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Wer bin ich?

Musik statt Religion

17.2.2007 | Issam Muhammad Hassan | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Seit Ende Januar 2006 gibt es "li-lak", eine deutsch-arabische Jugendwebsite, die von den Goethe-Instituten im Nahen Osten und Nordafrika betreut wird. Wer mag, kann hier Texte, Fotos oder seine/ihre Lieblingslieder veröffentlichen. Li-lak ist arabisch und bedeutet "für mich - für dich". Daher sind auch alle Beiträge auf Deutsch und Arabisch zu lesen. fluter.de veröffentlicht einen li-lak-Beitrag zum Thema Religion von Issam aus Kairo.

"Bezeugt, dass Gott, der Barmherzige und Gütige, Buße empfängt und die Schulden aller vergibt. Wer verleiht dem Unterdrückten den Sieg und erwidert die Gebete? Er mäßigt eure Einsamkeit und erfüllt eure verlassenen Herzen mit seiner Liebe. Mit seiner Liebe liebt er euch und vergibt euch. Betet!"

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Damals war ich noch jung, voller Glauben und Ehrfurcht vor Gott. Jeden Freitag ging ich zur Predigt. Nach jedem Gebet saß ich mit dem Scheich der Moschee zusammen, der mit mir den Koran einstudierte. Wie sehr liebte ich es, der Rezitation des Korans zu lauschen, während ich darin las. Ich mochte meinen Scheich sehr. Seine Stimme war so eindrucksvoll, dass sie mir vor lauter Rührung die Tränen in die Augen treiben konnte. Oft hatte ich das Gefühl, ich sei im Paradies, aus dem mich nichts und niemand hätte vertreiben können.

Wer bin ich?

"Hey, Issam! Wie geht's dir? Was machst du so?", fragte mich Hibba, eine meiner Mitschülerinnen im Deutschunterricht. Ich hatte sie längere Zeit nicht gesehen, aber sie hatte sich nicht groß verändert. Es waren meine ersten Tage an der Universität. Seltsam, dass sie sich immer noch an mich erinnerte, obwohl ich selbst sie nie angesprochen habe. Zu dieser Zeit aber wollte ich keine Mädchen ansprechen. Daran erinnerte ich mich und betrachtete verlegen ihre Hand, die sie mir zur Begrüßung hinhielt. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich verhalten sollte. "Tut mir leid, ich bin nicht Issam." Verwundert blickte sie mich an. Ihr erstaunter Gesichtsausdruck ist mir immer noch gegenwärtig. Vielleicht fragte sie sich, weshalb ich sie auf diese Weise zurückwies.

Zu dieser Zeit war ich sehr zurückhaltend. Ich weiß nicht genau, woran es lag. Hasste ich meine Mitmenschen oder konnte ich einfach nicht mit ihnen zusammensein? Vielleicht lässt sich mein Hang zur Religion ja damit erklären. Aber wer bin ich jetzt? Ein gläubiger Mensch, der regelmäßig betet, in die Moschee geht und stets eine kleine Ausgabe des Koran bei sich trägt. Darin lese ich, wo und wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Den Gruß der Leute erwidere ich nur, um vor ihnen gut dazustehen. Aber ist das der Mensch, der ich sein wollte? Will ich mich meinen Mitmenschen gegenüber gleichgültig oder gar unfreundlich verhalten, und bin ich überhaupt mit mir im Einklang? Was habe ich bloß mit mir angestellt? Ich wählte die Religion als Zuflucht vor meinen Problemen und den Menschen.

Ein neuer Issam

In jenem Moment begriff ich, dass ich eine Veränderung brauchte. Ich traf eine Entscheidung. Wer, wollte ich wissen, möchte ich in Zukunft sein? Wie sollte mein Leben aussehen? Das ist meine neue Religion. Wie sehr habe ich früher Musik geliebt. Worauf also noch warten? Den alten Issam gibt es nicht mehr. Der neue Issam ist ein ganz anderer. Ich spiele Oud und nehme dreimal in der Woche Musikunterricht. Ich hätte früher nie gedacht, dass Kunst mich so packen könnte.

Oft denke ich darüber nach, wie es wäre, wenn ich schon als Kind mit der Musik begonnen hätte. Wäre ich heute glücklich? Natürlich wäre mein Spiel viel besser gewesen. Trotz meiner bescheidenen Performance ist das für mich Glück, mit meinen Freunden zusammenzusitzen und Musik zu spielen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass das erste Stück, was ich ihnen vorspielte, ein altes Lied war. "Was ist das für eine Musik, Issam?", fragten sie. "Das ist 'Du quälst mein Herz' von Um Kulthoum." "Ah!", lachten sie. "Und warum fällst du uns mit ihr auf die Nerven?"

Issam Muhammad Hassan ist 23 Jahre alt und kommt aus Kairo. Zurzeit studiert er Mechatronik in Paderborn.

Foto: Privat


www.goethe.de/li-lak
Die deutsch-arabische Jugendwebsite li-lak

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Umm Kulthum (ihr Name existiert in verschiedenen Schreibweisen) war die wohl berühmteste ägyptische Sängerin.




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