140.jpg
Boris Reitschuster lebt – mit Unterbrechungen – seit 1990 in
Russland. Seit 1999 ist er Moskauer Korrespondent des Nachrichtenmagazins Focus.
Nach der Biographie "Wladimir Putin. Wohin steuert er Russland" veröffentlichte
er 2006 "Putins Demokratur. Wie der Kreml den Westen das Fürchten lehrt". Barbara
Lich sprach mit Boris Reitschuster über sein neues Buch und die Repressalien,
mit denen kremlkritische Journalisten/innen leider zu rechnen haben.
Gerhard Schröder bezeichnete Wladimir Putin einst als "lupenreinen Demokraten". Ihr Buch trägt hingegen den Titel "Putins
Demokratur".
Formell gibt es in Moskau alles, was eine Demokratie
ausmacht – Parlament, Verfassungsgericht, Parteien. Doch bei genauerer
Betrachtung entpuppt sich die politische Landschaft in Russland als Farce. Wie
im Marionetten-Theater: Auf der Bühne tanzen die Politiker beziehungsweise
Puppen – doch sie hängen am Faden des Kremls.
Und wie wird gegen kritische Medien vorgegangen?
Mit List und Tücke. Mal wird ein kritischer
Journalist zur Armee eingezogen, oder eine Redaktion bekommt Ärger mit der
Steuerbehörde. Sehr beliebt ist es, kritische Redaktionen einfach durch
kremlnahe Geschäftsleute aufkaufen zu lassen. Die Fernseh-Chefredakteure treten
regelmäßig im Kreml zur Befehls-Ausgabe an.
Mit welchen Behinderungen müssen ausländische
Journalisten/innen rechnen?
Kritische Berichte werden als "antirussische
Kampagnen" dargestellt. Es gibt Beschwerden bei den Chefredakteuren. Wir müssen
mit Beschimpfungen bis hin zu "Sau-Jude" leben, dazu kommen Schikanen: Für
Reisen etwa nach Tschetschenien oder in Grenzgebiete sind Sondererlaubnisse
notwendig, bei Interviews müssen die Fragen vorab eingereicht werden, viele
Behörden ignorieren Presseanfragen generell.
Sind die Repressalien in den vergangenen Jahren
schlimmer geworden?
Ganz eindeutig. Reichte es etwa bislang, sich einmal
im Jahr bei der Ausländerbehörde zu registrieren, ist seit Neujahr nach jeder
Ein- und Ausreise eine Meldung notwendig. Zudem versucht der Kreml immer
massiver, die Berichterstattung zu steuern.
Gab es seitens des Kreml eigentlich Reaktionen auf Ihr
Buch "Putins Demokratur"?
Image 15105
Ein hochrangiger Offizieller ließ mir ausrichten,
mein Treiben sei "gefährlich" und ich sollte mir "Sorgen um meine Sicherheit"
machen. Oppositions-Politiker warnten mich, ich hätte mit dem Buch mein "Todesurteil"
unterschrieben – weil ich darin über die Vermögensverhältnisse in Putins Umfeld
berichte. Ich wurde von Geheimdienstlern attackiert und mit dem Wagen
angefahren, als ich eine brutale Festnahme fotografierte – das hat aber wohl
nichts mit dem Buch zu tun.
Sie haben versucht, Ihr Buch auf Russisch zu
veröffentlichen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Ich habe von verschiedenen Seiten die Warnung
bekommen, es sei gefährlich für mich, wenn das Buch in Russland herauskommt.
Auch die Verleger scheinen Angst zu haben – keiner traut sich. Der
Journalistenverband will das Buch herausgeben, aber findet keinen Mutigen, der
das finanziert.
Haben Sie, gerade nach dem Mord an Anna Politkowskaja,
Angst?
Vor dem Mord hat man vieles eher auf die leichte
Schulter genommen, auch die Kollegen fanden es eher lächerlich, wenn jemand
Angst hat. Das ist inzwischen ganz anders. Viele haben Furcht. Ich auch.
In Ihrem Buch bleibt die Prognose für Russlands
Zukunft skeptisch. 2008 steht die Präsidentenwahl an. Was, meinen Sie, kommt
nach Putin?
Ich halte es für möglich, dass Putin an der Macht
bleibt, obwohl die Verfassung das verbietet. Die wahrscheinlichste Lösung ist,
dass jemand aus seinem Umfeld mit massiver Propaganda und Tricks an die Macht
gehievt wird, etwa sein Sekretariats-Chef Igor Setschin. Das "System Putin"
wird uns erst einmal erhalten bleiben. Ich halte es aber für sehr morsch, wie
einst die DDR – deshalb schließe ich einen überraschenden lawinenartigen
Zusammenbruch nicht aus.
Image 15102
"Analysen", schreibt Anna Poltikovskaja, "Analysen werden
von Analytikern verfasst. Und ich bin einfach ein Mensch, bin eine von vielen.
