Ein Piepsen kommt über den Lautsprecher. Es drückt den Text weg, den es an dieser Stelle vielleicht nie gab. Wie ein technischer Defekt, oder ein Zensurton, der dem eigentlich Gesungenen hier aufgedrückt wird. Aber wer hätte hier was zensieren wollen?
Es geht um das Blumfeld-Stück "Jugend von heute" von der neuen Platte "Jenseits von Jedem", in dem Texteschreiber, Gitarrist und Sänger Jochen Distelmeyer seine Beobachtungen über ebenjene "Jugend von heute" vermerkt. Oder singt er darüber, wie man über die "Jugend von heute" spricht? Ist es ein Mokieren oder ein Einschmeicheln, über oder für die Jugend? Wer ist eigentlich die "Blumfeldzielgruppe von heute"? Und warum piepst es an genau dieser Stelle: "Sie haben ihre Lektionen gelernt / Punkt eins: Mit Geld weint es sich leichter, Baby / Und zweitens: ----------------- "?
Jugend als Zwang
Offensichtlich könnte an dieser Stelle eine Art "Wahrheit" passieren, deren Auffindung jeder/jedem Hörer/in selbst überlassen bleibt. Hat diese Wahrheit damit zu tun, dass die "Jugend von heute" genauso gefährlich (für wen?) wie sexy ist (für wen?)? Denn die Jugend ist kaufkräftig, mit Handy ausgestattet und durchaus größenwahnsinnig ("Und jeder weiß, sie werden die Herrscher der Welt sein / Die meisten sind nur telefonisch erreichbar"). Dazu ist sie geprägt von Zwängen - Konsum, Selbstdarstellung, Wiederholung: "Jugend von heute - die Zukunft von morgen / Mit ihren Freunden in der Innenstadt / Beim Bummeln und Shoppen - Wie ihre Alten / Nur andere Klamotten und mehr Taschengeld."
Ist es nur das vorgespielte, entstellte Bild von "Jugend" aus den Vorabendserien, Talk- und Gerichtshows, an das Distelmeyer denkt? Oder sind es seine eigenen Beobachtungen von der Straße, die in diesem Lied sowohl Laufsteg ("Wie sie die Straßen langgehen / So selbstverständlich und schön / Cool in der Gegend rumstehen") als auch Problemzone ist ("Sie haben es wirklich nicht leicht / Aber auch nicht wirklich schwer / Vielleicht ist das ihr Problem / Wenn man es so sieht, könnte man Mitleid haben")?
Immer wieder fragt man sich, wie ambivalent Distelmeyer seinen Text meint. Geht es um Bestätigung oder um Distanzierung, um Sympathien oder um Sozialstudien? Genauso rock'n'rollig, wie der Song wie ein Stück Jugend weggerockt wird, hört er dann plötzlich abrupt auf: "So war es immer und so wird es bleiben / Sie lassen sich treiben und haben Spaß dabei." Und dann klingt es, als werde der Stecker rausgezogen, so stumm wird es, und es bleibt die Frage, durch was sich die Jugend da eigentlich immer treiben lässt und ob sich der Spaß lohnt?
Fragen über Fragen. Im Interview bietet Jochen Distelmeyer eine Interpretation an, die mehr Klarheit verspricht.
Der Text von "Jugend von heute" ist ja einerseits sehr aggressiv, andererseits aber auch ambivalent, weil er ein bestimmtes Begehren zum Ausdruck bringt. Wenn du singst, dass die Jugend von heute "so schön" sei, kommt das hämisch rüber, spricht aber auch von etwas, das man so nicht mehr ...
JD: ... selber hat! Also, "selbstverständlich und schön" war nicht hämisch gemeint! Das klingt vielleicht durch die Art des Vortrags, durch das Punkige so. Aber für mich war die grundlegende Idee die, dass mich das nervt, wenn Leute von sich behaupten, sie wären bessere Jugendliche gewesen als die aktuellen Jugendlichen. Ob das jetzt die "PISA-Studie" ist oder "Die sind unpolitisch" oder "Die sollten sich erstmal die Haare schneiden lassen und etwas Anständiges lernen": Das sind ja Sprachmuster, Ressentiment-aufgeladene Sprechweisen zu diesem Thema, die so alt sind wie Jugendkultur selber auch. Seit den 50er-Jahren - oder vielleicht sogar noch früher - kennt man das eben: "Wie läufst du denn rum?" und "Was denkst du denn?" und so. Da wird natürlich immer erstmal der Fehler gemacht, dass pauschalierend ganz unterschiedliche Gruppierungen und Individuen mit unterschiedlichen Interessen, Absichten und Styles über einen Kamm geschoren werden. Wo kommt eigentlich dieses Ressentiment in einem klassischen Begriff wie "Die Jugend von heute" her? Denn da weiß man ja sofort, wie es weitergeht, wenn man das hört. Meine Überlegung war: Das kann Neid sein - "Da kann man schon neidisch werden, so geil, wie die aussehen", oder wie die "so fit, frisch und blühend im Leben stehen und alles noch vor sich haben". Sicherlich gibt es aber auch Grund zur Sorge, oder Leute, die Mitgefühl haben, im Sinn von: "Hoffentlich bekommt er noch die Kurve mit seiner Entscheidung" oder: "Hoffentlich ist das richtig, wie sie das macht." Das gibt es auch als Form, sich als Nichtjugendlicher über Jugendliche Gedanken zu machen. Und dann gibt es aber auch berechtigte Kritik an einer bestimmten Haltung von Teilen von Jugendlichen, Gruppierungen oder Leuten. Mir geht es darum, die ernst zu nehmen mit dem, was sie für sich herausbekommen möchten, was sie an Absichten haben; und dann kann ich, wie bei jedem anderen Menschen auch, altersunabhängig sagen: "So, wie du dich jetzt verhalten hast, das geht doch nicht, das ist doch total Scheiße!" Das gibt es also auch als einen Grund für dieses Sprechen, für das Zu-diesem-Text-Gelangen. Und das habe ich versucht darzustellen.
