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Denis Johnson: Fiskadoro

Düstere post-atomare Hoffnung

 sterne

Claudia Kramatschek | 25.8.2003

Denis Johnson, amerikanischer Autor mit deutschem Geburtsort, liebt die gefallenen Engel. Alle seine bisherigen Romane sind bevölkert von schwarzen Seelen: von Outcasts und Durchgeknallten, Menschen, die der Konsum- und Fortschrittsfuror der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft an den Rand des Daseins getrieben hat. Für Johnson sind sie die eigentlichen tragischen Repräsentanten der Welt, in der sie leben, in der sie aber nicht sichtbar sein dürfen. Und daher gilt ihnen, den Helden der Nacht- und Schattenseite der so genannten Zivilisation, Johnsons literarische Leidenschaft.

Die verwüstete Zone der Zivilisation

Eine Reise in das wahrlich dunkle Herz der Zivilisation ist auch Johnsons neuer Roman, "Fiskadoro". Denn wir sind im 21. Jahrhundert, und gerade zwei Generationen zuvor hat ein Atomkrieg Amerika zur verwüsteten Zone gemacht. Und dort, wo einst unter dem Namen Florida und Florida Keys ein Ferienparadies anzutreffen war, dämmern nun in Quarantäne die versprengten Reste der Zivilisation traurig vor sich hin. Versprengte Reste - denn wie auch vor der Katastrophe existieren schon wieder Parallelwelten, in denen Johnsons Figuren leben und eine Existenzform die andere eher verneint.

Da sind die Orte der Weißen, Twicetown und Marathon; Twicetown, das seinen Namen von zwei Bomben bekam, die als Blindgänger des Krieges dort liegen blieben; Marathon, wo die zentrale Bibliothek ihren Sitz hat und die so genannte "Wissensgesellschaft", die wie ein orwellscher Apparat mit despotischer Macht das Wissen der Menschen verwaltet und kontrolliert. Doch es gibt auch die dunkelhäutigen, mit kleinen Zöpfen geschmückten Israeliten, die sich als direkte Nachfahren vom Stamme Mohammeds gebärden. Noch dunkler ist die Haut der so genannten "Sumpfleute", Einheimische mit archaischen Riten. Und nicht zu vergessen die "Army", jene Siedlung alter verlassener Armeebaracken, in denen nun die Dechaderos hausen: Fischer und Seeleut wie Jimmy Hidalgo, der Vater des 14-jährigen Fiskadoro.

Leben aus dem Nichts heraus

Ausgerechnet der kleine, der Sprache kaum mächtige Fischerjunge und Herr Cheung, einstmals Chef des Miami Sinfony Orchester, aber werden Freundschaft miteinander schließen. Was sie verbindet, ist nicht nur die Musik, denn Fiskadoro besitzt eine alte Klarinette und wünscht sich Unterricht von Mr. Cheung. Beide leben zudem aus dem Nichts: dem Nichts der Zerstörung, dem Nichts der Erinnerung, dem Nichts des ausgelöschten Daseins.

Wie leben im Angesicht oder eher im Nachgedächtnis der Katastrophe? Das ist die eigentliche Frage im Untergrund dieses rätselhaften und widerspenstigen Romans. Denn wo Fiskadoro durch ein brutales Initiationsritual sein Geschlecht und sein Gedächtnis und damit seine Identität verliert, steht seiner totalen Erinnerungslosigkeit Mr. Cheungs Großmutter gegenüber, die letzte Überlebende der Atomkatastrophe. Deren Flucht aus Saigon fügt Johnson als Eckdaten des Schreckens in den Roman ein. Mr. Cheung selber weiß, welche Erinnerungen er verloren hat, weil er den Zeitpunkt verpasste, sich von Großmutter Wright, die nicht mehr sprechen kann, erzählen zu lassen, was geschah.

Immer wieder an den Anfang glauben

Erinnerung und Wissen: Wieviel von beidem braucht der Mensch zum Leben, und wieviel davon schadet, wenn der Mensch zuviel oder zuwenig weiß? Und was ist der Mensch zugleich ohne das Wissen, ohne die Erinnerung an das, was geschah? Denis Johnsons Antwort ist düster und optimistisch zugleich: Die Zerstörung des menschlichen Lebens, so sein Fazit, ist ein ewiges Gesetz. Doch gerade deshalb darf die Zerstörung nicht siegen über den Mut des Menschen, aus dem Nichts heraus an den Anfang zu glauben. Immer wieder.

Claudia Kramatschek lebt als Literaturkritikerin in Berlin.

Denis Johnson:
Fiskadoro (Rowohlt, 19.90 €)





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