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Benjamin Lebert: Der Vogel ist ein Rabe

Männerzweisamkeit

25.8.2003 | Sandra Hofmeister | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Als 1999 sein Debütroman "Crazy" erschien, war Benjamin Lebert gerade mal 16 Jahre alt. Zeitungen feierten den jüngsten Autor der Verlagsgeschichte als "Big Ben". Das Buch kletterte sofort an die Spitze der Bestsellerlisten und Kritiker überschlugen sich mit lobenden Worten: Für ein "ganz und gar erstaunliches und wunderbares Buch" befand Elke Heidenreich die autobiographischen Internatsabenteuer des Benjamin Lebert. Mittlerweile sind vier Jahre vergangen und wir haben kaum mehr was vom Young Star der deutschen Literaturszene gehört. Doch nun meldet er sich mit dem Roman "Der Vogel ist ein Rabe" zurück.

Leben, leiden und fühlen

Im Zug von München nach Berlin lernen sich Paul und Henry kennen, beide Anfang zwanzig. Der eine redet viel, der andere hört gerne zu. Sie haben einschlägige Erfahrungen mit dem Leben und mit Mädchen gemacht. Für eine Nacht werden sie zu Weggefährten in einer Welt der trauten Männerzweisamkeit: "Ich weiß nicht, wie das bei dir ist, mein großes Problem sind die Mädchen."
"Der Vogel ist ein Rabe" ist in weiten Strecken ein Dialog-Roman, der große Themen anpackt: Liebe und Tod, Magersucht und Fressgier, Eifersucht und Freundschaft. Doch weil Henry ohne Pause quasseln und kommentieren darf, driftet seine komplexe Lebensgeschichte ungewollt ins Triviale ab. Paul hingegen ist verschlossen. Wenn überhaupt, dann spricht er in Andeutungen und Rätseln: "Berlin. Diese Stadt kaut an einem ... Beißt einem buchstäblich Körperteile ab." Wirkliche Tiefe entsteht durch solche Bilder kaum, dabei soll Paul wohl als Gegenpol zu Henry funktionieren. Leberts Figuren kratzen an einer pseudophilosophischen Oberfläche, die mit einem Schuss gut gemeinter bürgerlicher Weltanschauung versetzt ist: "Die Erinnerung ist so verdammt wichtig. Weil man sich an die Dinge erst einmal erinnern muss, bevor man mit ihnen fertig werden kann."

Sex and Crime

Henry flieht vor einer unglücklichen Liebe in München und Paul beendet seine Flucht mit der Rückkehr nach Berlin. Die Konstellation der Figuren ist minutiös ausbalanciert. Aber so trivial Henrys Bekenntnisse wirken, so unplausibel bleibt Pauls Lebensgeschichte, die im letzten Drittel des Romans aus der Erinnerung heraus erzählt wird. Paul ist der Ich-Erzähler des Romans. Und wie sich völlig unvermittelt herausstellt, auch ein Mörder: Er hat die Prostituierte Lisa Sheffler erwürgt. Nach Berlin kommt er zurück, um sich zu stellen und für seine Tat zu büßen: "Ich bin vor etwas weggelaufen. Aber jetzt kann ich nicht mehr weglaufen. Es geht einfach nicht mehr."

Offensichtlich wollte Benjamin Lebert das pubertäre Teenie-Image von "Crazy" loswerden und seinen Lesern zeigen, dass er auch harte Themen angehen kann. Aber die Themen, die er aufgreift, sind eine Nummer zu groß: Sex and Crime, Weltschmerz und Liebeskummer - dargeboten wie in einem ambitionierten Schulaufsatz. Vielleicht hätte "Big Ben" doch bei seinen Internatsabenteuern bleiben sollen. Das wäre jedenfalls authentischer gewesen.

Sandra Hofmeister lebt in München als freie Autorin für Printmedien und Fernsehen.

Benjamin Lebert: Der Vogel ist ein Rabe (Kiepenheuer & Witsch 2003, 9.90 €, als Hörbuch bei der hörverlag, 2 CDs, gelesen vom Autor, 19.95 €)







www.benjamin-lebert.de




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