Darius James - Schriftsteller, Filmkritiker und Performancekünstler - lebt seit drei Jahren in Berlin. Trotzdem gilt sein Werk in Deutschland noch immer als Geheimtipp. Der 1992 erschienene Roman "Negrophobia", der 1994 auch auf deutsch erschien, setzt sich auf sarkastische Weise mit rassistischen Stereotypen in der amerikanischen Popkultur auseinander. Die von Drogen vernebelte weiße Teenagerin Bubbles taumelt in einem Albtraum-Trip durch die rassistischen Kellergewölbe der amerikanischen Psyche. Das New Yorker Stadtmagazin "Village Voice" feierte das Buch seinerzeit als "eine wunderbar zotige und originelle Darstellung von Rassen-Problemen und Pop-Kultur". James selber definierte die Intention des Werks so: "Ich will, dass jedem, der einen rassistischen Gedanken hat, körperlich schlecht wird."
Die 70er im Rückspiegel 1995 veröffentlichte James sein zweites Buch, "That's Blaxploitation!" eine liebevolle Hommage an die schwarze Variante des speziellen B-Actionfilms der 1970er Jahre. Liebhaber dieses Genres verehren Melvin Van Peebles' 1971er-Film "Sweet Sweetback's Baadasssss Song", erfolgreicher und bekannter war aber Gordon Parks "Shaft" aus dem gleichen Jahr. Für "That's Blaxploitation!" führte James zahlreiche Interviews - unter anderem auch mit dem Blaxploitation-Schauspielerin Pam Grier, die Ende der 1990er mit Quentin Tarantinos "Jackie Brown" ihr wohlverdientes Comeback feierte. "That's Blaxploitation" ist kein Sachbuch im eigentlichen Sinn, sondern der gelungene Versuch, eine afroamerikanische Jugend in den siebziger Jahren mit all ihren ästhetischen (Film, Comics, Musik) und politischen Phänomenen ("Black Panther Party", "Nation of Islam") aus der Rückschau abzubilden. Obwohl der Text sehr subjektiv gehalten ist - oder vielleicht gerade deswegen - gilt das Buch mittlerweile als Klassiker und wird auch in den Universitäten im Rahmen von Cultural Studies und Gender Studies gelesen.
In Berlin trat James zuletzt im Rahmen der Ausstellung "Full Circle" des Künstlers Marc Brandenburg auf. Seine One-Man-Performance basierte auf Auszügen aus "Negrophobia". Kito Nedo sprach mit dem Autor Anfang September 2001 über seine Bücher, das Verhältnis von Rassismus und Popkultur und zukünftige Projekte.
Dachtest Du an eine bestimmte Gruppe von Lesern, als Du "That's Blaxploitation" geschrieben hast? Ja, ich wollte ein Buch speziell für junge Leser schreiben. Im Grunde genommen wegen der Popularität von HipHop. Für mich ist HipHop Geschichtenerzählen. Die besten HipHop-Künstler beschreiben eigentlich Spielfilme. Das ist eine der Wurzeln von Erzähltechniken im HipHop. Das war ein Grund, weshalb ich an junge Leute dachte. Ein anderer Grund hatte mit der Popularität der "Nation of Islam" zu tun: Für mich ist das eigentlich eine reaktionäre Bewegung, die nichts mit Fortschrittlichkeit zu tun hat, sondern eher mit einer Art von bizarrer, religiöser Philosophie. Ich wollte auch über eine Gruppe schreiben, die den größten Einfluss auf die jungen Leute meiner Generation hatte: die "Black Panthers". Dennoch wollte ich kein ganzes Buch über die "Panthers" schreiben, sondern eher über die Ansichten und Erfahrungen junger schwarzer Männer während dieser Zeit. Unsere Einflüsse kamen nicht nur aus den Blaxploitation-Filmen, sondern auch von den Pimps, den "Panthers", Drogendealern und natürlich der Musik. Aber über Musik wollte ich gar nicht schreiben. Das sollten andere Leute tun.
