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Johnny Cash: Man in Black

Für die Armen und die Geschlagenen

18.3.2011 | Fabian Wolff | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Johnny Cash und Richard Nixon

Johnny Cash und Richard Nixon

Es gibt zwei Arten von gläubigen Christen: die leuchtende Variante, die in den Himmel blickt und sich von ihrem Erlöser umarmt fühlt, und die Ketzer, die Halbirren, die Schuldigen, die in den finstersten Löchern dieser Welt nach Vergebung suchen. Johnny Cash war so ein Suchender. Nicht erst seit seinem Tod 2003 gilt er als einer der ganz Großen, einer, auf den sich jeder, egal ob Countryversteher oder nicht, einigen kann. Konsens.

Da besteht die Gefahr, dass das Cash-Erbe weichgespült wird. Denn widersprüchlicher und unbequemer kann ein Künstler kaum sein. Outlaw, Prediger, Familienunterhalter, reumütiger alter Mann – Cash war vieles im Lauf seiner Karriere, ohne dabei seine Grundüberzeugung zu verraten: Jeder, auch ein Mörder, kann von Jesus und seiner Liebe erlöst werden.

Während er selbst ein Leben lang mit dieser Liebe haderte, machte er es sich zur Aufgabe, den Menschen den Weg zu weisen. In "Folsom Prison Blues", seinem ersten Hit von 1955, ging es um die Hoffnung auf Freiheit eines wegen eiskalten Mordes Eingesperrten. Danach kämpfte Cash gegen Drogen und seine Dämonen und fiel in ein finsteres Loch. Durch Auftritte in Gefängnissen gelang ihm ein Comeback. Cash war geläutert. Der "Man in Black" war geboren.

Johnny Cash live auf der Bühne

Johnny Cash live auf der Bühne

Protest gegen den Vietnamkrieg

Cash, der auf der Bühne nur Schwarz trug, machte sich zum Sprachrohr für die Unterdrückten: "The poor and beaten down, the sickly and the old" sind die, für die er einstehen möchte. Der Rest der Welt soll wissen, wie es um die Dinge wirklich steht: schlecht nämlich. Das meint Cash nicht nur abstrakt. "The Man in Black" von 1971 ist auch ein ganz konkret politischer Song: "I wear the black in mournin' for the lives that could have been / Each week we lose a hundred fine young men", sang Cash zu einem Zeitpunkt, als es in den Augen des Establishments Landesverrat bedeutete, gegen den Vietnamkrieg zu sein. Und das, obwohl Cash Teil der konservativen Countryszene war. Noch so ein Widerspruch.

"The Man in Black" ist, als Song und als Geste, nicht nur nobel, gerecht und aufwühlend, sondern auch unfassbar anmaßend. "But just so we're reminded of the ones who are held back / Up front there ought 'a be a Man in Black." Cash zweifelt nicht eine Sekunde daran, dass er genau der Richtige für den Job war. Der Mann in Schwarz hatte einen ordentlichen Messias-Komplex – wie sich das für jemanden mit den Initialien J. C. wohl auch gehört. Warum sollte die Welt ihm aber zuhören?

Einfach, weil er ein großer und charismatischer und ernsthafter Musiker war, der selbst in den Momenten größten Schmerzes – und noch auf der Schwelle des Todes, wie in seinen großartigen "American Recordings" – eine majestätische Würde ausstrahlt. Sein Vorbild war der geläuterte Apostel Paulus, über den er in den Achtzigern einen Roman schrieb und den Song "Man in White". Seinen persönlichen Saulus konnte er nie ganz hinter sich lassen. Gerade das macht ihm zum großen Propheten, für die Mörder, Trunkenbolde und Schläger, die mit blutigem Gesicht im Matsch liegen. Denn ohne Hoffnung lägen wir alle mit ihnen im Dreck. So hat es Johnny Cash wenigstens gesehen.

Fabian Wolff lebt als Student, Redakteur und freier Autor in Berlin.

Foto, oben: Johnny Cash meets with Richard Nixon in the White House, July 1972; Photo: Taken by Nixon's official photographer, Ollie Atkins; Public Domain

Foto, unten: Johnny Cash, Bremen, September 1972; Photo: Heinrich Klaffs; CC-BY-SA 2.0



www.azlyrics.com
Songtext von "Man in Black"

www.youtube.com
"Man in Black" auf YouTube

www.johnnycash.com
Die offizielle Johnny Cash-Seite (engl.)





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