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DDT: Rodina (Heimat)

Der Herzschlag eines zerfallenden Staates

29.6.2007 | Zoya Afanasyeva | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Der Herzschlagschall füllt den Konzertsaal. Der Menschenhaufen steht still. Es scheint, dass Tausende von Herzen in diesem Saal im gleichen Rhythmus schlagen. Die Erstarrung dauert eine Weile, bis Juri Schewtschuks Stimme ansetzt: "Boshe, skolko let ja idu, no ne sdelal i schag …" (Wie viele Jahre gehe ich, aber habe keinen Schritt gemacht …). Die Leute kommen zu sich, beim Refrain singen schon alle mit. Man fühlt sich einander nah.

Generation der Hausmeister und Wächter

1982 schrieb die Zeitung Komsomolskaja Prawda den Wettbewerb "Die goldene Stimmgabel" für junge Musiker/innen aus. DDT aus Ufa sandte drei Kompositionen ein. Während des laufenden Wettbewerbs veröffentlichte die Band dann ihr erstes Album: "Swinja na raduge" ("Das Schwein auf dem Regenbogen"), mit Elementen von Rock'n'Roll, Blues und Country Music. Es gibt viele Geschichten über die Entstehung des Bandnamens. Obwohl er so giftig klingt (DDT, Dichlordiphenyltrichlorethan, ist ein Insektizid!), ist DDT ursprünglich ganz harmlos die Abkürzung für "Ru Dom Detskogo Twortschestwa" ("Haus der Kinderkreativität") – dort befand sich nämlich die erste Unterkunft der Band.

Zu diesem Zeitpunkt war die russische Pop-Musik eingeteilt in offizielle Künstler/innen, denen die Mitgliedschaft in der offiziellen Musikunion erlaubt war und die staatliche Unterstützung bekamen – und in "inoffizielle Künstler/innen". Die Inoffiziellen waren meist gut ausgebildete Musiker/innen, arbeiteten aber in anderen Berufen (die sprichwörtliche "Generation der Hausmeister und Wächter").

Einen Monat nach der Preisübergabe gab es das erste Konzert von DDT. Die Parteimitglieder waren schockiert von dem, was sie sahen und hörten. Und umso beliebter die Band bei den Zuhörern/innen wurde, desto unbeliebter wurde sie bei der Partei. Nach diesem Konzert wurde das erste DDT-Album verboten. Die Band ging in die Illegalität. Als im Mai 1983 DDT mit großem Erfolg im Moskauer Luschniki-Stadion auftrat, im Rahmen des dreitägigen Festivals "Rock sa mir" (Rock für den Frieden), wurde ihr Auftritt aus dem offiziellen TV-Beitrag herausgeschnitten.

Das inoffizielle Gewissen Russlands

Für die Menschen in der Sowjetunion waren und sind DDT das "Gewissen Russlands". Die 1990er-Jahre waren eine schwere Zeit für Russland: Die Perestrojka, der durch Michail Gorbatschow eingeleitete Prozess zum Umbau des politischen und wirtschaftlichen Systems der Sowjetunion, führte letztlich zum Zerfall der UdSSR. 1992 erschien das DDT-Album "Aktrissa Wesna" (Schauspielerin Frühling), deren Songs – "Tschto takoe osen'" (Was ist der Herbst), "Doshd'" (Regen), "V poslednjuju osen'" (Im letzten Herbst) oder "Rodina" (Heimat) – als Hits für Jahrzehnte und das Gesicht der Band bezeichnet wurden.

