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Start-up in Kambodscha

Das Wagnis

2.4.2011 | | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Näherinnen in Kambodscha bei der Arbeit

Näherinnen bei der Arbeit

"Oft sind soziale Missstände das Thema von Kunst, doch sie trägt nur selten dazu bei, diese zu beheben", sagt Rachel. Nach dem Abschluss des Kunststudiums an der Maryland University in Baltimore, USA, hatte die heute 24-Jährige wenig Lust, teure Kunstwerke für Wenige zu produzieren. Rachel wollte ihre Fertigkeiten für ein soziales Projekt nutzen. Eine Bekannte der Familie erzählte von ihrem Plan, ein Geschäft in Kambodscha zu eröffnen und HIV-kranke Frauen als Näherinnen auszubilden. Rachel wollte mitmachen und das Wagnis eingehen.

Um das erste Jahr finanziell unabhängig zu sein, bewarb sie sich für ein Fullbright-Stipendium, um lokales Handwerk vor Ort zu studieren. "Die Arbeit in den Kommunen war sehr bereichernd. Ich habe viele traditionelle Techniken gelernt", berichtet sie. Bis heute nutzt sie diese Fertigkeiten, zum Beispiel beim Färben von Stoffen, für die Rachel natürliche Rohstoffe verwendet.

Nachdem ihre Projektpartnerin kurzfristig absprang, beschloss Rachel, das Projekt allein auf die Beine zu stellen. Das war zunächst nicht einfach – sie hatte weder einen Laden noch eine Werkstatt. Nur zwei ihrer Schneiderinnen besaßen eine Nähmaschine. Jeden Tag besuchte Rachel eine der Frauen, ging mit ihr handwerkliche Fragen durch und gab ihr Aufträge für die nächste Woche. Zu Beginn entwarf sie die Kleidung eher nach den Fähigkeiten ihrer Näherinnen, um sicherzustellen, dass alle eine Aufgabe hatten.

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Nach ein paar Monaten fand Rachel eine Ladenfläche in einer bekannten Einkaufsstraße von Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh. Hier befinden sich das Geschäft und eine Werkstatt, die für Weiterbildungen genutzt wird. Die Näherinnen arbeiten weiter von zu Hause aus. Einmal die Woche treffen sich die Frauen, um ihre daheim hergestellten Waren abzuliefern gemeinsam zu prüfen, Probleme zu besprechen und von Rachel neue Aufträge zu erhalten.

Die HIV-Infektion grenzt aus

Rachels Laden heißt auf Khmer "Keok’jay", was übersetzt "grün" oder "frisch" bedeutet. Inzwischen arbeiten hier neun HIV-infizierte Näherinnen permanent. Fast alle haben den Virus von ihren Ehemännern bekommen, die sich wiederum bei Prostituierten angesteckt haben. Die meisten der Männer sind inzwischen verstorben, und die Frauen müssen von ihrem Einkommen bis zu zehn Familienmitglieder mitversorgen.

Bis heute hat Kambodscha eine der höchsten HIV-Infektionsraten Südostasiens. Zwar ist die medizinische Versorgung inzwischen relativ gut, aber die Betroffenen leiden vor allem unter der sozialen Diskriminierung durch die Infektion. HIV-infizierte Frauen, die für ihre Ansteckung nur sehr selten eine Schuld tragen, werden in Kambodscha sozial ausgegrenzt und sind als Prostituierte verschrien – auch wenn sie es nicht sind. Aufgrund des Stigmas haben sie es sehr schwer, eine permanente Anstellung zu finden.

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Rachel möchte jedoch mehr als sozial Bedürftigen ein regelmäßiges Einkommen zu sichern. Sie will den Frauen ein Stück Menschenwürde zurückgeben. Die Beschäftigung als Näherin stärkt das Selbstbewusstsein der Frauen, zudem bietet die Werkstatt Raum, sich untereinander über Probleme, die von der Krankheit kommen, auszutauschen. "Ich glaube, gesellschaftliche Veränderungen sind nur über den Grass Roots-Ansatz wirklich effektiv. Keok’jay trägt zu solch einem Bewusstseinswandel bei", sagt Rachel. Mit ihrem Projekt soll sich die Wahrnehmung von HIV im Umfeld der Frauen ändern und zu einer besseren Aufklärung und Akzeptanz der Infektion beitragen. Die junge Amerikanerin will Wandel im Kleinen vorantreiben.

Zwischen Profit und Wohltätigkeit

Die größte Herausforderung ist es, die Balance zwischen sozialem Projekt und rentablem Geschäft zu halten. "Die Arbeit mit den Näherinnen ist nicht immer einfach. Viele der Frauen sind Analphabetinnen, sie haben nicht gelernt, wie man lernt", sagt Rachel. Oft vergessen die Näherinnen Aufträge, einfach, weil sie diese nirgends notieren können. Oder sie verbessern nur sehr langsam ihre Fähigkeiten und achten zu wenig auf Details.

Allen Schwierigkeiten zu Trotz hat Rachel mit ihrer freundlichen und bestimmten Art es geschafft, ein kleines Unternehmen aufzubauen. Inzwischen gibt es einen zweiten Laden, und ein Teil der Kleidung wird ins Ausland verkauft – nach Australien, Norwegen und in die USA. Obwohl sie noch viele Ideen hat, wie man das Geschäft ausbauen könnte, will Rachel eigentlich, dass Keok’jay eines Tages von Kambodschanerinnen geführt wird; und zwar vom Design bis hin zum Vertrieb. Dann würde Rachel ein neues Projekt starten. Diesmal allerdings in ihrem Heimatland, den USA, denn: "Armut ist kein Problem, das nur in der Dritten Welt zu finden ist", sagt sie.

Alfhild Böhringer (24) lebt zur Zeit in Phnom Penh, Kambodscha und arbeitet dort für die Menschenrechtsorganisation Cambodian Center for Human Rights.

Fotos: ©Rachel Faller



Rachels Fallers Laden: www.keokjay.org

Die UN engagiert sich auch in Kambodscha gegen HIV und Aids.





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