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Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie

Umweltbewegung als Massenbewegung

1.4.2011 | Sonja Ernst | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Die Atomkatastrophe in Japan hat in Deutschland die Debatte über die Kernenergie neu entfacht. In Deutschland ist die Anti-Atomkraftbewegung ein wichtiger Bestandteil der deutschen Umweltbewegung. Das gilt nicht für alle Länder: In Japan gab es bisher keine große Kontroverse um die Kernkraft, trotz der ständigen Gefahr von Erdbeben und trotz der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, die bis heute Auswirkungen haben. Ein Grund dafür ist Japans Abhängigkeit von externen Energieressourcen. Ab den 1960er-Jahren wurde daher die Atomkraft als Alternative gefeiert – Proteste dagegen blieben lokal begrenzt.

Solche Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Umweltbewegung weltweit beschreibt Joachim Radkau in seinem Buch "Die Ära der Ökologie". Auf über 700 Seiten erzählt er die globale Geschichte der Öko-Bewegung. Der Historiker möchte zum einen die geschichtliche Entwicklung und die Wurzeln der Umweltbewegung skizzieren, zum anderen möchte er deutlich machen, dass die Öko-Bewegung die prägende Kraft unserer Epoche ist.

Das Problem mit dem Staudamm

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Ökologie steht bei Radkau nicht allein für die Wissenschaftsdisziplin, sondern umfasst auch die Umweltbewegung, die Umweltpolitik, das ökologische Bewusstsein. Die Öko-Bewegung, findet Radkau, ist wie ein anpassungsfähiges Chamäleon, mit unterschiedlichsten Gruppen, Zielen und vielen Facetten. Zur "Umwelt" zählt man die Elemente wie Luft und Wasser, aber auch aussterbende Froscharten in Borneo, eine gesunde Ernährung und den Park um die Ecke. Deshalb gibt es im so genannten Umweltschutz nicht nur ein Ziel, sondern viele Ziele, die sich teils auch widersprechen: Große Windkraftanlagen sind Vogelschützern ein Dorn im Auge; Biosprit führt zur Abholzung von Wäldern; Staudamm-Projekte sind ökologisch sinnvoll, doch sie nehmen den Menschen vor Ort ihren Lebensraum.

Ebenso vielfältig sind die Formen und Organisationen der Umweltbewegung: Es gibt kleine Organisationen, die für den Schutz einer Auenlandschaft kämpfen; Parteien wie die deutschen Grünen, die sich im Bundestag für Umweltschutz stark machen. Und Regierungen, die bei internationalen Umwelt-Konferenzen, wie zuletzt in Cancún, über Umweltschutz verhandeln. Es gibt Politiker und Politikerinnen an Verhandlungstischen und Umweltschutzaktivisten, die Schornsteine besetzen. Trotz dieser Unterschiede ist aus all diesen disparaten Elementen allmählich eine globale Umweltbewegung entstanden, schreibt Radkau.

Umweltprobleme nehmen zu

Die historischen Anfänge der Umweltbewegung kann man am Ende des 18. Jahrhunderts lokalisieren. Wald- und Tierschützer organisierten sich, Menschen forderten im Zuge der Industrialisierung saubere Luft und sauberes Wasser, Naturparks und Naturheilstätten wurden gegründet. Doch erst ab 1970 entstand eine globale Umweltbewegung, die dann auch zu einer Massenbewegung wurde, so Radkau. Die Themen griffen nun ineinander; die Öko-Bewegung vernetzte sich immer stärker international und Umweltschützer/innen zeigten bei Demonstrationen, dass sie fähig waren zum Protest.

Radkau beschreibt auch die zentralen Personen der Umweltbewegung: unter anderem die Gorilla-Schützerin Diane Fossey; die Öko-Feministin Vandana Shiva und die Ökologin Medha Paktar, die sich beide gegen große Staudamm-Projekte in ihrer Heimat Indien engagieren; oder den Walschützer Paul Watson, der bei Greenpeace ausstieg, um mit der Sea Shepherd Conservation Society einen militanteren Weg zu gehen.

Doch die Umweltbewegung, findet Radkau, kenne ihre eigenen historischen Wurzeln nicht. Die Partei Die Grünen zum Beispiel täte sich nach wie vor schwer mit dem Begriff der Heimat, der für sie nationalsozialistisch angehaucht sei. Doch der Begriff der Heimat oder Heimatliebe ginge viel weiter in der Geschichte zurück, und er sei ein globales Phänomen. Aber eine Bewegung, die "geschichtslos" ist, so Radkau, könne nicht aus Erfolgen und Misserfolgen lernen und mache sich angreifbar für Kritiker, die gerne die Gefahr einer Öko-Diktatur heraufbeschwören.

Radkau schreibt lebendig und unterhaltsam, vor allem wenn er die einzelnen Etappen der Umweltbewegung beschreibt. "Die Ära der Ökologie" ist ein interessantes Buch für alle, die aus der Umweltbewegung kommen oder sich ganz einfach für Geschichte interessieren. Ob die Ökologie tatsächlich die große Klammer unserer Zeit ist, wie Radkau behauptet, wird sich zeigen. Doch fest steht, dass die Umweltprobleme zunehmen und dass die Menschen nach Antworten suchen.

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Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte. (Verlag C. H. Beck 2011, 782 S., 29.95 €)

 

 

Sonja Ernst lebt als freie Journalistin in Köln.

Foto: ©leo10in01 / photocase.com



Auf bpb.de findet man mehr zu den 2008 verabschiedeten Klimazielen, die für alle EU-Mitgliedsstaaten bindend sind, auf wikipedia jede Menge Infos zum Stichwort Ökologie.





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