"Rodina" ist zum Symbol geworden. Die Russen/innen waren immer schon patriotisch, aber in den 1990ern hatte das neue Russland diesen Patriotismus besonders nötig. Das Land wurde kleiner, Menschen aus dem Sowjetraum, die sich sicher in ihrer "Heimat" gefühlt hatten, mussten nach Russland umziehen. Viele Teile des riesigen Landes forderten ihre Unabhängigkeit. Die Heimat ist ein Scheusal geworden: "Rodina - Urodina" (Heimat - Scheusal) ist ein Wortspiel im Russischen. Das Lied ist voll mit Wortspielen. "Schwarze Scheinwerfer beim Nachbartor" ist eine Erinnerung an die KGB-Zeit. "Ranunkeln, Handschellen, zerrissener Mund" sind Bilder aus dem Zwangsarbeitslager. Die "Rede der Regierungshuren" bezieht sich auf die Politiker, die von Hoffnung sprechen und alle daran glauben machen, "der rote Hahn" ist ein klassisches Symbol der russischen Seele.

Bei einem Interview wurde Juri Schawtschuk gefragt, warum es kein Video zu diesem Lied gibt. Schawtschuk erwiderte: "Dieses Lied funktioniert für viele Zuhörer sehr assoziativ. Jeder assoziiert es mit seinem eigenen Leben. Deswegen will ich kein Video – ich will nicht, dass jemand alle diese Fantasien und Assoziationen zerstört."

Tausend Teufel

"Rodina" hat etwas von einem Gebet, ist dafür aber zu grob. Aber wie könnte auch ein Gebet in einem Land aussehen, in dem über 70 Jahre lang Atheismus propagiert und gefördert wurde? Es gab keinen richtigen Begriff mehr für das, was "Gott" sein kann. Einen "Teufel" gab es immer, allerdings als Tabu. Die Russen nennen diese Art sich auszudrücken "Schrei der Seele". "Rodina" ist grob, naiv verworren – aber offenherzig.

Mittlerweile ist der Song 16 Jahre alt, bleibt in Russland aber aktuell. Bei jedem Konzert von DDT wird er lautstark von den Zuhörern/innen mitgesungen. Keine Sommernacht am Lagerfeuer, keine Jugendparty mit Gitarre ohne "Rodina". Die russische Rockmusik ist bedeutungsschwanger und philosophisch, hat viele Metaphern und Hyperbeln. Nicht alle verstehen immer, was gemeint ist. Bei "Rodina" bekommt man ein Gefühl dafür vermittelt, dass die russische Seele gerne ein bisschen klarer und offener wäre.

Zoya Afanasyeva (26) ist fluter-Praktikantin. In ihrer russischen Heimatstadt Balaschow ist sie Chefredakteurin der Kinderzeitung Afonja & Co.

Fotos: ©ddt.ru
DDT: Rodina (Heimat)
(Aktrissa Wesna, DDT Records 1992)

Gott,
Wie viele Jahre gehe ich, aber habe keinen Schritt gemacht,
Wie viele Jahre suche ich, was immer bei mir ist,
Wie viele Jahre kaue ich rohe Liebe anstatt Brot,
Wie viele Leben speit die langerwartete Weite in meinen Kopf.

Schwarze Scheinwerfer beim Nachbartor,
Ranunkeln, Handschellen, zerrissener Mund.
Wie viele Male rollte mein Kopf von der überfüllten Guillotine dorthin, wo …

Heimat,
Fahre ich in die Heimat,
Man möge schreien, dass sie ein Scheusal ist,
Aber wir mögen sie, obwohl sie keine Schöne ist, sondern Lumpenpack, und zutraulich.
Und zu uns - tra lala la la la
Hey, Chef


Gott,
wie viele Wahrheit in der Rede der Regierungshuren
Gott,
Wie viel Glaube in den Händen der ehemaligen Henker
Und lass den Henker nicht wieder seine Ärmel hochkrempeln,
Und lass ihn nicht wieder seine Ärmel hochkrempeln,
hektische Nächte …

Refrain

Unter den schwarzen Hemden hervor schlingt sich der rote Hahn
Unter guten Zaren hervor fließt in den Mund Marmelade,
Nie hat diese Welt zwei Welten in sich gehabt
Der Vater war uns ein Gott, aber Teufel uns ….

Heimat …


http://ddt.ru
Die offizielle Bandseite (russisch und englisch)

http://de.wikipedia.org
Wikipedia über DDT

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