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Die Ängste schwuler Politiker

Traut euch raus!

23.11.2003 | Ein Kommentar von Elmar Kraushaar | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Es war ein Abend unter schwulen Freunden. Das Essen war gut und das Gespräch danach dauerte bis in die Nacht. Es gab nur ein Thema: Sollen schwule Politiker sich der Öffentlichkeit stellen und keinen Hehl machen aus ihrer Homosexualität? Der Anlass für die Frage lag nahe, es war einer unter ihnen, der war Politiker, bundesweit bekannt, aus den Nachrichten und von den Wahlplakaten.

Er wolle öffentlich nicht darüber reden, dass er schwul ist. No way! Und er führte den Freunden vor, wie ausgebufft juristisch er vorgehen würde, wenn beispielsweise ein Journalist diesen seinen Wunsch nicht respektieren würde.

Warum diese Heimlichtuerei?

Die anderen hielten dagegen: Du weißt doch genau, dass jeder es weiß. Warum also diese Heimlichtuerei? Er aber ließ sich nicht beirren: "Es darf ja auch jeder wissen, ich habe keine Angst. Und ich setze alle meine politische Kraft ein für die Gleichbehandlung von Lesben und Schwulen in dieser Gesellschaft! Da habe ich nichts zu verstecken! Aber ich will keine öffentliche Diskussion über mich!"

Die Argumente gingen hin und her, es wurde laut dabei. Bis alle genug davon hatten, die Wohnung verließen und noch ein bisschen Zerstreuung suchten in einem der angesagten Schwulenclubs der Stadt. Er aber musste passen, der Politiker ging nicht mit: "Ich gehe in keinen Schwulenladen in dieser Stadt. Keinen Schritt kann ich tun, ohne angestarrt zu werden, und egal mit welchem Mann ich spreche oder gar flirte, sofort macht der Klatsch die Runde. Das will ich nicht!" "Und", erläuterte er noch, bevor er allein nach Hause ging, "so würde es mir erst recht ergehen, wenn meine Homosexualität allen bekannt wäre. Alle würden mich nur noch darauf reduzieren, jede Geste beobachten, jedem Wort einen anderen Sinn geben. Und jeder begegnete mir mit seinen Ressentiments und Vorurteilen - und ich könnte nichts dagegen tun."
Seit einigen Monaten beklagt sich Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit immer öfter, dass er beschimpft und beleidigt wird, in Briefen oder per E-Mail, dass die politischen Kontrahenten ihm jeden seiner Termine vorhalten, den er in schwuler Gesellschaft verbringt oder einem "schwulen" Thema widmet: "Ich nehme nicht mehr schwule Termine wahr als im vergangenen Jahr, und doch werfen mir sowohl meine Gegner aber auch die Journalisten verstärkt vor, dass ich mich viel zu oft um schwule Belange kümmern würde."

Das war gut so!

Dabei, auch das sagt Klaus Wowereit wieder und wieder, bereut er nicht seinen Schritt an die Öffentlichkeit, seinen spektakulären Satz: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so!", ausgesprochen auf einem außerordentlichen Parteitag der Berliner SPD im Juni 2001. Das hatte ihn berühmt gemacht, mit einem Schlag und weit über die Grenzen Berlins hinaus. Nicht nur berühmt, sondern auch richtig populär, seine Sympathiewerte stiegen in den Umfragen danach und die anschließende Wahl zum Regierenden gewann er souverän.

Die Wähler wollten einen schwulen Bürgermeister diesmal, und sie bekamen ihn. Und all jene wurden eines Besseren belehrt, die so gerne argumentierten, dass ein schwules Leben in der Öffentlichkeit jede Karriere killen würde, dass die Menschen noch nicht bereit seien, diese besondere Lebensführung zu tolerieren, dass es schwule Schlagersänger geben dürfte und schwule Modemacher und schwule Fernsehköche, aber sicher, ganz sicher keine schwulen Spitzenpolitiker.

Der Homo-Keule ausgewichen

Klaus Wowereit beweist, dass es geht, und hat mit seinem mutigen Schritt mehr für die Sache der Homosexuellen getan als jede Emanzipations- oder Bürgerrechtsbewegung, ob einem das passt oder nicht. Das Private ist politisch, hat er für sich durchdekliniert und sich nicht einschüchtern lassen, dass dieses gewisse "Na-Sie-wissen-schon-Was" nur was für das Schlafzimmer sei, wenn überhaupt, aber keinen Schritt darüber hinaus. Jetzt ist er everybody's darling.

Niemand kann ihm öffentlich mehr mit der Homo-Keule kommen und damit, dass er sie für sich behalten solle, diese kleine, private Schweinerei, die niemanden was angeht: Das zieht nicht mehr. Stattdessen ventilieren sie ihre kruden Gedanken mit dem Gerede über den "Party-Meister", nennen ihn "La Wowette" (BZ) oder "Showereit" (BILD). Doch der Mann hat ein dickes Fell und führt öffentlich vor, wie der Marsch aussieht durch blöde Blicke, dumme Witze und prollige Pöbeleien, der Marsch, den alle hinter sich haben, die rauskommen, im ganz Privaten, am Arbeitsplatz und weit darüber hinaus.

Ein Leben ohne Häme

Das schwule Lehrstück des Herrn Wowereit funktioniert deswegen so gut, weil er ein Politiker ist und kein Entertainer. Einer, den man ernst nehmen muss qua Amt und Würde. Er ist selbstbewusst dabei und keiner, den man enttarnen und die Schlagzeilen um die Ohren hauen könnte. Erpressen kann ihn keiner, jedenfalls nicht mit einem Doppelleben. Das ist viel wert im politischen Geschäft, und er taugt auch dabei zum Vorbild.

Der andere, der anonym bleiben will, hat gute Gründe dafür. Wer könnte ihm seine Scheu verdenken? Und doch sollte er sich genau den Wowereit anschauen und vielleicht ein bisschen dabei lernen: so wie viele Medien gelernt haben und beim Regierenden Bürgermeister der Hauptstadt wieder auf Wichtigeres schauen, ohne Häme; so wie viele Menschen gelernt haben, dass Homosexuelle auch ein Leben am Tage führen, im grauen Anzug, ganz ohne Analverkehr und ohne eine Federboa weit und breit.

Nur so bewegt sich was: dass man ein Gesicht hat und einen Namen dazu und weiß, "Aha, der ist so einer", und dann aber auch wieder gar nicht. Der andere, der anonym bleiben will, wird nie ein guter Politiker werden, nicht mehr nach Wowereit. Das muss er wissen und jeder andere auch.

Elmar Kraushaar arbeitet fürs Fernsehen und für Zeitungen. Unter anderem schreibt er für die taz die Kolumne: "Der homosexuelle Mann".


www.blaue-banane.org
"Die Homo-Erpressung im Hamburger Rathaus - sie hat das Thema Schwulsein in der Politik mit einem Schlag in die Öffentlichkeit gebracht. Dabei gelten in Großstädten Lesben und Schwule schon lange als ein Machtfaktor. Wer in Köln, Berlin oder Hamburg Bürgermeister werden will, kann sich Homosexuelle nicht zum Feind machen", findet das Magazin Die blaue Banane

www.schwusos.de
Die Schwulen und Lesben in der SPD zum Thema Outing von Politikern

www.dykeworld.de
Verheimlichen macht Politiker angreifbar, findet auch das Internet-Magazin DykeWorld




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