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Jeder hat das Recht zu hassen

Der US-Rassismus hat viele Gesichter

19.2.2007 | Adrienne Woltersdorf | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Auch in den USA gibt es Rechtsextremisten und Rassisten. Die amerikanische Verfassung aber schützt die Meinungsfreiheit. Was kann man trotzdem gegen Nazis und Fanatiker tun. Ein Interview mit Anthony Gibbs, 31, Intelligence Officer beim Southern Poverty Law Center in Montgomery im US-Bundesstaat Alabama, über die freie Rede und "hate crimes", weiße Nationalisten und schwarze Rassisten.

Anthony, du bist seit drei Jahren als Informationsbeschaffer über die rechte Szene der USA im Southern Poverty Law Center in Alabama angestellt. Wie sieht dein Arbeitstag so aus?

Nachdem ich in unser schwer gesichertes Gebäude eingecheckt habe, lese ich zunächst meine Email, höre den Anrufbeantworter ab und scanne die Homepages der Gruppen. Dann geht es auch schon los. Ich bekomme täglich zahlreiche Hinweise, Hilfe-Anfragen und Beratungswünsche. Und ich telefoniere regelmäßig mit der Polizei, die eng mit uns zusammenarbeitet.

Du berätst auch Leute, die Hilfe suchen. Wer ruft dich an?

Vor allem Gefängniswärter, Mitarbeiter von Haftanstalten und Sicherheitsbehörden. Lehrer und Schulleiter wenden sich an meine Kollegen, die sich nur um Rechtsextremismus in Schulen kümmern.

Was sagt du Polizisten und Gefängniswärtern?

Ich erkläre ihnen, wie man die verschiedenen rassistischen und neonazistischen Gruppen, Klans und Organisationen, die es in den USA so gibt, erkennt. Auch wie man so genannte "hate crimes", also durch Hass motiverte Verbrechen, von anderen kriminellen Akten unterscheidet. In den Vereinigten Staten haben Bürger viel mehr Freiraum, wenn es um ihr Recht auf freie Meinungsäußerung geht, als bei euch in Europa, wo Gesetze zum Beispiel das Tragen bestimmter Abzeichen regeln. So was gibt es bei uns nicht.

Dürfen Rechtsextremisten in den USA einfach so demonstrieren und marschieren?

Das Demo-Recht ist bei uns von Stadt zu Stadt verschieden. In einigen muss man vorher viele Formulare ausfüllen, in anderen gar nicht. Da muss sich die Polizei vorher schon gut informieren, um zu wissen, wie sie vorgehen kann. Allgemein ist aber gegen friedliche Demonstrationen nichts einzuwenden.

In den USA fällt selbst Volksverhetzung und die Verbreitung verfassungsfeindlichen Gedankengutes noch unter das so genannte "erste Amendment" der US-Verfassung, das Meinungsfreiheit garantiert.

Ja, bei uns hat jeder das Recht zu hassen. Bedrohen und verletzen darf man andere Menschen allerdings nicht. Aber jeder darf zum Beispiel ins Internet stellen, was ihm einfällt. Das ist eigentlich das Beste an meinem Land, finde ich.
Möchtest du diese Leute nicht daran hindern, ihren gefährlichen Unsinn zu verbreiten?

Ich finde es absolut ekelhaft und widerlich, was viele dieser Rechtsextremisten und Rassisten denken. Aber ich finde, dass sie ein Recht haben, ihre Ansichten zu äußern. Nur so kann, glaube ich, Demokratie funktionieren.

Mit welchen Gruppen und Organisationen hast du es zu tun?

Unser Zentrum beobachtet insgesamt 803 verschiedene Gruppen. Und jedes Jahr werden es mehr. Ich kümmere mich in erster Linie um die so genannten White Supremacists, die weißen Suprematisten. Die glauben, weiße Menschen seien einfach besser und hätten daher mehr Rechte als andere. Dann gibt es da noch Separatistengruppen, zum Beispiel die schwarze Nation of Islam sowie die neue Black-Panther-Partei. Die wollen, dass die Schwarzen in diesem Land aufhören, sich mit Weißen abzugeben. Wir beobachten sie, weil sie anti-weiße und antisemitische Gedanken verbreiten.

Haben in den USA alle Ethnien ihre rechtsextremen Gruppierungen?

Im Grunde ja. Seit einiger Zeit gibt es auch eine rechtsextreme Latino-Gruppe, die Vos de Aztlan. Die glaubt, dass der Südwesten der USA von ihnen gestohlen wurde und an die lateinamerikanische Bevölkerung des Kontinents zurückgegeben werden muss. Dazu wollen sie die Weißen aus Kalifornien, Arizona und Texas deportieren. Nur unter Asiaten haben wir noch keine rechtsextreme Gruppe beobachtet.

Diese Organisationen haben vor allem ein Ziel, nämlich, dass sich die Ethnien nicht miteinander vermischen. Arbeiten sie dabei dennoch zusammen?

