Aktiengesellschaften zur Einführung von Systemen zum Risikomanagement und zur Frühwarnung. Nach Ansicht des Gesetzgebers soll das Gesetz auch Ausstrahlungswirkung auf Unternehmen anderer Rechtsformen haben - beispielsweise auf die GmbH. Weitere Gesetzgebungsvorhaben in Richtung Risikomanagement sind in Planung. Ich rechne daher damit, dass die Nachfrage nach qualifizierten Experten in diesem Bereich in Zukunft deutlich steigen wird.

Jana Schäfer lebt in Berlin und arbeitet als freie Journalistin für Medien aller Art


http://berufenet.arbeitsamt.de/bnet2/R/kurz_B7520102.html Eine Kurzbeschreibung der Aufgabenfelder des Risikomanagers

www.fh-nuertingen.de/fr_studium.html
Die Fachhochschule Nürtingen bietet betriebswirtschaftliche Studiengänge zum Risikomanagement an.

www2.wiwo.de/wiwowwwangebot
Informationen der Wirtschaftswoche zum Berufsfeld des Risikomanagers