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Schwanger im Grenzbereich

Polnisch-deutscher Abtreibungstourismus

11.9.2003 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ja, wir haben abgetrieben! Und: Mein Bauch gehört mir! Das waren die Slogans in den 70er Jahren, als immer mehr Frauen forderten, über einen Schwangerschaftsabbruch selbst zu entscheiden. Ihr Kampf für mehr Selbstbestimmung und gegen Tabuisierung hatte Erfolg. Viele Länder in Europa wie Frankreich, Deutschland oder die Niederlande haben heute relativ liberale gesetzliche Abtreibungsregelungen, bei denen letztlich die Frau entscheidet. Es gibt aber auch noch Länder, in denen anstelle einer eher selbst bestimmten "Fristenregelung" von Dritten je nach Indikation über das Schicksal der Frau und ihres Kindes entschieden wird. So darf in Irland nur bei Lebensgefahr der Frau abgetrieben werden und auch im katholischen Polen ist der gesetzliche Rahmen für Frauen sehr eng.

Über Abtreibung redet man hier nicht, dafür schallt nicht nur an den Sonntagen Radio Maria aus den Fenstern. Und Primas Józef Glemp, das Oberhaupt der katholischen Kirche in Polen scheut keinen Vergleich: "Abtreibung ist nichts anderes als Terrorismus." Auf www.onet.pl diskutieren die User über das Geständnis einer polnischen Studentin, die für 2000 Zloty, das sind mit 500 Euro fast ein durchschnittliches Monatsgehalt, abgetrieben hat: Du bist eine gewöhnliche Mörderin, wenn du mal im Sterben liegst, denkt Gott dann an dich?" Und: "…jetzt solltest du in die Metzgerei geführt und geschlachtet werden. Bist du überhaupt eine Frau? … Hast du dir überlegt, was du deinen Kindern sagst, dass du ihr Geschwisterchen getötet hast?"

Abtreibung mit der Stricknadel

Abtreiben darf eine Frau in Polen seit 1993 nur aufgrund einer medizinischen Indikation bei Lebensgefahr, wenn der Fötus Missbildungen aufweist und nach einer Vergewaltigung. Legal wurden im vergangenen Jahr 1247 Abtreibungen gezählt. Doch der Schwarzmarkt "funktioniert". Häufig aber verweigern die Krankenhäuser und das medizinische Personal jegliche Hilfe. Die polnische "Föderation für Frauen und Familienplanung" schätzt die illegalen Abtreibungen auf mindestens 80.000 bis 200.000. Verzweifelte Frauen versuchen alles: sie lassen ihr Leben bei Kurpfuschern oder probieren selbst eine Abtreibung. Dann bleibt noch der Weg in die medizinisch schlecht ausgestatteten Krankenhäuser Russlands. Wer es sich leisten kann, geht nach Deutschland, Tschechien oder Holland.

Die Zahl junger Ehepaare in Polen ist verwunderlich groß. Schwanger bedeutet gleich verheiratet, ob nun volljährig oder nicht. "Die Probleme sind deshalb schon vorprogrammiert"; so Sylwia Wisniewska vom polnischen Sozialrat in Berlin, "die Familie entsteht unter dem großen Druck des Heiratsmüssens, außerdem bekommen die jungen Paare nach der Geburt kaum staatliche Unterstützung." Viele emanzipierte polnische Frauen aber wollen sich nicht mehr einfach ins Ehe-Gefängnis sperren lassen: Dann lieber abtreiben, koste es was es wolle.

"Egal, ob die Familie Geld zusteuert oder die Frauen auf den Strich gehen", so Monika Volkmann von Profamilia in Frankfurt an der Oder," wenn sich die Frauen einmal zu einer Abtreibung durchgerungen haben bekommen sie die Reisekosten zusammen und die 250 bis 500 Euro für die Operation - da hält die nichts." Zwar gibt es seit über zehn Jahren auch die Gelegenheit der Ratsuche bei Profamilia in Polen, doch hier will man die Schwangeren zum Austragen des Kindes bewegen. Auch in Deutschland sind die obligatorischen Vorgespräche keine leichte Hürde: Viele Polinnen scheuen sich, offen über ihren Zustand zu sprechen und mit einer fremden Person das Procedere anzugehen. Schwierig ist da nicht nur die Amtssprache Deutsch.

Endstation Beichtstuhl

Monika Volkmann hat den Eindruck, dass viele polnische Frauen nach einer Abtreibung darunter leiden, eine große Sünde begangen zu haben - schließlich sind sie mit dem katholischen Glauben aufgewachsen. "Die Frauen geraten in einen fürchterlichen Gewissenskonflikt", so Volkmann, "und zurück in Polen haben sie nur den Beichtstuhl, an den sie sich wenden können. Dabei ist die Trauerarbeit nach einer Abtreibung immens wichtig. Die bieten wir hier an."

Im vergangenen Jahr haben etwa zwanzig Polinnen das Angebot angenommen und über ihre Zweifel und Ängste gesprochen: "Ob Polin oder Deutsche", so Volkmann, "letztlich sind die Frauen doch überall in der gleichen Situation: oft ist die ungewollte Schwangerschaft das letzte Signal des Körpers, um endlich tiefer liegende Paarprobleme anzugehen."

Silke Kettelhake hätte sich die Erfahrung mit einer Abtreibung lieber gespart.


www.profamilia.de
Pflichtberatung möglich, keine Beratung gegen Abtreibung

www.womenonwaves.org/index_eng.html
Abtreibungsinitiative, schwimmende Klinik, in internationalen Gewässern eingesetzt

www.svss-uspda.ch/
sachliche Website, informativ

www.un.org/law/
United Nations, internationale Gesetzeslage

www.abortion-help.com/
internationale Hilfe bei Abtreibung

www.aliceschwarzer.de
Website der Journalistin

www.frauennews.de
Frauenonlinemagazin

www.frauennotruf.de/Hilfe.html

www.frauenkrisentelefon.de/

www.bdh.de/Bund deutscher Hebammen

www.vaeter-aktuell.de/
Väter und ihre Rechte

www.ippf.org/
Familienplanungs- und Verhütungstipps für über 180 Länder


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