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Rock im Park

Tanzen gegen G8

9.6.2007 | Ulrike Melzer, Felix Scheidl | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Am Münchner Hauptbahnhof sammeln sich hunderte junge Erwachsene mit Rucksäcken, Campingausrüstung und fässerweise Bier. Neben mir steht ein Punk mit roten Haaren. Er schiebt einen mit Bierdosen gefüllten blauen Kinderwagen; aus einem CD-Player schallt Rockmusik von den Beatsteaks. Das Ziel: Nürnberg, wo an diesem Wochenende Musiker/innen und Musikbegeisterte auf dem Musikfestival Rock im Park zusammentreffen.

Ehemaliges Nazi-Aufmarschgelände

Bereits am Freitagnachmittag drängen sich viele der 60.000 Festivalbesucher/innen vor den drei Festivalbühnen. Es regnet in Strömen – doch die Menschenmasse bewegt sich, springt und tanzt ausgelassen zur Musik, gehüllt in rosa Regencapes, die schon vor dem ersten Regenschauer von Werbevertretern/innen verteilt werden. Ich jedoch stehe klatschnass im Regen; das Wasser fließt mir übers Gesicht. Das unberechenbare Wetter ist ein typisches Festival-Phänomen – spätestens seit Woodstock.

Als kleiner Bruder des Festivals Rock amRing startete Rock im Park 1997 mit Kiss, Aerosmith und den Ärzten auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg – einem geschichtsträchtigen Platz: Albert Speer, der Chef-Architekt Hitlers, entwarf ihn für Aufmärsche und Veranstaltungen der Hitlerjugend. Die Ärzte erinnerten bei ihrem Liveauftritt beim Lied "Schrei nach Liebe" mit brennenden Hakenkreuzen auf den Bildschirmen hinter sich an diesen Teil deutscher Geschichte.

Dreck und Lärm gegen G8

Die Liste der Bands, rund 60 Gruppen, ist dieses Jahr lang. Weltberühmtheiten wie Linkin Park und die Smashing Pumpkins finden sich ganz oben im Lineup. Manche Musiker/innen äußern sich auch zu dem brisanten politischen Thema G8: Wir sind Helden kritisierten die strikten Auflagen für Demonstrierende: "Kommt mit uns morgen nach Heiligendamm und protestiert: Uns ist es wichtig, dass die Gegenveranstaltungen weiterhin Dreck und Lärm machen. Der Protest darf nicht zu überhören sein", rief Sängerin Judith Holofernes in die Menge. Und die Ärzte verglichen den Zaun, der Demonstranten/innen vom G8-Gipfel in Heiligendamm fernhalten soll, sogar mit der Berliner Mauer.

Wie bei den Protesten gegen den G8-Gipfel tummeln sich auf dem Festival Punker mit ihren bunten Irokesenfrisuren und Piercings. Auch Rocker und eine Gruppe von Jugendlichen, die sich "Emos" nennen, um ihre depressive Haltung zum Ausdruck zu bringen, finden sich auf dem Gelände. Eine Punkerin trägt ein schwarzes Kreuz auf der Hand; auf ihrem T-Shirt konnte ich die Worte "Straight Edge" lesen. Sie erzählt mir auf dem Zeltplatz, dass die Straight-Edge-Punks sich bewusst gegen den "Sex, Drugs and Rock'n'Roll"-Grundsatz vieler Festivalbesucher/innen aussprechen.
Auf so einem Festival entsteht eine ganz eigene Welt – mit eigenen Regeln, deren Wurzeln irgendwo in der Rockkultur zu finden sind. Die Zelte stehen dicht aneinander, so weit das Auge reicht. Bierfässer, Dosen und Müll türmen sich zwischen den Zelten. Jugendliche, die in Gruppen beieinander sitzen, singen und trinken Bier – begleitet von einer Akustikgitarre. Durchbrochen wird der Gesang nur von einzelnen und impulsiven "Helga"-Schreien, die gleich von anderen Campern/innen erwidert werden. Niemand weiß, wer Helga ist. Trotzdem schallt Jahr für Jahr ihr Name in unregelmäßigen Abständen über die Zeltplätze diverser deutschsprachiger Rockfestivals.

Brennende Zelte und Toiletten

Am Sonntagabend treffe ich auf dem Rückweg zu meinem Zelt auf Autonome, die Zelte, Müllsäcke und mobile Toilettenhäuschen in Brand stecken. Dunkle Rauchschwaden steigen in den wolkenbedeckten Himmel; es riecht vermodert, nach verschmortem Plastik und nach Bier. Um das Feuer herum sitzen einige Festivalbesucher/innen auf Campingstühlen und stimmen "The Roof is on Fire" an. Als das Feuer gelöscht ist, ziehen die Jugendlichen weiter – stecken an neuen Plätzen Müllsäcke und Zelte in Brand. Der letzte Abend des Festivals ist traditionsgemäß als "Riot Sunday" bekannt. Ein Festivalbesucher meint ein wenig enttäuscht: "Schade, dass so ein großartiges Musikfestival im Tumult ausklingen muss."

Früh am nächsten Morgen sitze ich im Zug Richtung München. In meinem Kopf blühen die Erinnerungen der letzten Tage erneut auf: Tagsüber rannte ich von Bühne zu Bühne, um keine der bekannten Bands zu verpassen – und um mitzutanzen und zu -schreien. Bei Sonne und bei Regen. Abends wurde weitergefeiert – in der kleinen Gruppe auf dem Campingplatz mit Dosenbier und Fertiggerichten vom Discounter. Dann schliefen wir wenige Stunden – offenbar zu wenig, denn in Erinnerungen schwelgend nicke ich auf meinem Sitzplatz ein und erwache erst wenige Kilometer vor München.

Felix Scheidl ist 19 Jahre alt, derzeit Schüler und freier Journalist. Ulrike Melzer ist 18 Jahre alt, Schülerin und musikbesessen. Beide leben im oberbayrischen Weilheim und besuchten am Wochenende vom 1. bis 3. Juni 2007 das Festival Rock im Park.

Fotos: ©Felix Scheidl


www.rock-im-park.de
Die offizielle Homepage des Festivals

www.parkrocker.net
Das bekannteste und meistgenutzte Forum zu Rock im Park

www.parkrunde.de
Das Forum zur Homepage von Rock im Park




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