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Vienna Calling

"Heute könnte ein glücklicher Tag sein" von Xaver Bayer

17.9.2001 | Kito Nedo | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Dieses diffuse Jugendgefühl in ein Buch zu packen, geht meistens schief. Doch hin und wieder gelingt es jemandem. Zum Beispiel dem 24-jährigen Wiener Schriftsteller Xaver Bayer. Sein Debütroman "Heute könnte ein glücklicher Tag sein" ist gerade beim österreichischen Verlag "Jung und Jung" erschienen.

Dieses handliche Hardcover-Bändchen, auf dessen Schutzumschlag Gabeln, Löffel und ein Geschirrspültuch zu sehen sind, ist so entzückend traurig und trotzig wie, sagen wir mal, der Song "Bitter Sweet Symphony" von The Verve. In der Art, wie Richard Ashcroft im dazugehörigen Video durch die Strassen von London läuft, leicht ramponiert, aber mit erhobenem Kopf, so ähnlich stellen wir uns den Ich-Erzähler aus "Heute könnte ein glücklicher Tag sein" vor. Er ist Anfang Zwanzig, Student, betäubt sich mit Schnaps und Drogen und zieht mit seinen Freunden durch das nächtliche Wien. Am nächsten Morgen dann: Filmriss und erst mal ein Glas Wasser in der Küche. Wo das hinführen mag, ist weniger interessant als das Jetzt, das es festzuhalten gilt.

Schickes Autorenfoto

Obwohl Xaver Bayer mit seinem nonchalanten Oberlippenbart und den in Falco-Manier gegelten Haaren schwerlich als Modell für "Peek und Cloppenburg" in Frage käme, ist er mit seinen Autorenkollegen Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht vergleichbar. Bayers Roman fügt sich stilistisch und thematisch in eine Textgattung ein, die seit ein paar Jahren als schwer hip gilt. Die Rede ist von der so genannten "Popliteratur". Die bekanntesten Beispiele sind eben Krachts weltschmerzlerisches Buch "Faserland" (1995) und Stuckrad-Barres Leidensbericht "Soloalbum" (1995). Desillusionierte, gebildete, geschmäcklerische junge Menschen driften darin durch die neunziger Jahre. Einen Plan haben sie zwar nicht, dafür aber eine Menge Meinungen. Weil es in diesen Büchern nicht so richtig spannend zugeht, wird viel von der eigenen Sozialisation in den siebziger und achtziger Jahren gebrabbelt.

Auch im Internet unterwegs

Auch Bayer beherrscht die episodische Erzählweise und den Rückgriff auf Schul- und Kindheitserinnerungen aus dem Effeff. Er ist quasi die Austria-Connection der Pop-Fraktion: Der Wiener gehört zu den Mitbegründern der österreichischen Autorenplattform "dieflut", deren Konzept sehr dem kürzlich eingestellten deutschen Projekt "ampool.de" von Sven Lager und Elke Naters ähnelt. Unter "dieflut" posten österreichische JungautorInnen täglich kleine, schnelle Gedichte, Gedankensplitter, Hitlisten, Alltagsbeobachtungen und Reiseberichte. Rainald Goetz lässt grüßen.

Sparsame Anteilnahme

Doch nichts Neues von der Donau? Keineswegs! Der Roman ist im positiven Sinne das, was man wohl klischeehaft als "wienerisch" bezeichnen könnte. Hier regiert Gelassenheit und ein Caféhaus ist eben eine kleine Gesellschaft auf Zeit. Anders als einige der deutschen Popliteraten geht Bayer angenehm sparsam mit den coolen "Dos" und den uncoolen "Don'ts" um, die einem so schnell schwer im Magen liegen. An die Stelle besserwisserischer Attitüden tritt bei Bayer eine Anteilnahme an Umwelt und Menschen, die zwar abgeklärt und distanziert daherkommt, aber den Text dennoch über mehr erzählen lässt als nur über die Vorlieben des Autors.

Mehr als nur eine Phase

Der Ich-Erzähler des Roman will weder Teil einer Jugendbewegung sein, noch eine begründen. Seine Ausflüge auf Parties, in Cafes, Clubs und Redaktionsstuben sind wie der etwas planlose Besuch eines Supermarktes, aus dem man mit einem leerem Korb wieder herauskommt. "Jugend" ist bei Bayer eine Interimsphase, die man ruhig auch vergammeln darf. Das Credo des Romanhelden, der keiner ist, lautet: "Ich freue mich schon darauf, heute irgendwann nach Mittag aufzuwachen und nicht zu wissen, was ich mit meinem Tag anfangen soll. In Wirklichkeit weiß ich es ja schon. Ich werde dasselbe tun wie immer. Ich werde aufstehen, den Nachmittag verdämmern, ein Buch lesen, Musik auflegen und am Abend durch die Stadt gehen, die lachenden Stimmen der Menschen hören und mir dabei wünschen, dass ich unsichtbar bin" (S.160). Vielleicht ist die Jugend ja doch die schönste Zeit des Lebens ...

Xaver Bayer: Heute könnte ein glücklicher Tag sein (Jung und Jung 2001, DM 39)

Kito Nedo, 26, ist Sorbe und behauptet, dass er gerade an einem Buch über Robert Smith arbeitet.



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