Der Herzschlagschall füllt den Konzertsaal. Der Menschenhaufen
steht still. Es scheint, dass Tausende von Herzen in diesem Saal im gleichen
Rhythmus schlagen. Die Erstarrung dauert eine Weile, bis Juri Schewtschuks
Stimme ansetzt: "Boshe, skolko let ja idu, no ne sdelal i schag …" (Wie viele
Jahre gehe ich, aber habe keinen Schritt gemacht …). Die Leute kommen zu sich,
beim Refrain singen schon alle mit. Man fühlt sich einander nah.
Generation der Hausmeister und Wächter
1982 schrieb die Zeitung
Komsomolskaja Prawda den Wettbewerb "Die
goldene Stimmgabel" für junge Musiker/innen aus. DDT aus Ufa sandte drei
Kompositionen ein. Während des laufenden Wettbewerbs veröffentlichte die Band dann
ihr erstes Album: "Swinja na raduge" ("Das Schwein auf dem Regenbogen"),
mit Elementen von Rock'n'Roll, Blues und Country Music. Es gibt viele Geschichten
über die Entstehung des Bandnamens. Obwohl er so giftig klingt (DDT,
Dichlordiphenyltrichlorethan, ist ein Insektizid!), ist DDT ursprünglich ganz
harmlos die Abkürzung für "Ru Dom
Detskogo Twortschestwa" ("Haus der Kinderkreativität") – dort befand sich nämlich
die erste Unterkunft der Band.
Zu diesem Zeitpunkt war
die russische Pop-Musik eingeteilt in offizielle Künstler/innen, denen die
Mitgliedschaft in der offiziellen Musikunion erlaubt war und die staatliche
Unterstützung bekamen – und in "inoffizielle Künstler/innen". Die Inoffiziellen waren
meist gut ausgebildete Musiker/innen, arbeiteten aber in anderen Berufen (die
sprichwörtliche "Generation der Hausmeister und Wächter").
Einen Monat nach der
Preisübergabe gab es das erste Konzert von DDT. Die Parteimitglieder waren schockiert
von dem, was sie sahen und hörten. Und umso beliebter die Band bei den
Zuhörern/innen wurde, desto unbeliebter wurde sie bei der Partei. Nach diesem
Konzert wurde das erste DDT-Album verboten. Die Band ging in die Illegalität. Als
im Mai 1983 DDT mit großem Erfolg im Moskauer Luschniki-Stadion auftrat, im
Rahmen des dreitägigen Festivals "Rock sa mir" (Rock für den
Frieden), wurde ihr Auftritt aus dem offiziellen TV-Beitrag herausgeschnitten.
Das inoffizielle Gewissen Russlands
Für die Menschen in der
Sowjetunion waren und sind DDT das "Gewissen Russlands". Die 1990er-Jahre waren eine schwere Zeit für Russland: Die Perestrojka, der durch
Michail Gorbatschow eingeleitete Prozess zum Umbau des politischen und
wirtschaftlichen Systems der Sowjetunion, führte letztlich zum Zerfall der
UdSSR. 1992 erschien das DDT-Album "Aktrissa Wesna" (Schauspielerin
Frühling), deren Songs – "Tschto takoe osen'" (Was ist der Herbst), "Doshd'" (Regen), "V poslednjuju osen'" (Im letzten Herbst) oder "Rodina" (Heimat) – als Hits für
Jahrzehnte und das Gesicht der Band bezeichnet wurden.

"Rodina" ist zum Symbol
geworden. Die Russen/innen waren immer schon patriotisch, aber in den 1990ern hatte das
neue Russland diesen Patriotismus besonders nötig. Das Land wurde kleiner, Menschen
aus dem Sowjetraum, die sich sicher in ihrer "Heimat" gefühlt hatten, mussten
nach Russland umziehen. Viele Teile des riesigen Landes forderten ihre Unabhängigkeit.
Die Heimat ist ein Scheusal geworden: "Rodina - Urodina" (Heimat - Scheusal) ist
ein Wortspiel im Russischen. Das Lied ist voll mit Wortspielen. "Schwarze
Scheinwerfer beim Nachbartor" ist eine Erinnerung an die KGB-Zeit. "Ranunkeln,
Handschellen, zerrissener Mund" sind Bilder aus dem Zwangsarbeitslager. Die "Rede
der Regierungshuren" bezieht sich auf die Politiker, die von Hoffnung sprechen
und alle daran glauben machen, "der rote Hahn" ist ein klassisches Symbol der
russischen Seele.
Bei einem Interview
wurde Juri Schawtschuk gefragt, warum es
kein Video zu diesem Lied gibt. Schawtschuk erwiderte: "Dieses Lied
funktioniert für viele Zuhörer sehr assoziativ. Jeder assoziiert es mit seinem eigenen
Leben. Deswegen will ich kein Video – ich will nicht, dass jemand alle diese
Fantasien und Assoziationen zerstört."
Tausend Teufel
"Rodina" hat etwas von
einem Gebet, ist dafür aber zu grob. Aber wie könnte auch ein Gebet in einem
Land aussehen, in dem über 70 Jahre lang Atheismus propagiert und gefördert
wurde? Es gab keinen richtigen Begriff mehr für das, was "Gott" sein kann.
Einen "Teufel" gab es immer, allerdings als Tabu. Die Russen nennen diese Art sich
auszudrücken "Schrei der Seele". "Rodina" ist grob, naiv verworren – aber
offenherzig.
Mittlerweile ist der Song
16 Jahre alt, bleibt in Russland aber aktuell. Bei jedem Konzert von DDT wird er
lautstark von den Zuhörern/innen mitgesungen. Keine Sommernacht am Lagerfeuer,
keine Jugendparty mit Gitarre ohne "Rodina". Die russische Rockmusik ist
bedeutungsschwanger und philosophisch, hat viele Metaphern und Hyperbeln. Nicht
alle verstehen immer, was gemeint ist. Bei "Rodina" bekommt man ein Gefühl
dafür vermittelt, dass die russische Seele gerne ein bisschen klarer und
offener wäre.
Zoya Afanasyeva (26) ist
fluter-Praktikantin. In ihrer russischen Heimatstadt Balaschow ist sie Chefredakteurin
der Kinderzeitung Afonja & Co.
Fotos: ©ddt.ru
http://ddt.ru
Die offizielle Bandseite
(russisch und englisch)
http://de.wikipedia.org
Wikipedia über DDT
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