Und dass es diesen Spruch von der "Jugend von heute" schon immer gab?
JD: Ja, dass es eigentlich immer schon so war, dieses Darüber-Reden. Die einen haben gesagt: "My-my-my generation!" Und die anderen haben gesagt: "Was wollt ihr eigentlich?" Und sicherlich tauchen darin auch Teile meiner Wahrnehmung beim Beobachten von Jugendlichen in der Innenstadt auf, "beim Bummeln und Shoppen". Gut, die gibt es jetzt, die hat es in den 90ern, 80ern, 70ern und sonstwann auch gegeben: Leute, die schon sind wie ihre Alten, oder die genauso sind, wie ihre Alten waren, nur "andere Klamotten und mehr Taschengeld" haben. Sicherlich tauche ich da auch als älteres Semester auf. Aber grundsätzlich war es so, das erst einmal ein bisschen klarer zu machen, warum wie darüber geredet wird.
Das heißt, in dieser Ambivalenz geht es auch um die eigene Generation, die dieses Sprechen annimmt?
JD: Ja, die dieses Sprechen annimmt - oder man erkennt sich wieder, man stellt bei sich selber solche Sachen fest: "Haben wir früher anders gemacht" oder so, lächerlich! Aber das gibt es nun mal. Genauso hat man auch erfahren, wie, als man selber 14 bis 24 war, ältere Leute über einen geredet haben oder wie sie sich einem gegenüber verhalten haben. Aber wichtig für mich ist, dass Jugendliche als Ganzes für mich zumindest so nicht greifbar sind. In dem Moment, wo einer sagt Die sind ja total unpolitisch", fallen mir sofort unzählige Leute ein, die ich kenne, die ein sehr reges Interesse an politischem Engagement haben. Das lässt sich auch beobachten, ob jetzt bei Demos oder bei irgendwelchen Gruppen, die sich organisieren.
Übertüncht das Piepsen dann ein Klischee des Sprechens über Jugend?
JD: Keine Ahnung, was das Piepsen bedeuten soll ...!
Es ist ja das Einzige bei dem Text, das nicht gehört werden darf ...
JD: Oder das nicht gesagt werden darf ...
Blumfeld: Jugend von heute
(Jenseits von Jedem, WEA/ZickZack)
Wie sie die Straßen langgehen
So selbstverständlich und schön
Cool in der Gegend rumstehen
Wenn man sie sieht, kann man schon neidisch werden
Die Jungen so athletisch und männlich
Und auch die Mädchen sehen phantastisch aus
Manche meinen, sie wären vielleicht etwas dämlich
Doch wer so denkt, kennt sich mit Jungsein nicht aus
Jugend von heute - Die Zukunft von morgen
Mit ihren Freunden in der Innenstadt
Beim Bummeln und Shoppen - Wie ihre Alten
Nur andere Klamotten und mehr Taschengeld
Sie haben es wirklich nicht leicht
Aber auch nicht wirklich schwer
Vielleicht ist das ihr Problem
Wenn man es so sieht, könnte man Mitleid haben
Und überall hört man die Eltern klagen:
"Mein Gott, was haben wir falsch gemacht?"
Also wenn du mich fragst, ich kann ’ s dir nicht sagen
Aber wenn das mal nichts mit dem System zu tun hat
Jugend von heute - Die Zukunft von morgen
Mit ihren Träumen in der Innenstadt
Beim Essen und Rauchen, zu nichts zu gebrauchen
Mit neuen Klamotten und mehr Taschengeld
Wie sie die Straßen langgehen
So unaufhaltsam und schön
Cool in der Gegend rumstehen
Und jeder weiß, sie werden die Herrscher der Welt sein
Die meisten sind nur telefonisch erreichbar
Sie haben ihre Lektionen gelernt
Punkt eins: Mit Geld weint es sich leichter, Baby
Und zweitens: ------------------
Jugend von heute - Die Zukunft von morgen
Mit ihren Freunden in der Innenstadt
Beim Bummeln und Shoppen - Wie ihre Alten
Mit neuen Klamotten und mehr Taschengeld
So war es immer und so wird es bleiben
Sie lassen sich treiben und haben Spaß dabei
Martin Conrads schreibt Texte in Berlin und zweitens - - - - - - - - - - -
www.blumfeld.de
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