Russland ist ein extrem großes Land. Klar, dass es da besonders viele Unterschiede gibt. Die Jugend ist heute ganz anders als die Generation ihrer Eltern, die in der Sowjetzeit geboren und aufgewachsen ist. Sie sind ideologisch frei, selbstständig und anspruchsvoll. Was aber sind ihre Ziele? Was erwarten sie vom Leben? Welche Themen interessieren sie und was ist ihre Meinung zu Russland? Wir haben vier junge Russen/innen gefragt.
Veronika Weinstein, 24 Jahre, Moskau "Wir haben Glück, dass wir in dieser Zeit in Russland leben. Unser Land ist jetzt auf der Suche nach einem neuen Entwicklungsweg. Dabei ist sehr wichtig, dass eben die neue junge Generation, zu der ich gehöre, als die Hoffnung und die Zukunft des Landes betrachtet wird. Ich meine damit, dass wir zurzeit viele Möglichkeiten haben. Man kann ein eigenes Geschäft gründen und zwar relativ früh im Vergleich zu Deutschland, wo die meisten jungen Leute bis zum 30. Geburtstag immer noch Studenten sind. Für uns ist es ganz normal, wenn ein junger Mann oder eine junge Frau mit 25 schon Karriere gemacht hat. Es herrscht ein Prinzip: 'Hast du viel vor und strebst danach, bist schlau und manchmal vielleicht sogar ein wenig frech, dann bitte schön, alle Türen stehen dir offen.' Ich habe viele Bekannte in Moskau und in Russland, die nach diesem Prinzip handeln. Ich sage nicht, dass es immer leicht fällt. Ganz im Gegenteil. Es gibt genug Schwierigkeiten. Niemand in Russland ist beispielsweise sozial gut versichert. Aber wichtig ist es zu wissen, wenn du etwas machst, ist das nicht für umsonst."
Veronika ist in Moskau geboren und hat dort auch studiert. Obwohl ihr Vater dagegen war, ist sie Journalistin geworden, weil sie die Entwicklung Russlands fördern will. Seit Herbst 2006 arbeitet sie erfolgreich als Chef-Redakteurin der Moskauer Bezirkszeitung Kolomenskije Versty. Zurzeit hat sie ein Stipendium der Freien Universität Berlin und arbeitet in der Redaktion der tageszeitung (taz).
Foto: ©Zoya Afanasyeva
Olga Ivanova, 22 Jahre, St.Petersburg "Die Jugend des modernen Russlands hat sich ganz schön verändert und in St. Petersburg merkt man das besonders stark. Alles wird europäischer, zum Beispiel auch das Studium. Das Ausbildungssystem Russlands war immer weltberühmt dafür, in kurzer Zeit enorm viel Grundwissen zu vermitteln. Der Vorteil des heutigen Studiums ist: Es gibt eine größere Offenheit und Bandbreite. Das heißt zum Beispiel, jeder Student kann praktisch im Ausland studieren und Erfahrungen sammeln, was früher überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Gleichzeitig ist das Studium immer noch sehr genau und anspruchsvoll, so dass wir schon mit 23 Jahren gut ausgebildet sind. Die Konkurrenz aber ist groß auf dem Arbeitsmarkt und immer wichtiger wird, an welcher Universität du studiert hast, ihr Ruf und Prestige entscheiden über deine Chancen."
Olga ist Studentin an der Staatlichen Universität in St. Petersburg. Mit einem Stipendium studiert sie dort Volkswirtschaft. Im Augenblick nimmt sie an einem Austauschprogramm der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin teil.
Foto: Privat
Karina Klimenko, 23 Jahre, Tscheljabinsk "Was sich enorm verändert hat, ist die Tatsache, wie viele Jugendliche heute 'digitalisert' sind. Durchschnittliche Jugendliche haben heute einen USB-Stick-Player um den Hals, Handy, Palm oder Laptop, immer häufiger auch mit W-LAN. Darin dann ein ganzes Kommunikationsset mit ICQ oder Mail-Agent, Software für IP-Telefonie, Livejournal-Adresse und so weiter. Schon sind Lehrer gezwungen, Handys vor der Klassentür einzusammeln, weil die Smartfons für Prüfungen und Tests benutzt werden. Das geht schon bei den Zehnjährigen los! Handys und Computer sind seit ungefähr sechs Jahren in Russland Teil des Alltags – und so wird auch das Internet in Russland immer wichtiger. Das heißt: Unser Leben wird immer schneller – und das riesige Land wird dadurch vielleicht manchmal ein wenig kleiner."
Karina ist ausgebildete Internet-Journalistin. Sie schreibt schon seit drei Jahren als freie Journalistin für verschiedene Online-Magazine. Das Netz ist für sie die Zukunft des Journalismus: Dort gibt es mehr Freiheiten und Möglichkeiten, sich selber zu verwirklichen.
Foto: ©Zoya Afanasyeva
Vladislav Vytovtov, 22 Jahre, Taganrog "Ich finde, russische Jugendliche sind immer noch sehr stark vom russischen Traditionalismus geprägt und deswegen bis heute noch nicht offen bei Fragen wie Homosexualität oder Kiffen. Darüber spricht man einfach nicht – und das heißt eigentlich: So etwas tut man nicht. Dabei ist doch bekannt, dass verbotene Früchte immer süß sind. Aber die Erziehung ist in Russland sehr strikt. Der Anstand ist sehr wichtig, es gibt viele Tabu-Themen und man soll halt der Norm folgen. Ich selbst denke auch, dass es eine fixe Idee ist, sich immer so frei zu fühlen, alles zu tun. In Berlin liegen oft hunderte nackte Leute einfach in den Parks herum. Sie entblößen und präsentieren sich. Ich finde, die Leute verlieren dadurch ihre eigene Intimität, eigene Originalität, wie die Tiere im Zoo. Für Russland wünsche ich mir so etwas nicht."
Vlad ist in Taganrog geboren. Taganrog liegt in der Nähe von Rostov-am-Dom, wo er studiert hat. Heute arbeitet er als freier Journalist und Dolmetscher in Taganrog. Das Wichtigste, findet Vlad, ist es, seine eigenen Gedanken und Meinungen zu haben.
Foto: ©Zoya Afanasyeva
Kommentare
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)
Dein Kommentar
Kommentar schreiben
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)