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Am Faden des Kreml

Gefährliche Kritik

20.6.2007 | Anne Haeming, Barbara Lich | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Boris Reitschuster lebt – mit Unterbrechungen – seit 1990 in Russland. Seit 1999 ist er Moskauer Korrespondent des Nachrichtenmagazins Focus. Nach der Biographie "Wladimir Putin. Wohin steuert er Russland" veröffentlichte er 2006 "Putins Demokratur. Wie der Kreml den Westen das Fürchten lehrt". Barbara Lich sprach mit Boris Reitschuster über sein neues Buch und die Repressalien, mit denen kremlkritische Journalisten/innen leider zu rechnen haben.

Gerhard Schröder bezeichnete Wladimir Putin einst als "lupenreinen Demokraten". Ihr Buch trägt hingegen den Titel "Putins Demokratur".

Formell gibt es in Moskau alles, was eine Demokratie ausmacht – Parlament, Verfassungsgericht, Parteien. Doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sich die politische Landschaft in Russland als Farce. Wie im Marionetten-Theater: Auf der Bühne tanzen die Politiker beziehungsweise Puppen – doch sie hängen am Faden des Kremls.

Und wie wird gegen kritische Medien vorgegangen?

Mit List und Tücke. Mal wird ein kritischer Journalist zur Armee eingezogen, oder eine Redaktion bekommt Ärger mit der Steuerbehörde. Sehr beliebt ist es, kritische Redaktionen einfach durch kremlnahe Geschäftsleute aufkaufen zu lassen. Die Fernseh-Chefredakteure treten regelmäßig im Kreml zur Befehls-Ausgabe an.

Mit welchen Behinderungen müssen ausländische Journalisten/innen rechnen?


Kritische Berichte werden als "antirussische Kampagnen" dargestellt. Es gibt Beschwerden bei den Chefredakteuren. Wir müssen mit Beschimpfungen bis hin zu "Sau-Jude" leben, dazu kommen Schikanen: Für Reisen etwa nach Tschetschenien oder in Grenzgebiete sind Sondererlaubnisse notwendig, bei Interviews müssen die Fragen vorab eingereicht werden, viele Behörden ignorieren Presseanfragen generell.

Sind die Repressalien in den vergangenen Jahren schlimmer geworden?


Ganz eindeutig. Reichte es etwa bislang, sich einmal im Jahr bei der Ausländerbehörde zu registrieren, ist seit Neujahr nach jeder Ein- und Ausreise eine Meldung notwendig. Zudem versucht der Kreml immer massiver, die Berichterstattung zu steuern.

Gab es seitens des Kreml eigentlich Reaktionen auf Ihr Buch "Putins Demokratur"?

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Ein hochrangiger Offizieller ließ mir ausrichten, mein Treiben sei "gefährlich" und ich sollte mir "Sorgen um meine Sicherheit" machen. Oppositions-Politiker warnten mich, ich hätte mit dem Buch mein "Todesurteil" unterschrieben – weil ich darin über die Vermögensverhältnisse in Putins Umfeld berichte. Ich wurde von Geheimdienstlern attackiert und mit dem Wagen angefahren, als ich eine brutale Festnahme fotografierte – das hat aber wohl nichts mit dem Buch zu tun.

Sie haben versucht, Ihr Buch auf Russisch zu veröffentlichen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Ich habe von verschiedenen Seiten die Warnung bekommen, es sei gefährlich für mich, wenn das Buch in Russland herauskommt. Auch die Verleger scheinen Angst zu haben – keiner traut sich. Der Journalistenverband will das Buch herausgeben, aber findet keinen Mutigen, der das finanziert.

Haben Sie, gerade nach dem Mord an Anna Politkowskaja, Angst?

Vor dem Mord hat man vieles eher auf die leichte Schulter genommen, auch die Kollegen fanden es eher lächerlich, wenn jemand Angst hat. Das ist inzwischen ganz anders. Viele haben Furcht. Ich auch.

In Ihrem Buch bleibt die Prognose für Russlands Zukunft skeptisch. 2008 steht die Präsidentenwahl an. Was, meinen Sie, kommt nach Putin?

Ich halte es für möglich, dass Putin an der Macht bleibt, obwohl die Verfassung das verbietet. Die wahrscheinlichste Lösung ist, dass jemand aus seinem Umfeld mit massiver Propaganda und Tricks an die Macht gehievt wird, etwa sein Sekretariats-Chef Igor Setschin. Das "System Putin" wird uns erst einmal erhalten bleiben. Ich halte es aber für sehr morsch, wie einst die DDR – deshalb schließe ich einen überraschenden lawinenartigen Zusammenbruch nicht aus.

