Am Münchner Hauptbahnhof sammeln sich hunderte junge Erwachsene
mit Rucksäcken, Campingausrüstung und fässerweise Bier. Neben mir steht ein
Punk mit roten Haaren. Er schiebt einen mit Bierdosen gefüllten blauen
Kinderwagen; aus einem CD-Player schallt Rockmusik von den Beatsteaks. Das
Ziel: Nürnberg, wo an diesem Wochenende Musiker/innen und Musikbegeisterte auf dem Musikfestival Rock im Park
zusammentreffen.
Ehemaliges
Nazi-Aufmarschgelände
Bereits am Freitagnachmittag drängen sich viele der 60.000
Festivalbesucher/innen vor den drei Festivalbühnen. Es regnet in Strömen – doch
die Menschenmasse bewegt sich, springt und tanzt ausgelassen zur Musik, gehüllt
in rosa Regencapes, die schon vor dem ersten Regenschauer von Werbevertretern/innen
verteilt werden. Ich jedoch stehe klatschnass im Regen; das Wasser fließt mir
übers Gesicht. Das unberechenbare Wetter ist ein typisches Festival-Phänomen –
spätestens seit Woodstock.
Als kleiner Bruder des Festivals Rock
amRing startete Rock im
Park 1997 mit Kiss, Aerosmith und den Ärzten auf dem Zeppelinfeld in
Nürnberg – einem geschichtsträchtigen Platz: Albert Speer, der Chef-Architekt
Hitlers, entwarf ihn für Aufmärsche und Veranstaltungen der Hitlerjugend. Die Ärzte
erinnerten bei ihrem Liveauftritt beim Lied "Schrei nach Liebe" mit brennenden
Hakenkreuzen auf den Bildschirmen hinter sich an diesen Teil deutscher
Geschichte.
Dreck und Lärm gegen
G8
Die Liste der Bands, rund 60 Gruppen, ist dieses Jahr lang. Weltberühmtheiten
wie Linkin Park und die Smashing Pumpkins finden sich ganz oben im Lineup. Manche
Musiker/innen äußern sich auch zu dem brisanten politischen Thema G8: Wir
sind Helden kritisierten die strikten Auflagen für Demonstrierende: "Kommt mit
uns morgen nach Heiligendamm und protestiert: Uns ist es wichtig, dass die
Gegenveranstaltungen weiterhin Dreck und Lärm machen. Der Protest darf nicht zu
überhören sein", rief Sängerin Judith Holofernes in die Menge. Und die Ärzte verglichen
den Zaun, der Demonstranten/innen vom G8-Gipfel in Heiligendamm fernhalten soll,
sogar mit der Berliner Mauer.
Wie bei den Protesten gegen den G8-Gipfel tummeln sich auf
dem Festival Punker mit ihren bunten Irokesenfrisuren und Piercings. Auch
Rocker und eine Gruppe von Jugendlichen, die sich "Emos" nennen, um ihre
depressive Haltung zum Ausdruck zu bringen, finden sich auf dem Gelände. Eine Punkerin
trägt ein schwarzes Kreuz auf der Hand; auf ihrem T-Shirt konnte ich die Worte "Straight Edge" lesen. Sie erzählt mir auf dem Zeltplatz, dass die Straight-Edge-Punks
sich bewusst gegen den "Sex, Drugs and Rock'n'Roll"-Grundsatz vieler Festivalbesucher/innen
aussprechen.
Auf so einem Festival entsteht eine ganz eigene Welt – mit eigenen Regeln, deren Wurzeln irgendwo in der Rockkultur zu finden sind. Die Zelte stehen dicht aneinander, so weit das Auge reicht. Bierfässer, Dosen und Müll türmen sich zwischen den Zelten. Jugendliche, die in Gruppen beieinander sitzen, singen und trinken Bier – begleitet von einer Akustikgitarre. Durchbrochen wird der Gesang nur von einzelnen und impulsiven "Helga"-Schreien, die gleich von anderen Campern/innen erwidert werden. Niemand weiß, wer Helga ist. Trotzdem schallt Jahr für Jahr ihr Name in unregelmäßigen Abständen über die Zeltplätze diverser deutschsprachiger Rockfestivals.
Brennende Zelte und Toiletten
Am Sonntagabend treffe ich auf dem Rückweg zu meinem Zelt auf Autonome, die Zelte, Müllsäcke und mobile Toilettenhäuschen in Brand stecken. Dunkle Rauchschwaden steigen in den wolkenbedeckten Himmel; es riecht vermodert, nach verschmortem Plastik und nach Bier. Um das Feuer herum sitzen einige Festivalbesucher/innen auf Campingstühlen und stimmen "The Roof is on Fire" an. Als das Feuer gelöscht ist, ziehen die Jugendlichen weiter – stecken an neuen Plätzen Müllsäcke und Zelte in Brand. Der letzte Abend des Festivals ist traditionsgemäß als "Riot Sunday" bekannt. Ein Festivalbesucher meint ein wenig enttäuscht: "Schade, dass so ein großartiges Musikfestival im Tumult ausklingen muss."
Früh am nächsten Morgen sitze ich im Zug Richtung München. In meinem Kopf blühen die Erinnerungen der letzten Tage erneut auf: Tagsüber rannte ich von Bühne zu Bühne, um keine der bekannten Bands zu verpassen – und um mitzutanzen und zu -schreien. Bei Sonne und bei Regen. Abends wurde weitergefeiert – in der kleinen Gruppe auf dem Campingplatz mit Dosenbier und Fertiggerichten vom Discounter. Dann schliefen wir wenige Stunden – offenbar zu wenig, denn in Erinnerungen schwelgend nicke ich auf meinem Sitzplatz ein und erwache erst wenige Kilometer vor München.
Felix Scheidl ist 19 Jahre alt, derzeit Schüler und freier Journalist. Ulrike Melzer ist 18 Jahre alt, Schülerin und musikbesessen. Beide leben im oberbayrischen Weilheim und besuchten am Wochenende vom 1. bis 3. Juni 2007 das Festival Rock im Park.
Fotos: ©Felix Scheidl
www.rock-im-park.de
Die offizielle Homepage des Festivals
www.parkrocker.net
Das bekannteste und meistgenutzte Forum zu
Rock im Park
www.parkrunde.de
Das Forum zur Homepage von
Rock im
Park
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