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Art Spiegelman

Keine Bequemlichkeiten

30.8.2003 | Petra Tabeling | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Es war wie in Armageddon." Als die Türme des World Trade Centers am 11. September 2001 einstürzten, war der Comiczeichner Art Spiegelman ganz in der Nähe, denn er lebte und arbeitete in N.Y., seine Tochter ging nur ein paar Straßen entfernt zur Schule. Als Spiegelman an diesem Tag seine Wohnung verließ, war nichts mehr so wie vorher. "Ich dachte, wir müssten sterben", so Spiegelman über die chaotischen Zustände, die Angst um seine Tochter, die Angst, die anhielt. Spiegelman sagte öffentliche Auftritte ab, die Frankfurter Buchmesse musste ohne ihren Stargast auskommen. Es hat lange gedauert, bis der 12. September für ihn anbrach.

Zurück zu den Ursprüngen

Am 11. September schwor sich Spiegelman, künstlerisch dahin zurückzugehen, wo er einst herkam, Comics zu machen - gegen den Mainstream. Mit Comics gegen den guten Geschmack wurde Spiegelman Anfang der 90er bekannt, als Essayist und Herausgeber des legendären Comic-Magazins "Raw". Mit dem "Maus"-Comic, in dem er die Erfahrungen seiner jüdischen Eltern während des 2. Weltkrieges zeichnete, wurde er schließlich international berühmt. Das erste Mal wagte es jemand, den Holocaust im Genre des Comic darzustellen: Juden als Mäuse, Deutsche als Katzen, Polen als Schweine. Mit Erfolg - Spiegelman bekam 1992 den begehrten Pulitzerpreis.

Liebt euch!

1993 nahm ihn das berühmte Stadtmagazin "New Yorker" unter Vertrag. Ab da zeichnete Spiegelman für das alteingesessene Magazin das Titelblatt. Und gleich mit dem ersten Cover erregte er wieder Aufsehen. Es zeigt einen orthodoxen Juden, der eine Afroamerikanerin küsst. Vorausgegangen waren Unruhen zwischen Schwarzen und Juden; ein Jude hatte ein schwarzes Kind überfahren. Vertragt euch, küsst euch - das wollte Spiegelman damit sagen. Und "Küsse aus New York" heißt auch der gerade erschienene Comicband, in dem Spiegelman die Cover aus zehn Jahren Arbeit für den New Yorker zeigt.

Ein Muss für Comicfans, für Spiegelman-Freunde, aber auch für jeden, der einfach mehr wissen will über die amerikanische Gesellschaft aus der Sicht eines kritischen New Yorkers, der niemandem Gefälligkeiten tut. So kennt ihn auch der Freund und Promi-New-Yorker Paul Auster: "Seit diesem Debüt hat Spiegelman nicht aufgehört, unsere Erwartungen zu sabotieren. Er möchte uns aus dem Gleichgewicht bringen, uns unvorbereitet treffen."

Und Spiegelman trifft ins Mark der konservativen amerikanischen Gesellschaft: mit Zeichnungen einer stillenden Bauarbeiterin, Truthhähne, die auf Afghanistan herunterregnen, ein gekreuzigter Osterhase. Oder - wohl am schrägsten: Clinton mit verbundenen Augen vor einer Mauer, vor sich die Gewehrläufe und eine vor Clintons Hosenschlitz niederknieende Monica Lewinsky, Titel: "Clintons letzter Wunsch." Diese Zeichnung war der Chefredaktion zu heiß, sie erschien nicht. So wie auch einige andere, die alle in "Küsse aus New York" unzensiert zu sehen sind. Und zu jedem Comic hat Spiegelman eine ausführliche Entstehungsgeschichte geschrieben, in der er auch als Erzähler glänzt.

I love NY

Doch die konservative Haltung des New Yorkers nervt Spiegelman nach zehn Jahren, und so wird die Katastrophe seine Muse, wie er selbst sagt. Der 11. September hat ihn unter anderem das Folgende gelehrt: "Meine Eltern haben beide Auschwitz überlebt. Ich habe ein komfortables amerikanisches Leben geführt und bin dennoch immer mit dem Gefühl erzogen worden, dass du dich auf Eierschalen bewegst. Ich befand mich am 11. September in einer Situation, in der dieser üble Kopf der Geschichte an meiner Haustür klopfte. Ich hatte mich bisher gefragt, warum sind all diese Juden, als sie merkten, dass Berlin kein sicherer Platz für sie sei, nicht gegangen? Aber es war ihre Welt, auch vor den Nazis, und so fühle ich mich mit New York verbunden."

Im Amerika der Helden des 11. September sieht er aber kaum noch eine Möglichkeit, seine bissigen Comics über die amerikanische Gesellschaft zu veröffentlichen. Deshalb erschien bis vor kurzem seine Comic-Serie über den 11. September "Im Schatten keiner Türme" in der ZEIT. W.H. Auden sagte am ersten Tag des Zweiten Weltkrieges: "Wir müssen einander lieben oder sterben." Eine Maxime, die Spiegelman mit Ironie und Satire in seinen Comics umsetzt.

Petra Tabeling lebt und arbeitet als freie Autorin in Köln.

Illustrationen: Art Spiegelman / The New Yorker


Art Spiegelman: Küsse aus New York (Zweitausendeins Verlag, 24.90 €)


www.barclayagency.com/spiegelman.html
Hier kannst du ein paar New-Yorker-Cover sehen, Interviews mit Spiegelman lesen, etc. (englisch)

www.uni-bielefeld.de:8081/paedagogik/Seminare/moeller02/01Maus
Über Spiegelmans "Maus"

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