Deshalb enthält mein Buch lediglich emotionale Randnotizen zu unserem Leben im
heutigen Russland." Was für eine Untertreibung. Der Name Politkovskaja ist zu
einem internationalen Synonym für aufrichtigen Journalismus und den Kampf für
Pressefreiheit in Russland geworden. Anna Politkovskaja wurde im Oktober 2006
in ihrem Haus in Moskau erschossen. Unter den Anschlägen auf Oppositionelle
oder kritische Journalisten war der Mord an Politkovskaja ein trauriger Höhepunkt.
Ihr Thema, nicht nur in "In Putins Russland": Putins Politik, die Auswirkungen
auf den Alltag in einem Land, in dem die Schere zwischen korrupt und zu arm für
die Korruption immer weiter auseinander geht. Und vor allem: der
Tschetschenienkrieg. Neben der Geschichte von Menschen wie Tanja, Mischa oder
Lena nimmt sie einen Prozess nach dem anderen unter die Lupe. Auszüge aus
Gerichtsprotokollen, Kreuzverhör-Dialoge, minutiös recherchierte Hintergründe,
und immer die Schlussfolgerung: Eine unabhängige Justiz gibt es nicht in ihrem
Russland. Der prägende Tonfall von Politkovskajas Notizen: Fassungslosigkeit.
In Russland ist das Buch übrigens bis heute nicht erschienen.
Anna Politkovskaja: In Putins Russland (bpb 2006, 4 €,
online zu bestellen unter www.bpb.de).
Elena Tregubova: Die Mutanten des Kreml
Image 15103
Sie hastete noch einmal zum Spiegel, öffnete ihre
Wohnungstür, Sekunden nachdem sie am Telefon gesagt hatte "Ich komme jetzt
runter", dann die Detonation. Anders als Politikovskaja überlebte die
Journalistin Elena Tregubova den Anschlag im Jahr 2004. Da war ihr Buch über
Putins Zensurpolitik gerade erschienen. Während Politkovskaja in erster Linie
über die Schicksale anderer berichtet, beschreibt Tregubova in "Die Mutanten des
Kreml" die Arbeit der eigenen Zunft. Das heißt: das schleichende Ende des
unabhängigen Journalismus in Rußland, beginnend mit dem Amtsantritt Putins. Als
Journalistin der vom Exil-Oligarchen Boris Beresowski finanzierten Zeitung
Komersant reist sie anfangs im Präsidentenpool mit, dann wird ihr die
Akkreditierung ein ums andere Mal gestrichen. Nur wer genehme Artikel schreibt,
darf mit. Im Zentrum von Tregubovas Buch: sie selbst. Das ist einerseits ein
großes Plus, etwa wenn die 34-Jährige das Heute mit der Zeit unter Jelzin
vergleicht oder ihre bizarren ersten Begegnungen mit Putin schildert, einem
graugesichtigen KGB-Kerl, der sie zum Essen ausführte und sich, so ihre Lesart,
in sie verguckte. Andererseits sind da auch leicht megalomanische Sätze wie: "Ich
bin überzeugt, dass mein Land mit mir besser fährt als ohne mich." Aber
vielleicht ist das legitim, wenn man einen Mordanschlag überlebt und mit seinem
Buch das eigene Land und die Welt ein wenig wachrütteln konnte.
Elena Tregubova: Die Mutanten des Kreml. Mein Leben in
Putins Reich (Tropen 2006, 19.80 €)
Boris Reitschuster: Putins Demokratur
Image 15058
Früher hätte er derartiges "für kafkaeske Übertreibungen
oder Ausgeburten orwellscher Fantasien gehalten", erklärt Boris Reitschuster
gleich zu Beginn. Er ist seit 1999 Moskau-Korrespondent für Focus, seine
Position ermöglicht andere Einblicke: die Verbindungen Europas und Russlands,
seien es die Abhängigkeit von russischen Energiereserven, die Beziehungen
zwischen Schröder und Putin oder die Abgrenzung der Eliten vom Westen. Wie auch
bei seinen russischen Kollegen/innen sind die Hauptaspekte die alles
durchdringende Korruption, die Macht des Geheimdienstes KGB und die rigide
Zensur, auch gegenüber ausländischen Journalisten/innen. Putin verstehe einfach etwas
anderes unter Demokratie als die Westler, analysiert Reitschuster. "Im Westen
hat man offenbar allzu schnell vergessen, dass sich auch die sozialistischen
Staaten formal stets zur Demokratie bekannten – die DDR führte sie sogar in
ihrem Staatsnamen." Wir leben in einer Zeit, in der der Kreml ein Revival des
Kalten Krieges heraufbeschwört und in der Putin Angela Merkel rügt, weil sie
es wagt, das Thema Menschenrechte zur Sprache zu bringen. "Ich hätte lieber ein
anderes Buch geschrieben", sagt der Focus-Mann. Man glaubt es ihm sofort.
Boris Reitschuster: Putins Demokratur. Wie der Kreml den
Westen das Fürchten lehrt. (Econ 2006, 19.95 €)
Anne Haeming schreibt für
Print- und Onlinemedien. Sie lebt in Berlin. Sie schrieb die Buchrezensionen.
Barbara Lich führte das Reitschuster-Interview. Sie ist freie
Journalistin in Hamburg und schreibt für Magazine.
Fotos: ©Igor Gavrilov / public domain
Kommentare
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)
Dein Kommentar
Kommentar schreiben
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)