Putinkritische Bücher:

Anna Politkowskaja: In Putins Russland

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"Analysen", schreibt Anna Poltikovskaja, "Analysen werden von Analytikern verfasst. Und ich bin einfach ein Mensch, bin eine von vielen. Deshalb enthält mein Buch lediglich emotionale Randnotizen zu unserem Leben im heutigen Russland." Was für eine Untertreibung. Der Name Politkovskaja ist zu einem internationalen Synonym für aufrichtigen Journalismus und den Kampf für Pressefreiheit in Russland geworden. Anna Politkovskaja wurde im Oktober 2006 in ihrem Haus in Moskau erschossen. Unter den Anschlägen auf Oppositionelle oder kritische Journalisten war der Mord an Politkovskaja ein trauriger Höhepunkt. Ihr Thema, nicht nur in "In Putins Russland": Putins Politik, die Auswirkungen auf den Alltag in einem Land, in dem die Schere zwischen korrupt und zu arm für die Korruption immer weiter auseinander geht. Und vor allem: der Tschetschenienkrieg. Neben der Geschichte von Menschen wie Tanja, Mischa oder Lena nimmt sie einen Prozess nach dem anderen unter die Lupe. Auszüge aus Gerichtsprotokollen, Kreuzverhör-Dialoge, minutiös recherchierte Hintergründe, und immer die Schlussfolgerung: Eine unabhängige Justiz gibt es nicht in ihrem Russland. Der prägende Tonfall von Politkovskajas Notizen: Fassungslosigkeit. In Russland ist das Buch übrigens bis heute nicht erschienen.

Anna Politkovskaja: In Putins Russland (bpb 2006, 4 €, online zu bestellen unter www.bpb.de).

Elena Tregubova: Die Mutanten des Kreml

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Sie hastete noch einmal zum Spiegel, öffnete ihre Wohnungstür, Sekunden nachdem sie am Telefon gesagt hatte "Ich komme jetzt runter", dann die Detonation. Anders als Politikovskaja überlebte die Journalistin Elena Tregubova den Anschlag im Jahr 2004. Da war ihr Buch über Putins Zensurpolitik gerade erschienen. Während Politkovskaja in erster Linie über die Schicksale anderer berichtet, beschreibt Tregubova in "Die Mutanten des Kreml" die Arbeit der eigenen Zunft. Das heißt: das schleichende Ende des unabhängigen Journalismus in Rußland, beginnend mit dem Amtsantritt Putins. Als Journalistin der vom Exil-Oligarchen Boris Beresowski finanzierten Zeitung Komersant reist sie anfangs im Präsidentenpool mit, dann wird ihr die Akkreditierung ein ums andere Mal gestrichen. Nur wer genehme Artikel schreibt, darf mit. Im Zentrum von Tregubovas Buch: sie selbst. Das ist einerseits ein großes Plus, etwa wenn die 34-Jährige das Heute mit der Zeit unter Jelzin vergleicht oder ihre bizarren ersten Begegnungen mit Putin schildert, einem graugesichtigen KGB-Kerl, der sie zum Essen ausführte und sich, so ihre Lesart, in sie verguckte. Andererseits sind da auch leicht megalomanische Sätze wie: "Ich bin überzeugt, dass mein Land mit mir besser fährt als ohne mich." Aber vielleicht ist das legitim, wenn man einen Mordanschlag überlebt und mit seinem Buch das eigene Land und die Welt ein wenig wachrütteln konnte.

Elena Tregubova: Die Mutanten des Kreml. Mein Leben in Putins Reich (Tropen 2006, 19.80 €)

Boris Reitschuster: Putins Demokratur


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Früher hätte er derartiges "für kafkaeske Übertreibungen oder Ausgeburten orwellscher Fantasien gehalten", erklärt Boris Reitschuster gleich zu Beginn. Er ist seit 1999 Moskau-Korrespondent für Focus, seine Position ermöglicht andere Einblicke: die Verbindungen Europas und Russlands, seien es die Abhängigkeit von russischen Energiereserven, die Beziehungen zwischen Schröder und Putin oder die Abgrenzung der Eliten vom Westen. Wie auch bei seinen russischen Kollegen/innen sind die Hauptaspekte die alles durchdringende Korruption, die Macht des Geheimdienstes KGB und die rigide Zensur, auch gegenüber ausländischen Journalisten/innen. Putin verstehe einfach etwas anderes unter Demokratie als die Westler, analysiert Reitschuster. "Im Westen hat man offenbar allzu schnell vergessen, dass sich auch die sozialistischen Staaten formal stets zur Demokratie bekannten – die DDR führte sie sogar in ihrem Staatsnamen." Wir leben in einer Zeit, in der der Kreml ein Revival des Kalten Krieges heraufbeschwört und in der Putin Angela Merkel rügt, weil sie es wagt, das Thema Menschenrechte zur Sprache zu bringen. "Ich hätte lieber ein anderes Buch geschrieben", sagt der Focus-Mann. Man glaubt es ihm sofort.

Boris Reitschuster: Putins Demokratur. Wie der Kreml den Westen das Fürchten lehrt. (Econ 2006, 19.95 €)

Anne Haeming schreibt für Print- und Onlinemedien. Sie lebt in Berlin. Sie schrieb die Buchrezensionen.
Barbara Lich führte das Reitschuster-Interview. Sie ist freie Journalistin in Hamburg und schreibt für Magazine.


Fotos: ©Igor Gavrilov / public domain



www.reitschuster.de
Hier kommentiert und bebildert Focus-Korrespondent Boris Reitschuster seinen beruflichen Alltag in Russland.

www.taz.de
Text über russische Auslandspropaganda, Opfer: Boris Reitschuster

www.kontakt.erstebankgroup.net
Anna Politkovskajas letzte Reportage

www.zeit.de/2006/42/Offener_Brief
Offener Brief von Elena Tregubova an Angela Merkel

www.reporter-ohne-grenzen.de
Netzwerk der internationalen Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen




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