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Gemeinsam einsam

Was Flüchtlinge sich von der Zukunft versprechen

18.8.2003 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Schon im Treppenhaus riecht es nach Fischstäbchenfett. Die Gruppe um Ibrahim und Haznyie trifft sich zum Kochen. Für die Flüchtlinge ist das Zusammensein wichtig. Sie sind allein aus Kriegen und Krisengebieten nach Berlin gekommen. Ibrahim, Haznyie und die anderen leben in Heimen und kleinen Wohnungen überall in der Stadt. Jederzeit droht die Abschiebung, der Gang zur Ausländerbehörde im sechsmonatigen Rhythmus ist jedes Mal eine Zitterpartie. "Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge" dürfen nicht arbeiten, sie dürfen keine Ausbildung machen, sie dürfen nicht studieren. Sie dürfen nicht einmal Berlin für ein Wochenende einfach so verlassen. Sie müssen einen Antrag stellen, denn sie sind "residenzpflichtig".

Wunschglauben?

Haznyie ist 19 Jahre alt. Vor acht Jahren setzten ihre Eltern sie und ihre zwei Geschwister ins Flugzeug nach Deutschland. Eigentlich verzeiht Haznyie das ihren Eltern bis heute nicht. Vor zwei Wochen erhielt sie ihr Abschiebungsurteil nach einer fünfstündigen Verhandlung. Das Hoffen und Bangen seit ihrem 16. Lebensjahr hat nicht geholfen. Die Begründung der Behörde: Haznyie sei nicht in der Lage, selbstständig für ihren Lebensunterhalt aufzukommen - wie denn auch, bei Arbeitsverbot. Dabei möchte Haznyie gerne Altenpflegerin werden. Aber sie glaubt nicht mehr daran.
Wohin soll sie zurück? Die wichtigsten Jahre ihres Lebens hat Haznyie in Berlin verbracht. Ohne Make-up geht die junge Frau nicht aus dem Haus; die Großstadt ist ihr vertraut. Die Vorstellung, nach Kurdistan zu gehen und ihre Selbstständigkeit gegen ein aufgezwungenes Familienleben tauschen zu müssen, ist ihr ein Gräuel. Ihre Antworten sind leise und verhalten. Zu ihrer Familie ist seit Jahren der Kontakt abgebrochen. Eine dicke Träne nimmt ein gutes Stück Kajal mit abwärts. Die Hauptsache in ihrem Leben, lächelt sie traurig, das ist jetzt: "Schick aussehen, das war immer mein Traum. Ich möchte nicht alt werden. Dann lieber jung sterben." Die Fischstäbchen rührt sie nicht an.

Ausdauer und Kraft

Seit 14 Jahren ist Ibrahim in Deutschland. Sein Vater wurde verhaftet, er ist Kurde. "Ich bin allein mit dem Flugzeug gekommen, da war ich gerade 12 Jahre alt", erzählt er, "alles, was ich wusste, war, dass ich meine Eltern eine lange Zeit nicht sehen werde. Heute kann ich mich kaum noch an sie erinnern. Ab und zu telefoniere ich mit meiner Mutter." Wie findet er heute die Entscheidung seiner Eltern? Ibrahim blickt im kargen Raum der Beratungsstelle umher: An den Wänden stehen Aktenordner und hängen vergilbte Postkarten. Ibrahim schweigt. Dann sagt er, dass er nach neun Jahren allein in Deutschland immer noch oft an seine Familie in Urfa denken muss.

Nach seiner Ankunft am Flughafen Tegel kam Ibrahim ins Heim. Nach und nach lernte er die deutsche Sprache. Dann lebte er in einer betreuten Jugend-WG, jetzt hat er endlich eine eigene Wohnung. Vor zwei Jahren hat er Abitur gemacht, jetzt ist er Gasthörer in Rechtswissenschaften. Als Anwalt glaubt er, könne er Menschen helfen, die sich vielleicht in der gleichen Situation befinden wie er selbst: "Ich würde gerne für mehr Gerechtigkeit kämpfen."

Glaube, Liebe, Hoffnung

Ibrahim engagiert sich stark in einer Bleiberecht-Kampagne: Man trifft sich, überlegt, was man zusammen machen kann, um das Schicksal junger Flüchtlinge zu verbessern. Glaubt er an eine bessere Zukunft? "Auf jeden Fall glaube ich an mich! Und ich glaube an Gott", sagt Ibrahim, "wenn ich handele, denke ich immer daran, ob ich das Richtige tue, denn Gott wird mich strafen."

Und Ibrahim glaubt an die große Liebe. Obwohl er überzeugt ist, dass das Verhältnis zwischen Männern und Frauen nicht das Beste ist. Aber: "Irgendwann ändern sich die Menschen und dann ist auch die große Liebe möglich."

Silke Kettelhake ist Cutterin und schreibt für Zeitungen und Magazine.



www.fluechtlingsinfo-berlin.de
Die Vertretung für Flüchtlinge wie Ibrahim und Haznyie

www.amadeu-antonio-stiftung.de
Fördereinrichtung gegen Gewalt gegen Flüchtlinge und Asylsuchende

www.ffm-berlin.de
Einrichtung für medizinische Flüchtlingshilfe

www.ffm-berlin.de
Forschungsgesellschaft Flucht und Migration

www.ilmr.org
Internationale Liga für Menschenrechte




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