Wenn im deutschen Fernsehen Nazis gezeigt werden, stehen den Filmausstattern/innen im Grunde genau zwei Kostüme zur Verfügung: der bierbiedere Altnazi oder der grobschlächtige, kahlköpfige Prolet. Während deutsche Zuschauer/innen dadurch sofort erkennen, wer im Film der Böse, der Nazi, der Abzulehnende ist, verabschieden sich die Neonazis draußen vor der Haustür gerade von den bisherigen Insignien des Neonazismus.
Immer häufiger, ist etwa dem Informationsheft "Alter Geist im neuen Look" der Berliner Antifa zu entnehmen, ähneln sich bei entsprechenden Aufmärschen Nazis und Gegendemonstranten. Waren Intifadaschals, schwarze Kapuzenpullover und weite Hosen vor wenigen Jahren noch klar Zeichen eines linken oder wenigstens grundsätzlich antifaschistischen Lebensentwurfs, sind sie heute unter Neonazis gang und gäbe. Und die symbolischen Auflösungserscheinungen sind weiterhin in vollem Gange. Das Prinzip "Wolf im Schafspelz" kommt bei den Neonazis an.
Neue Codes
Doch es handelt sich bei dieser Veränderung nun nicht einfach um eine Änderung des subkulturellen Zeitgeistes oder Abwendung von der Skinheadkultur seitens der Neonazis aus Desinteresse: Die Erweiterung der modischen Codes hat System. Sie ist die Konsequenz einer Unterwanderungsstrategie, die die Anschlussfähigkeit rechtsradikaler Jugendkulturen erhöhen und die Abschottung gegenüber anderen Jugendkulturen überwinden soll. Eine semiotische Verschleierungstaktik, mit der Neofaschisten größeren Zuspruch zu erreichen suchen.
Einerseits heißt das, dass sich vor allem junge Rechtsradikale nicht weiter allein durch ihre Kleidung zum Angriffspunkt machen und selbst modisch ausgrenzen wollen – aber auch dass sie Zugang zu nicht, vielleicht noch nicht rechtsradikal geprägten Kreisen erhalten wollen. Vor allem die Modemarken der rechtsradikalen Szene in Deutschland,
Thor Steinar,
Consdaple und
Doberman, haben ihr Sortiment in den letzten Jahren immer weiter an die übliche, vor allem aus der Hiphopkultur geprägte Streetwear angepasst. Der Intifadaschal, seit jeher Zeichen der Solidarität mit den Palästinensern/innen, wird – nicht ganz ohne Hintergrund – als antisemitisches Modeaccessoire ausgelegt. Den schwarzen Kapuzenpullover haben die Nazis dagegen aus praktischen Gründen aus der linksradikalen, militanten Jugendkultur übernommen.
Aus den USA schwappt nun neuerdings eine weitere Welle dieses Phänomens nach Deutschland. Selbstironie, Humor und Satire, wie sie in anderen Jugendkulturen schon länger gang und gäbe sind, werden mit rechtsradikaler Zielsetzung genutzt. Über ein Onlineversandhaus, das neben den üblichen "Meine Ehre heißt Treue"- und "White Pride"-Slogans ebenfalls immigrantenfeindliche "Deport Pedro"- und "Border Control"-Shirts verkauft, sind auch aus dem Repertoire des 68er-Zeichners Gerhard Seyfried geklaute "Happy Hitler"-Strings, Waffen-SS-Athletic-Club-Leibchen und "My Boss is an Austrian Painter"-Stoßstangenkleber zu erwerben.
Die inhaltliche Machart der T-Shirts lehnt sich dabei oft an die Aussagen von T-Shirts an, die auf Jahrmärkten und bei Festivals an bekennende Biertrinker und Kiffer verkauft werden. Etwa dann, wenn ein T-Shirt in Waschmitteloptik "Pride - For A White, Brighter Future" anmahnt – im Stile der Werbepersiflagen der späten 1990er. Dass diese Welle aus den Vereinigten Staaten kommt, ist kein Zufall: Durch größere geschichtliche wie kulturelle Distanz ist dort ein lockerer Umgang mit Zeichen und Bedeutung möglich – auch weil dort viele
Symbole und Inhalte, die in Deutschland verboten sind, offen und legal gezeigt werden dürfen.
Kiffer-Humor oder Pflichterfüllung?Manche der Pullover und T-Shirts nutzen dabei den auf derartigen T-Shirts üblichen Humor, um rechtsradikale Positionen humoristisch verpackt zu verkaufen. Andere treiben das Spiel mit der Selbstironie so weit, dass man, wenn man eben nicht wüsste, dass es die Nazis selbst sind, die so in den "semiotischen Krieg" ziehen, sie durchaus für gegen Nazis gerichtete Satire halten könnte.
Beides könnte dem Durchbruch des Genres des neuen Nazihumors im Wege stehen: Denn während ein Streetwear-Pullover aus dem Hiphopkontext entnommen werden und durch entsprechende Zeichen und Aufdrucke relativ einfach umgedeutet werden kann, ist der nichts ernst nehmende Kiffer-Humor an sich ein Widerspruch zu rechtsradikalen Weltbildern, in denen Pflicht und Gehorsam, Ordnung und Unterordnung eine zentrale Rolle spielen. Ganz davon abgesehen, dass ein witzelnder
Faschismus, der vor allem Fragen aufwirft und dadurch auch auf die Lächerlichkeit faschistischer Vorbilder, Slogans und Logos hinweist, nicht unbedingt im Sinne der Neonazis sein dürfte. Wie auch immer: Die Zeiten, in denen Neonazis schon allein durch Glatzen, Springerstiefel und das Tragen offen rassistischer Marken zu erkennen waren, diese Zeiten sind auf jeden Fall vorbei. Das könnte langsam auch das deutsche Fernsehen mal einsehen.
Daniel Erk lebt in Berlin. Er schreibt für Zeitungen und Magazine.
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