Sogenannte "Black Music" ist heutzutage omnipräsent in den Medien. MTV spielt Rap-Clips, fast jegliche Art von Popmusik bedient sich bei Soul, Jazz und Blues. Techno wurde von schwarzen Musikern in Detroit kreiert. Trotzdem gibt es immer noch eine Menge Rassismus in fast allen Gesellschaften ... Erstens: Wenn es irgendeinen Fortschritt in Bezug auf Rassismus gegeben hat, dann durch schwarze Popkultur. Ahmet Ertegun, ein Mitbegründer von Atlantic Records, sagte mal: "One place you can't segregate, is the radio dial." Viele Jugendliche fingen in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren an, R'n'B-Radiostationen zu hören, die very funky Black Music spielten. Das wiederum führte zur Geburt von Rock & Roll - bis hin zu Elvis Presley. Leider war Musik zumindest zu meiner Jugendzeit noch immer irgendwie über die Hautfarbe definiert. Irgendwas hätte nicht gestimmt, wenn du in den siebziger Jahren als Schwarzer so was wie Heavy Metal gehört hättest. Das hat sich ja schrittweise geändert.
In deinem Buch "Negrophobia" benutzt du eine drehbuchartige Sprache, um die bizarren Erlebnisse deiner Hauptfigur Bubbles zu beschreiben. Warum? Traditionelle Erzählweisen konnte ich nicht benutzen, um die Art von Bildern zu erzeugen, an denen ich interessiert war. Ich wollte nicht über die Psychologie einer Person schreiben, wie man es in anderen Büchern lesen kann. Ich wollte nicht "über" das schreiben, was sie dachte, sondern "was" sie dachte. Das Format des Drehbuchs handelt von Bildern. Ich wollte visuelle Bilder benutzen, um die Geschichte zu erzählen. Zudem bekräftigt und bedient das Medium Film wie kein anderes Medium Klischees. Kürzlich habe ich Stewart Home gelesen und er spricht darüber, wie man die Sprache der Medien benutzen sollte, um eben diese Klischee-Sprache zu untergraben: Anstatt sich von der Sprache des Rassismus zum Opfer machen zu lassen, sollte man sich ihrer bemächtigen, sie in andere Zusammenhänge stellen und auf diese Weise kenntlich machen. "Negrophobia" war mein Versuch, eben dies zu tun.
Welche Bücher liest du zur Zeit? Im Moment arbeite ich an einem Buch, das im wesentlichen auf einem Essay aus "That's Blaxploitation" basiert. Der Titel war "The Blackman's Guide to Seducing White Women with the Amazing Power of Voodoo". Das Buch wird eine Erweiterung der dort entwickelten Ideen sein. Darum lese ich gerade eine Menge Bücher über Pimping, Hypnose und Voodoo, etwas Stewart Home und Kunstgeschichte. Außerdem lese ich im Moment auch einige Kochbücher.
Kochbücher??? Ja, Kochbücher. Das fließt alles in mein Buch ein. Wenn du dir Zaubersprüche anschaust, die sind so ähnlich aufgebaut wie Kochrezepte. Deshalb sammle ich gerade mit einem Freund zusammen diese Zaubersprüche, die eigentlich Kochrezepte sind. Magische Speisen. Was Belletristik betrifft: da lese ich gerade Chester Himes. Seine Autobiographie ist wichtig für mich, denn sie handelt vom Schriftsteller-Dasein und davon, ein Schriftsteller im Ausland zu sein. Es geht auch darum, wie sein Werk in den Vereinigten Staaten abgelehnt wurde und wie er Erfolg in Europa fand. Wenn auch nicht finanziell, so doch zumindest bei den Kritikern. Das hilft mir zu verstehen, warum ich hier bin.
Kito Nedo, 26, ist Sorbe und behauptet, dass er gerade an einem Buch über Robert Smith arbeitet.
Glossar: Pimps: hippe schwarze Zuhälter
Blaxploitation: eine schwarze Hollywood-Variante des Exploitation-Fims (70er Jahre): B-Rate, Action, Krimi, Ausbeutung als Leitthema, schwarze Identität
Black Panthers: radikale afroamerikanische Bewegung der sechziger Jahre, die gegen rassistische Repressionen protestierte
Bücher von Darius James:
Negrophobia (Citadel Press 1992, deutsche Ausgabe Maas Verlag 1994)
That's Blaxploitation! Roots of the Baadasssss Tude (St. Martin's Press 1995)
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