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Antisemitismus

Auslöschung als Ziel

30.8.2003 | Jörg Sundermeier | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Was er wünscht, was er vorbereitet, ist der Tod des Juden", so beschreibt Jean Paul Sartre die Motivation des Antisemiten. Der Antisemit ist kein vernunftgesteuerter Mensch, seine Abneigung von Juden nährt sich, wie der französische Philosoph schreibt, aus einer Leidenschaft heraus. Antisemit/innen erfahren eine quasireligiöse Erweckung, sie glauben, eine Gruppe von Leuten gefunden zu haben, die sie nicht als Religionsgemeinschaft, oder, schon das eine schwierige Sache, als "Volk" wahrnehmen. Nein, sie haben das absolut Böse auf Erden ausgemacht, den Antichristen, den Antimuslimen, den Unmenschen. Und der dient als Entschuldigung für alles; "Der Jude" ist an allem Schuld. So wie die Nationalsozialisten (den antisemitischen Historiker Heinrich von Treitschke zitierend) behaupteten: "Die Juden sind unser Unglück."

"Existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden", erkannte Sartre in seinem immer noch bedeutenden Aufsatz "Überlegungen zur Judenfrage", dessen erster Teil bereits 1945 veröffentlicht wurde. Diese bittere, schreckliche Feststellung ist gerade angesichts der sich weltweit häufenden Anschläge gegen jüdische oder vermeintlich jüdische Einrichtungen sehr richtig.

Wie genau der Antisemitismus entstand, ist strittig. Im religiösen Wahn jedenfalls sahen bereits im Mittelalter vielerorts Christen in den Juden die "Christusschlächter". Juden wurde untersagt, ein Handwerk auszuüben und Ständen beizutreten, sie durften - noch bis ins 18. Jahrhundert - Städte, wenn überhaupt, nur durch bestimmte Tore betreten, mussten in Ghettos leben und waren ganz und gar der Gnade weniger "toleranter" Fürsten ausgeliefert. Wenn Kreuzritter eine Schlacht gegen Muslime verloren, gab es Pogrome gegen jüdische Ghettos. Bereits im antiken Alexandria wurden Juden immer dann Opfer von Gewalttaten, wenn sich Christen und Heiden um die richtige Lehre stritten. Im Russland des 19. Jahrhunderts versuchte man, die Juden für wirtschaftliche Misserfolge verantwortlich zu machen. Den Nationalsozialisten schließlich gelang es beinahe, "die Juden" auszurotten - über sechs Millionen Menschen fielen dem eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen zum Opfer - mit dem Holocaust, der industriellen Vernichtung von Menschen, erreichte der Antisemitismus seinen Höhepunkt.

Verdacht auf ...

Heute sind es insbesondere arabische Terroristen und sich gemäßigter gebende Politiker aus ihrem Umfeld, die mehr oder minder unverhohlen davon träumen, "die Juden ins Meer zu treiben" und den Staat Israel, der gegründet wurde, um den Juden aus aller Welt Schutz zu geben, zu vernichten. Matthias Küntzel zitiert das "Diktum des Koran, die Juden seien die schlimmsten Gegner aller Gläubigen", und zeigt auf, dass die islamistischen Gruppen diesem Diktum bereits seit den 20er-Jahren folgen, sich später aber vor allem die antisemitische Ideologie des Nationalsozialismus zu Eigen gemacht haben.

Es gilt unter Antisemit/innen übrigens als ausgemacht, dass Juden, egal welcher Staatsbürgerschaft, "eigentlich" Israelis seien. Ignatz Bubis etwa, der verstorbene Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, ein deutscher Staatsbürger, berichtete, dass er, wann immer ein israelischer Politiker in Deutschland weilte, gefragt wurde, wie ihm "sein" Präsident, Ministerpräsident, Außenminister und so weiter denn gefielen, der jeweils israelische selbstverständlich.

Im Blut

Der Antisemitismus selbst ist eine Art Religion, er stellt eine Heilslehre für sein Anhänger dar. Er funktioniert inzwischen unabhängig davon, ob man einer anderen Religion, sei sie christlich oder islamisch, angehört, der Antisemitismus befindet sich nicht unbedingt im Widerspruch zu anderen Religionen. Es ist ebenso egal, ob diejenigen, die von Antisemit/innen als jüdisch identifiziert werden, religiös sind oder nicht, ob sie überhaupt nach den Regeln der jüdischen Glaubensgemeinschaft als Juden gelten oder ob irgendwo im Familienstammbaum vielleicht mal ein Mensch auftaucht, der Jude war. "Das Jüdische", so sind sich die Antisemit/innen einig, vererbt sich im Blut. Daher muss "das Jüdische" ausgerottet werden.

