"Der Münchner Rainald Goetz lieferte während seiner Lesung eine ’ blutige ’ Performance. Für einen Preis reichte es dennoch nicht." Das ist der lapidare Kommentar auf der Website des Ingeborg-Bachmann-Preises. Der Bachmann-Preis ist einer der wichtigen Literaturpreise im deutschsprachigen Raum, er wird jährlich in Klagenfurt verliehen. Der junge Schriftsteller Rainald Goetz nahm 1983 am Wettbewerb teil und schnitt sich während seiner Lesung mit einer Rasierklinge die Stirn auf. Bumm. Keine Goetz-Anekdote wird seitdem häufiger erzählt. Für alle, die das live verpasst haben - also alle - hat das österreichische Fernsehen inzwischen ein paar Videostills ins Netz gestellt. Goetz trägt eine toupierte und blondierte New-Wave-Frisur plus Nietenarmband. Während er konzentriert aus seinem Text liest, tropft ihm sein eigenes Blut vom Gesicht auf das Blatt Papier vor sich.
War das Punk? Vielleicht. Auf jeden Fall eine gelungene Überraschung. Nach der Sache mit der Stirn galt er lange Zeit als "Hassliterat". Kein Frieden mit dem Literaturbetrieb. "Subito", der Text, oder besser: die Kritikerverhöhnung, die er damals in Klagenfurt vortrug, kann man in der gerade wieder aufgelegten Anthologie "Rawums. Texte zum Thema" von 1984 noch einmal nachlesen.
Punk war schneller
"Rawums"-Herausgeber Peter Glaser erinnerte sich 2002 anlässlich der Düsseldorfer Punk-Schau "Zurück zum Beton", warum die Entwicklungen in der Musik und der bildenden Kunst der frühen 1980er nur mit Schwierigkeiten auf die Literatur übertragbar waren: "Punk-Literatur gab es nie, dazu war Punk zu schnell und die Literatur zu langweilig." Glücklicherweise grübelte Glaser nicht lange, sondern probierte es einfach aus: "1983 unternahm ich dann doch den Versuch, herauszufinden, ob es so etwas wie eine neue deutsche Literatur gibt und versammelte 25 Beiträge ..." In den frühen 1980ern war es wohl ein krachiges Stück Literatur, das viele Leute ärgerte. Auch wenn das schwarze Taschenbuch mit seinen plumpen Illustrationen heute wie ein krudes Schülerfanzine wirkt, das ein schusseliger Lektor versehentlich in den Druck gegeben hat. Lange vergriffen, immer gesucht - gerade im Zug des Aufschwungs junger deutschsprachiger Gegenwartsliteratur seit 1998. Nach Diedrich Diederichsens "Sexbeat" und Joachim Lottmanns "Mai, Juni, Juli" kommt nun also auch "Rawums" im Zuge des allgemeinen BRD-New-Wave-Nostalgie-Booms wieder in die Buchläden.
Nicht alle Texte erfüllen die Kriterien, die Glaser damals im Intro formulierte: "Ungebremst von ameisenhaft durcheinanderkrabbelnden Bedenken; selbstsicher. Adrenalintreibend, störend und ungehalten. Schnittig, schräg, witzig. Treffend. Strategien zwischen rabiater Ablehnung und offensiver Affirmation werden erprobt. Damit kann man Textkonsumenten wirksamer hochgehen lassen als bisher." Doch neben dem Text von Rainald Goetz (auch gerade im Goetz-only-Bändchen "Hirn" wieder veröffentlicht) bietet "Rawums" genügend weitere Knaller. Zum Beispiel die exzellenten Zeichnungen des inzwischen verstorbenen Künstlers Martin Kippenberger. Der Kölner lieferte eine Reihe von 15 Bildern, die mit teils kryptischen, teils sehr eindeutigen Kommentaren versehen sind. Zum Beispiel: "Du hast Angst vorm Baden / denn du hast einen Bauch / nimms nicht für voll / so gehts mir doch auch."
Wider den Protestkanon
Von anderen Schwierigkeiten berichtet Michael O.R. Kröher, damals Redakteur beim Musikmagazin Sounds. Kröher beschreibt, wie zwei Sounds-Redakteure auf einem Studenten-Festival einen Vortrag zum Thema "New Wave" halten sollen. Der Ausflug von Hamburg nach Mainz wird zu einer röntgenologischen Studie des bundesdeutschen Hippie-Studenten-Milieus: "Genaugenommen wurde an diesem Sonntag auf dem Mainzer Studentenfestival nur noch die Zeit totgeschlagen (...) Die einzigen, die sich zielstrebig bewegten, waren die Bauchladenverkäufer: Cola, Fanta, Eiis, Atomkraft? - Nein Danke!-Aufkleber in allen Größen und allen Sprachen zwischen Plattdeutsch und Chinesisch, Palästinensertücher in allen Farben, Patchouli und alle Accessoires der studentischen Grundaustattung." Kein 1980er-Studentenklischee bleibt unprotokolliert, ein schöner Text. Überhaupt ist die Spitzen-Fraktion der damaligen Musikjournalisten mit Clara Drechsler, Joachim Lottmann, Jutta Koether und Diedrich Diederichsen ganz gut vertreten.
Gutes Ende
Auch in einer anderen Hinsicht ist die Neuauflage der Anthologie zu begrüßen. Denn mit dem Erscheinen von "Rawums" könnte die Retro-Phase, die der Journalist Jürgen Teipel mit der Veröffentlichung seines Doku-Romans
"Verschwende deine Jugend" im Herbst 2001 auslöste, zu einem vorläufigen Ende finden. Es soll ja noch was zum Wiederentdecken für das nächste Revival übrig bleiben. Außerdem: Wer nach all dem (Ausstellungen, Kinofilm, Re-Releases, Compilations, Fehlfarben- und DAF-Comeback, etc.) immer noch nicht genug hat, läuft Gefahr, zum Revival-Punk zu verkommen. Was das ist, definierte der Poptheoretiker Martin Büsser 1997: "Wo der einzelne Punk in den Achtzigern noch Teil selbstbestimmter Strukturen gewesen ist, gibt es den Revival-Punk nur noch als Konsumenten einer vermittelten Punk-Idee." Oder andersherum, von Rainald Goetz: "Und der Fan, der Depp, soll keine blöden Banner raushängen, sondern selber ein tolles Leben anfangen."
Kito Nedo, 28, lernt und schreibt in Berlin.
Peter Glaser (Hg.): Rawums. Texte zum Thema
(Kiepenheuer & Witsch 1984 / 2003, 8.90 €)
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