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Netzstrumpf im Springerstiefel

Die Neonazi-Szene wird weiblich

6.2.2007 | Anne Haeming | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Sie trägt Tütü und Spitzenschuhe, sie tänzelt, dreht sich, flattert mit den Armen. Simone Clark ist grazil und anmutig, wie es sich für eine Primaballerina gehört. Aber das Bild der personifizierten Unschuld ist die Solistin des English National Ballet los, seit sie Anfang 2007 als Parteimitglied der rechtsextremen British National Party, BNP aufflog.

Frauen sind gut, nicht böse. Frauen sind keine Rassistinnen, keine Schlägerinnen. Dieses Stereotyp hält sich hartnäckig – mit der Wirklichkeit hat das längst nichts mehr zu tun, nicht nur in Großbritannien. Allein in Deutschland, so die allgemeine Schätzung, soll die Neonazi-Szene zu rund 30 Prozent weiblich sein. Und vor allem: Unter den Frauen sind nicht nur bezopfte Anhängsel ihrer Männer, sie bauen ihre eigenen Netzwerke auf und besetzen längst Führungspositionen.

Blonde Frauen, proppere Kleine

Die rechte Szene sei ein Spiegelbild der Gesellschaft, betont Michaela Köttig. Die Sozialwissenschaftlerin an der Universität Göttingen hat Biographien rechtsextremer Frauen untersucht: "Die Mutter, die viele Kinder bekommen will, gibt es ebenso wie die Feministin oder diejenige, die Familie und Karriere miteinander verbinden will." Eine, die Karriere gemacht hat, ist Stella Palau. Die 29-jährige Berlinerin gilt als eine der wichtigsten Figuren der Szene. Sie war Anführerin des Skingirlfreundeskreises Deutschland bis zum Verbot im Jahr 2000, sie sitzt im Landesvorstand der Berliner NPD und mittlerweile auch im Parteivorstand.

Im September 2006 gründete Palau zusammen mit anderen Aktivistinnen den Ring Nationaler Frauen, eine bundesweite NPD-Frauenorganisation. Mit dem Slogan "Deutschland ist auch Frauensache" werben sie auf ihrer "Heimseite" um weitere Mitglieder. Auf der Website strahlen Blondinen mit Pferdeschwanz und Männer mit blondem Raspelschnitt und kräftigen Oberarmen, sie halten adrette Kinder auf dem Arm. "Wir wollen nationale Frauen stärker in die politische Arbeit einbeziehen", heißt es, "wir wollen die Gesellschaft über unsere Anliegen und Aktivitäten informieren." Sie positionieren sich. "Das Männergehabe, das Saufen und Leute-Klatschen, war ihnen irgendwann zu blöd", kommentiert Köttig die erstarkenden Frauennetzwerke. "Sie haben sich gesagt: Uns geht's um politische Inhalte."

Die Netten von nebenan

Die politisch Engagierten sind Ballerinas wie Simone Clark, Bankangestellte wie Palau oder Zugbegleiterinnen wie die 32-jährige Daniela Wegener: Ganz normale Frauen in ganz normalen Berufen. "Die Gesellschaft denkt, Frauen können nicht rechts sein", sagt Michaela Köttig. Sie sind unauffällig, anpassungsfähig, "die Netten von nebenan": "Die Gefahr, die von deren Szene ausgeht, wird unterschätzt." Und dieses Vorurteil nutzen sie gekonnt für ihre Zwecke. So können die Kameradinnen Veranstaltungsräume buchen und Konten eröffnen, ohne dass jemand misstrauisch wird. Aber sich als Handlangerinnen zu betätigen, ist vielen längst zu wenig.

Ihre Strategie ist umfassender, sie wollen gesellschaftlich relevante Positionen besetzen. Sie wählen ihre Berufsfelder mit Bedacht, so die Erkenntnis der Soziologin, nachdem sie 40 Skingirls, Renees, Deutsche Frauen befragt hat: Sie studieren Geschichte auf Lehramt, um ihr Geschichtsbild zu vermitteln; sie wählen Jura, weil sie ihren angeklagten und verurteilten Kameradinnen helfen wollen; sie werden mit Vorliebe Sozialarbeiterin oder Erzieherin, um möglichst viele Kinder und Jugendliche prägen zu können.

Skingirls und Täterinnen

Neben den Züchtigen und Unauffälligen gibt es allerdings auch Skingirls. Auf der einen Seite die Freundinnen der männlichen Skins: Sie tragen "Netzstrümpfe statt Domestos-gebleichte Jeans" zu den Springerstiefeln, beschreibt Köttigs Göttinger Kollegin Renate Bitzan die Mädchen. Daneben gebe es aber mit den so genannten Renees eine wachsende Gruppe gewaltbereiter Skingirls. Auf rund zehn Prozent beziffern Köttig und Bitzan die Szene der Renees. Eindeutige Zahlen, einheitliche Statistiken existieren nicht. Frauen werden von Polizei und Gerichten nach wie vor nicht als Täterinnen wahrgenommen.

"Unser Eindruck ist, dass dieses Phänomen nicht ernst genommen wird", erklärt Bitzan, aber momentan tue sich etwas. Dass etwa die Polizei in NRW in ihrer Ausbildung explizit auf rechtsextreme Täterinnen hinweise, sei bisher "einzigartig in der Bundesrepublik", erläutert die Soziologin Köttig. Der Grund für die Gewaltbereitschaft ist wie bei ihren männlichen Pendants ein Weltbild, das auf Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, völkischem Nationalismus gründet. Die Legitimation aber, so Renate Bitzan, verstecke sich meist hinter Sexismus-Vorwürfen. "Die Argumentation ist oft frauenspezifisch", erklärt sie. "Mädchen sagen etwa: Der Türke da hinten hat mich total blöd angemacht." Im Fachjargon ist die Rede von der "Ethnisierung von Sexismus".

Frauen mit politischen Mandaten hin, gewalttätige Skingirls her – das sind letztlich nur Symptome einer grundlegenderen Veränderung: Rechtsextreme, nationalistisch gesinnte Männer müssen sich ihre Freundinnen und potenziellen Ehefrauen nicht mehr außerhalb der Szene suchen. Eine Entwicklung, die die Soziologin Renate Bitzan für zentral und weitgehend unerkannt hält. "Komplette Familien werden heute nach einem rechten Weltbild erzogen", so ihre Einschätzung. "Das ist relativ neu. Und sehr gefährlich." Früher waren Schulabschluss oder Berufseinstieg Wendepunkte, an denen sich Jungs von ihren Kameraden verabschiedeten. Das ist heutzutage nicht mehr nötig. Die Ideologie wird zum gesellschaftlichen Normalfall. Und dazu gehören auch Frauen, die wie selbstverständlich die gleiche Gesinnung haben, im Mütterforum der Gemeinschaft Deutscher Frauen online über Schwangerschaftsprobleme diskutieren und Schnappschüsse ihrer Sprösslinge einstellen. Was früher also meist eine Jugendphase blieb, wird nun ein Familienleben. Mit Kindern, die Heidrun oder Ewald heißen.

Anne Haeming schreibt als freie Journalistin für Magazine und Zeitungen. Sie lebt in Berlin.

Foto, oben: ©
luic / photocase.com

Foto, unten: ©Holger Kulick / mut-gegen-rechte-gewalt.de



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Kommentare

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Kommentar

Teile dieses Textes sind vollkommener Unsinn. Skingirls sind nciht alle rechts. Hier wird alles über einen Kamm geschert. Oi-Skinheads sind unpolitisch, im Gegensatz zu rechten Skins.

Marlen | 13. Januar 2011

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