Das eklige Manifest, das unter dem Namen "Die Protokolle der Weisen von Zion" seit Jahrhunderten kursiert und das mit großer Sicherheit von einem russischen Beamten in Vorbereitung eines Pogroms verfasst wurde, gilt den Antisemit/innen trotz seiner augenfälligen Übertreibungen und seiner unfassbaren Dreistigkeit als ein authentisch jüdisches Dokument. Der hartnäckigen antisemitischen Überlieferung nach belegt es, dass Juden Kinder für religiöse Rituale töten und eine Verschwörung betreiben, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Große Verschwörung

Den Antisemit/innen gilt "der Jude" als verweichlicht, weibisch, impotent, zugleich aber auch als wollüstig. Er sei geizig, heißt es, bediene sich, da er keine Ehre im Leib habe, hinterhältiger Tricks und so weiter. Dazu passend sind die Antisemit/innen auch große Anhänger von Verschwörungstheorien - die Anschläge vom 11. September 2001 etwa, so geistert es durch das Internet, seien vom israelischen Geheimdienst, dem Mossad, durch die von der "jüdischen" Finanzwelt gesteuerte amerikanische Regierung oder ganz allgemein von "den Juden" inszeniert worden.

Auch wenn alle Fakten gegen die Auffassungen der Antisemit/innen sprechen, wenn sich das durch sie betriebene Vorurteil durch nichts halten lässt - sie wähnen sich im Recht. Henryk M. Broder sagt: "Der Antisemitismus ist ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur. Man kann das prima testen: Sagen Sie in einer Runde zu Ihren Freunden, an allem seien die Juden und die Radfahrer schuld. Neun von zehn werden fragen: Warum die Radfahrer? Dem Phantasma der jüdischen Weltherrschaft ist mit keiner Aufklärung beizukommen, es ist Teil des kollektiven Bewusstseins."

Hartnäckiges Vorurteil

"Wo Antisemitismus nicht mehr zu leugnen ist, wird dessen Vernichtungsabsicht geleugnet und der Antisemitismus verharmlost", stellt Tjark Kunstreich nüchtern fest. Zurzeit geistern verschiedene Debatten durch die Feuilletons. Zum Beispiel wird diskutiert, ob der Moralphilosoph Ted Honderich, dessen Buch "Nach dem Terror" soeben vom deutschsprachigen Markt genommen wurde, ein Antisemit sei, wenn er behauptet, dass - er sagt nicht einmal die Israelis, sondern - "die Juden" von ihren Unterdrückern gelernt hätten, und nun dieses Erlernte selbst gegen Palästinenser anwenden würden. Und wenn er schreibt, dass es daher legitim sei, wenn sich palästinensische Terroristen in einem israelischen Bus voller Zivilisten in die Luft sprengen, gilt das den Verteidigern Honderichs nur als "Überspitzung" seiner moralischen Strenge. Andernorts liest man immer häufiger von "gewieften New Yorker Anwälten", die ganze Weltverläufe steuern. Man kann sich sicher sein, dass damit jüdischstämmige Anwälte gemeint sind, die besonders trickreich für ihre ebenfalls "jüdischen" Mandanten "schachern" würden.

Der Antisemitismus ist eine Heilslehre für seine Anhänger/innen, zugleich bildet er jedoch wohl die einzige zurzeit existierende quasireligiöse Glaubensgemeinschaft, deren Ziel es ist, andere Menschen zu eliminieren.

Jörg Sundermeier schreibt unter anderem für die "taz" und die "Jungle World".

Foto: "Jean Paul Sartre" / © Rowohlt Verlag


Bücher

Jean Paul Sartre: Überlegungen zur Judenfrage (Rowohlt Verlag 1994, 8.50 €)






Wolfgang Benz: Bilder vom Juden. Studien zum alltäglichen Antisemitismus (C.H.Beck 2001, 9.90 €)






Matthias Küntzel: Djihad und Judenhass. Über den neuen antisemitischen Krieg (Ca Ira 2002, 13.50 €)






Tjark Kunstreich: Nach dem Westen (Verbrecher Verlag 2003, 13 €)

Henryk M. Broder: Der Ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls (S. Fischer Verlag 1993, leider nur noch antiquarisch erhältlich)






www.shoa.de/weisen_von_zion.html
Hier findest du ausführliche Infos zu dem Plagiat "Die Protokolle der Weisen von Zion"
www.hagalil.com
Die jüdische Internet-Zeitung Hagalil (deutsch)
www.antisemitismus.de
Informationen, dauernd aktualisiert, zu Antisemitismus
www.shoa.de
Ein Projekt zu Shoa, Holocaust, Antisemitismus, Drittem Reich und Zweitem Weltkrieg
www.berlin-judentum.de
Informationen, Meldungen, Termine zum Berliner Judentum
www.jungle-world.com/seiten/2003/33/1425.php
Interview mit Henryk M. Broder zu Verschwörungstheorien und Antisemitismus

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