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Opas Enkel

Wie rechtsextrem ist Deutschland?

5.2.2007 | Nicole Asmuth | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Nicht erst seit den Wahlerfolgen der NPD in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern ist klar: Deutschland hat ein Neonaziproblem. Wie rechtsextrem aber ist Deutschland wirklich? Was bedeutet Rechtsextremismus konkret? Welche Einstellungen und welches Verhalten zeichnen Menschen aus, die rechtsextrem denken? Nicole Asmuth sprach mit Oliver Decker, der für die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie über den Rechtsextremismus erarbeitet hat, über rechte Ränder, alte Vorurteile und den Einfluss der Familie.

Wie rechtsextrem ist Deutschland, Herr Decker?

Unsere Studie zeigt: Wir haben einmal Menschen mit einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild. Und wir haben Menschen, die einzelnen rechtsextremen Aussagen zustimmen. Die geschlossenen rechtsextremen Weltbilder machen nur etwa neun Prozent der Bevölkerung aus, allerdings werden ausländerfeindliche Aussagen von einem großen Teil der Bevölkerung geteilt. Je nach Bundesland zwischen 30 und 50 Prozent. Brandenburg führt hier die Statistik mit knapp 50 Prozent an. Antisemitische Einstellungen wiederum sind im Westen stärker verbreitet als im Osten Deutschlands.

Wie groß sind regionale Unterschiede?

Eine städtische Bevölkerung ist in der Regel weniger rechtsextrem eingestellt als eine ländliche, südliche Bundesländer sind tendenziell eher rechtsextrem eingestellt. Aber es gibt nicht so eine klare Ost-West-Trennung – der Osten ist nicht rechtsextremer als der Westen. Außerdem haben wir nach der Auswertung unserer Fragebögen festgestellt, dass die Menschen im Osten zwar teilweise autoritärer orientiert sind, das heißt eine starke Führung wollen, aber dass der Westen dafür deutlich sexistischer ist, dass die Westdeutschen also eher der Meinung sind, dass die Frau an den Herd gehört. Und das ist im Osten nicht so weit verbreitet.

Nun heißt Ihre Studie ja "Vom Rand zur Mitte - Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland". Ist rechtsextremes Gedankengut wieder salonfähig geworden in Deutschland?

Die Frage ist, ob die Einstellung zum Rechtsextremismus früher geringer gewesen ist. Ich würde davon ausgehen, dass die Bereitschaft zur Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen und damit rechtsextremen Einstellungen relativ stabil ist.

Sind sich die Menschen, die rechtsextremen Aussagen zustimmen, eigentlich bewusst, dass sie damit eine rechtsextreme Haltung an den Tag legen?

Witzigerweise nein. Wir haben in unserer Studie nach der eigenen politischen Position im Sinne einer Links-rechts-Einordnung gefragt und auch Personen, die sich selber links einordnen, stimmen zum Teil rechtsextremen Aussagen zu. Man muss dazu sagen, dass wir in der Wissenschaft mit dem Begriff des Rechtsextremismus unsere Probleme haben. Der Begriff ist im Verfassungsschutz eingeführt worden und hat sich auch in der Wissenschaft etabliert. Aber er hat einige Fallstricke, denn er suggeriert, dass es sich dabei um ein Problem der Ränder handelt. Und dass man also eine Mitte klar abgrenzen kann von den Rändern. Das ist absolut nicht der Fall.

Sie stellen die Fragen in ihren Fragebögen sehr direkt, ein Beispiel: "Stimmen Sie der Aussage zu, dass Juden etwas Eigentümliches an sich haben und nicht so recht zu uns passen?" Das haben die Probanden ehrlich beantwortet? Und waren sich dabei nicht bewusst, dass sie damit rechtsextremes Gedankengut vertreten?

Durchaus. Ja. Die Aussagen sind direkt und deutlich formuliert. Ich habe oft erlebt, dass Menschen, mit denen ich mich über die Ergebnisse unterhalten habe, erstaunt waren, dass andere so offen bereit waren, bei einem Forschungsinterview solchen Aussagen zuzustimmen. Da muss ja dann eine gewisse Bereitschaft dahinter stehen, diese Aussagen für Allgemeingut zu halten, also für eine Aussage, die man offen vertreten kann. Das Besorgniserregende ist dabei, dass das nicht etwa nur für Menschen gilt, die sich selbst als rechtsextrem einschätzen, sondern auch für die, die sich der politischen Mitte zuordnen würden, oder auch gar dem linken Lager.

Warum vertreten Menschen rechtsextremes Gedankengut?

Wir haben da sehr vielfältige Gründe gefunden: sozialer Abstieg, Arbeitslosigkeit, Erziehungsverhalten der Eltern und die Wertepriorität, also was wichtig ist im Leben. Wir haben in der Studie gesehen, dass sozialer Abstieg und Arbeitslosigkeit zusammen mit Rechtsextremismus häufiger auftritt. Wir haben auch gesehen, dass ein sehr autoritärer Erziehungsstil mit wenig emotionaler Nähe gerade zum Vater, aber auch zur Mutter und mit einem sehr fordernden Verhalten der Eltern ebenfalls häufiger bei Personen auftritt, die rechtsextrem sind. Wir haben hier ein ganzes Bündel von Ursachen. Sie finden aber eben auch rechtsextreme Einstellungen bei Menschen, die in allen Punkten ideale Bedingungen hatten. Die selbstbewusst sind, ein emotional ausgeglichenes Elternhaus erlebt und keinen sozialen Abstieg erfahren haben. Richtig erfolgreiche, ausgeglichene Menschen, die sogar rechtsextrem geschlossene Weltbilder haben. Und das ist eine Sache, die wirklich noch erklärungsbedürftig ist. Wir gehen davon aus, dass gerade auch in Deutschland eine Form der Weitergabe von politischer Haltung von Generation zu Generation wichtig ist.

Der Opa war Nazi, also ist es auch der Enkel?

Nein, so nicht, (lacht), denn dann müssten, wenn man streng wäre, noch viel mehr Deutsche rechtsextrem sein. Nein, das Problem ist vielmehr, was für ein Klima in der Familie geherrscht hat. Es wurde ja immer gesagt: Lasst die Menschen, die die Kriegserfahrungen gemacht haben, mit den Kindern und Jugendlichen sprechen, ihre Erfahrungen weitergeben, so dass es das Verständnis der Jungen von Demokratie und friedlicher Einstellung festigt. Und da kann man nur sagen: bloß nicht! Denn wir können feststellen, dass die rechtsextreme Einstellung bei den über Sechzigjährigen besonders stark ausgeprägt ist. Diese Einstellungen wurden und werden teilweise weitergegeben.

Welche Konsequenzen muss Ihre Studie haben?

Wir müssen Menschen die Möglichkeit geben, demokratische Erfahrungen zu machen. Wir brauchen eine Anerkennung, dass Deutschland seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland ist. In der Gesellschaft muss Migration ein Alltagsthema werden. Es sollte ein Migrations-Mainstreaming geben, dass die Menschen dazu bringt, sich mit der Migration als Teil unserer Gesellschaft zu beschäftigen.

Nicole Asmuth ist Journalistin und lebt in Bietigheim-Bissingen.

Oliver Decker arbeitet an der Universität Leipzig und hat zusammen mit Elmar Brähler die Studie "Vom Rand zur Mitte - Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland" im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt.

Foto, oben: Privat

Foto, unten : ©AndreasF. / photocase.com



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