
Sie trägt Tütü
und Spitzenschuhe, sie tänzelt, dreht sich, flattert mit den
Armen. Simone Clark ist grazil und anmutig, wie es sich für eine
Primaballerina gehört. Aber das Bild der personifizierten
Unschuld ist die Solistin des
English National Ballet los, seit sie
Anfang 2007 als Parteimitglied der rechtsextremen
British National
Party, BNP aufflog.
Frauen sind gut, nicht
böse. Frauen sind keine Rassistinnen, keine Schlägerinnen.
Dieses Stereotyp hält sich hartnäckig – mit der
Wirklichkeit hat das längst nichts mehr zu tun, nicht nur in
Großbritannien. Allein in Deutschland, so die allgemeine
Schätzung, soll die
Neonazi-Szene zu rund 30 Prozent weiblich
sein. Und vor allem: Unter den Frauen sind nicht nur bezopfte
Anhängsel ihrer Männer, sie bauen ihre eigenen Netzwerke
auf und besetzen längst Führungspositionen.
Blonde Frauen, proppere Kleine
Die rechte Szene sei
ein Spiegelbild der Gesellschaft, betont Michaela Köttig. Die
Sozialwissenschaftlerin an der Universität Göttingen hat
Biographien rechtsextremer Frauen untersucht: "Die Mutter, die
viele Kinder bekommen will, gibt es ebenso wie die Feministin oder
diejenige, die Familie und Karriere miteinander verbinden will."
Eine, die Karriere gemacht hat, ist Stella Palau. Die 29-jährige
Berlinerin gilt als eine der wichtigsten Figuren der Szene. Sie war
Anführerin des
Skingirlfreundeskreises Deutschland bis
zum Verbot im Jahr 2000, sie sitzt im Landesvorstand der Berliner
NPD
und mittlerweile auch im Parteivorstand.
Im September 2006 gründete
Palau zusammen mit anderen Aktivistinnen den
Ring Nationaler
Frauen, eine bundesweite NPD-Frauenorganisation. Mit dem Slogan
"Deutschland ist auch Frauensache" werben sie auf ihrer
"Heimseite" um weitere Mitglieder. Auf der Website strahlen
Blondinen mit Pferdeschwanz und Männer mit blondem Raspelschnitt
und kräftigen Oberarmen, sie halten adrette Kinder auf dem Arm.
"Wir wollen
nationale Frauen stärker in die politische Arbeit einbeziehen",
heißt es, "wir wollen die Gesellschaft über unsere
Anliegen und Aktivitäten informieren." Sie
positionieren sich. "Das Männergehabe, das Saufen und
Leute-Klatschen, war ihnen irgendwann zu blöd", kommentiert
Köttig die erstarkenden Frauennetzwerke. "Sie haben sich
gesagt: Uns geht's um politische Inhalte."
Die Netten von nebenan
Die
politisch Engagierten sind Ballerinas wie Simone Clark,
Bankangestellte wie Palau oder Zugbegleiterinnen wie die
32-jährige Daniela Wegener: Ganz normale Frauen in ganz normalen
Berufen. "Die Gesellschaft denkt, Frauen können nicht
rechts sein", sagt Michaela Köttig. Sie sind unauffällig,
anpassungsfähig, "die Netten von nebenan": "Die
Gefahr, die von deren Szene ausgeht, wird unterschätzt." Und
dieses Vorurteil nutzen sie gekonnt für ihre Zwecke. So können
die Kameradinnen Veranstaltungsräume buchen und Konten eröffnen,
ohne dass jemand misstrauisch wird. Aber sich als Handlangerinnen zu
betätigen, ist vielen längst zu wenig.
Ihre Strategie ist
umfassender, sie wollen gesellschaftlich relevante Positionen
besetzen. Sie wählen ihre Berufsfelder mit Bedacht, so die
Erkenntnis der Soziologin, nachdem sie 40 Skingirls, Renees, Deutsche
Frauen befragt hat: Sie studieren Geschichte auf Lehramt, um ihr
Geschichtsbild zu vermitteln; sie wählen Jura, weil sie ihren
angeklagten und verurteilten Kameradinnen helfen wollen; sie werden
mit Vorliebe Sozialarbeiterin oder Erzieherin, um möglichst
viele Kinder und Jugendliche prägen zu können.