Tom Metzger, der führende US-Neonazi und Vater dieser Bewegung, hat in der Vergangenheit immer wieder Interesse daran gezeigt, mit der Nation of Islam zusammenzuarbeiten. Metzger glaubt, dass er und Louis Farakkhan, der Führer der Nation of Islam, ein gemeinsames Ziel haben: nämlich dass Schwarze und Weiße möglichst voneinander fern gehalten werden sollen. Gegen Tom Metzger haben wir erfolgreich vor Gericht geklagt und damit seiner Organisation so großen finanziellen Schaden zugefügt, dass er so gut wie Pleite ist.

Auch in den USA sind Neonazis und Skins Hitler-Fans. Gibt es dennoch Unterschiede zu ihren europäischen Freunden im Geiste?

Ich glaube, die europäischen Skins sind viel verliebter in den Uniformgedanken. Statt Springerstiefeln und Hosenträgern stehen die US-Skins eher auf Jeans und T-Shirt. Den Schädel rasieren sie sich allerdings auch. Die Jungs messen die Hingabe an die Bewegung vor allem an der Anzahl der Tattoos, die jemand hat.

Kompliziert wird deine Arbeit aber vor allem duch die Tatsache, dass viele Suprematisten keine Hitler-Anhänger sind, sondern durchaus an die US-Demokratie glauben. Wie geht das?

Wir nennen sie weiße Nationalisten. Sie sind gegen Migranten, vor allem gegen Einwanderer aus Mexiko und Lateinamerika. Das ist verrückt, weil 99 Prozent der Nord-Amerikaner selbst Migranten sind. Politisch sind sie einfach erzkonservative Rechte, die glauben, dass nur Weiße ein Land managen sollten. Manchmal flirten sie mit den US-Nazis, die die größte und bestorganisierte Gruppe sind. Die Nazis wiederum umwerben sehr stark die jüngeren Skins.

Wo gibt es in den USA vor allem Rechtsextremismus? Gemeinhin sagt man, vor allem in den konservativen Südstaaten. Stimmt das?

Die Gruppen, die wir beobachten, gibt es überall dort, wo viele Menschen beisammen wohnen. Je dichter eine Region besiedelt ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es dort rassistische und rechtsextreme Organisationen gibt. Kurz gesagt: Wo Multikulti ist, da gibt es auch Widerstand dagegen. Die größten Netzwerke gibt es daher tatsächlich im Süden, in Florida, Texas und Kalifornien, also den Staaten mit dem größten Bevölkerungsanteil.

Du bist selbst weiß und in einer kleinen Stadt in Alabama aufgewachsen. Wie bist du zu dieser Arbeit gekommen?

Meine Heimatstadt war ziemlich genau halbe-halbe weiß und schwarz. Man blieb aber unter sich, ich kannte nichts anderes. Weil ich viel Sport getrieben habe, hatte ich aber auch ein paar schwarze Freunde. Manchmal ließen meine weißen Kumpels blöde Kommentare darüber ab. Damals habe ich nicht verstanden, wie tiefgründig der Rassismus in meinem Land in Wahrheit ist. Erst als ich anfing, hier im Zentrum zu arbeiten, hat mir das die Augen geöffnet.

Du warst gar kein Aktivist, als du vor drei Jahren anfingst, hier zu arbeiten?

Ich habe zunächst für den Sicherheitsdienst des Zentrums gejobbt. Wir müssen uns wahnsinnig schützen, denn wir haben einige gut organisierte Gruppen bis hinein in die Pleite geklagt. Je erfolgreicher das Zentrum wird, desto mehr muss es sich verbarrikadieren. Ich hatte mich einfach nur auf diesen Security-Job beworben, weil ein Freund von mir hier arbeitete. Heute bin ich aber hundertprozentiger Aktivist und finde, die Öffentlichkeit muss sich viel intensiver gegen Rassismus und Intoleranz engagieren.

Adrienne Woltersdorf ist USA-Korrespondentin der tageszeitung, taz.

INFO:
Das Southern Poverty Law Center wurde 1971 als eine kleine Rechtsanwaltskanzlei für Fälle gegründet, in denen es um die bürgerlichen Freiheiten ging. Heute ist das Zentrum, eine Spenden-finanzierte Non-Profit-Organisation, längst international bekannt für seine Toleranzförderungs-Projekte und seine erfolgreichen Klagen gegen rechtsextreme US-Organisationen wie zum Beispiel den Ku-Klux-Klan. Aus Sicherheitsgründen gibt das Zentrum keine Informationen über seine Mitarbeitenden und keine Fotos heraus.


www.splcenter.org
Das Southern Poverty Law Center im Netz

www.bpb.de/Antisemitismus
Welche Rolle spielt der Antisemitismus bei den Neonazis? Ein Schwerpunkt

www.bpb.de/USA
Zahlreiche Informationen, Hefte, Bücher, Links zu den USA




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