Skingirls und Täterinnen
Neben den Züchtigen
und Unauffälligen gibt es allerdings auch Skingirls. Auf der
einen Seite die Freundinnen der männlichen Skins: Sie tragen
"Netzstrümpfe statt Domestos-gebleichte Jeans" zu den
Springerstiefeln, beschreibt Köttigs Göttinger Kollegin
Renate Bitzan die Mädchen. Daneben gebe es aber mit den
so genannten Renees eine wachsende Gruppe gewaltbereiter Skingirls.
Auf rund zehn Prozent beziffern Köttig und Bitzan die Szene der
Renees. Eindeutige Zahlen, einheitliche Statistiken existieren nicht.
Frauen werden von Polizei und Gerichten nach wie vor nicht als
Täterinnen wahrgenommen.
"Unser Eindruck ist,
dass dieses Phänomen nicht ernst genommen wird", erklärt
Bitzan, aber momentan tue sich etwas. Dass etwa die Polizei in NRW in
ihrer Ausbildung explizit auf rechtsextreme Täterinnen hinweise,
sei bisher "einzigartig in der Bundesrepublik", erläutert die Soziologin Köttig. Der Grund für die Gewaltbereitschaft
ist wie bei ihren männlichen Pendants ein Weltbild, das auf
Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, völkischem Nationalismus
gründet. Die Legitimation aber, so Renate Bitzan, verstecke sich
meist hinter Sexismus-Vorwürfen. "Die Argumentation ist oft
frauenspezifisch", erklärt sie. "Mädchen sagen etwa:
Der Türke da hinten hat mich total blöd angemacht." Im
Fachjargon ist die Rede von der "Ethnisierung von Sexismus".
Frauen mit politischen
Mandaten hin, gewalttätige Skingirls her – das sind letztlich
nur Symptome einer grundlegenderen Veränderung: Rechtsextreme,
nationalistisch gesinnte Männer müssen sich ihre
Freundinnen und potenziellen Ehefrauen nicht mehr außerhalb der
Szene suchen. Eine Entwicklung, die die Soziologin Renate Bitzan für
zentral und weitgehend unerkannt hält. "Komplette Familien
werden heute nach einem rechten Weltbild erzogen", so ihre
Einschätzung. "Das ist relativ neu. Und sehr gefährlich."
Früher waren Schulabschluss oder Berufseinstieg Wendepunkte, an
denen sich Jungs von ihren Kameraden verabschiedeten. Das ist
heutzutage nicht mehr nötig. Die
Ideologie wird zum
gesellschaftlichen Normalfall. Und dazu gehören auch Frauen, die
wie selbstverständlich die gleiche Gesinnung haben, im
Mütterforum der
Gemeinschaft Deutscher Frauen online über
Schwangerschaftsprobleme diskutieren und Schnappschüsse ihrer
Sprösslinge einstellen. Was früher also meist eine
Jugendphase blieb, wird nun ein Familienleben. Mit Kindern, die
Heidrun oder Ewald heißen.
Anne Haeming schreibt
als freie Journalistin für Magazine und Zeitungen. Sie lebt in
Berlin.
Foto, oben: ©photocase.com / luic
Foto, unten: ©Holger Kulick / mut-gegen-rechte-gewalt.de
www.bpb.de/EntwicklungKann man von einer allgemeinen Verlagerung des
Rechtsextremismus von West- nach Ostdeutschland sprechen? Der Autor meint: Nur
unter bestimmten Voraussetzungen.
www.bpb.de/UnterwanderungEs sind
nicht mehr allein dumpfe Stiefelträger, die das Bild des Rechtsextremismus
bestimmen. Neben der eher unscheinbaren politischen Auseinandersetzung ist die
kulturelle Unterwanderung kennzeichnend für den neuen Rechtsextremismus – vor
allem in vielen ländlichen Gebieten Ostdeutschlands.
www.bpb.de/GlossarEin Glossar zum Thema Rechtsextremismus und Neonazis
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