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Andere Räume

Schwule und lesbische Literaturklassiker

27.10.2003 | Verena Sarah Diehl | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Ende der 1980er-Jahre wurden gleich mehrere Romane des britischen Schriftstellers Edward Morgan Forster (1879-1970) verfilmt: "Wiedersehen in Howards End" und "Zimmer mit Aussicht" waren damals Kassenschlager. Eine weitere Verfilmung ging leider etwas unter: "Maurice" von 1987, mit Hugh Grant in der Hauptrolle. Forster schrieb den Roman 1914, untersagte die Veröffentlichung aber bis nach seinem Tod. Erst 1971 konnte "Maurice" gedruckt werden und wurde dann schnell zu einem schwulen Literaturklassiker.

Campusliebe

Das viktorianische England ist der Schauplatz. Die jungen Männer Maurice und Clive studieren an der gleichen Universität und gestehen einander ihre Liebe. Clive ist beigebracht worden, dass Liebe unter Männern nur auf platonische Weise akzeptabel ist, also entzieht er sich Maurice immer mehr. Nach dem Selbstmord eines schwulen Studienkollegen beschließt er zu heiraten. Maurice sucht daraufhin einen Arzt auf, um sich seiner Veranlagung zu entledigen. Als er Clive nach dessen Hochzeit auf dessen Landsitz besucht, lernt er den Wildhüter Alec kennen. Alec ist kein "standesgemäßer" Partner - für Maurice beginnt nach ihrer ersten Liebesnacht eine neue Zeit: Er muss lernen, seine Homosexualität zu akzeptieren und sich über den Standesdünkel seiner Zeit hinwegzusetzen.

Hinweise auf die Homosexualität ihrer Autoren finden sich auch bei anderen Romanen des frühen 20ten Jahrhunderts, zum Beispiel bei Oskar Wilde oder Walt Withmann. Selbstverleugnung ist oft das zentrale Thema - schließlich war Homosexualität gesellschaftlich stark diskrimimiert. Auch in "Giovannis Zimmer" (1956), einem Roman des etablierten afro-amerikanischen Autors James Baldwin, geht es wie bei "Maurice" darum, die eigene Homosexualität zu verdrängen und damit andere Menschen zurückzuweisen.
Truman Capote verbarg seine Homosexualität dagegen nie, sondern kultivierte seinen Lebensstil als schwuler Dandy. In seinem 1946 veröffentlichten Erstlingswerk "Andere Stimmen, Andere Räume" (Capote war damals erst 23) ist Homosexualität allerdings noch kein Thema. Er zeichnet darin die Entwicklung seines jugendlichen Protagonisten auf der Suche nach seinem Vater nach. Expliziter wird es in seinem unvollendeten Roman "Erhörte Gebete" von 1986 - darin beschreibt Capote, mit umwerfender Selbstironie, wie sich ein junger schwuler Mann unter anderem als Stricher in New Yorks High Society durchschlägt.

Initiation in NYC

Damit vergleichbar ist der Debütroman der US-Amerikanerin Rita Mae Brown "Rubinroter Dschungel" von 1973. Die Protagonistin zieht für ihr Studium aus der Provinz nach New York und lässt dort ihre bereits als Schülerin entdeckte Homosexualität aufblühen. Auch hier bietet die Großstadt eine Folie für die Irrungen und Wirrungen im Selbstfindungsprozess junger Menschen, die sich, mal weniger, mal mehr, über ihre Sexualität definieren wollen und wegen ihrer Homosexualität trotzdem als Außenseiter definiert werden.

Eine ganz andere Form der lesbischen Literatur, die nicht mit Hedonismus, aber dafür mit politischem Kampf zu tun hat, findet sich in dem Buch "Häutungen" von Verena Stefan (1975). Bereits im Vorwort weist die Autorin auf die Unmöglichkeit hin, mit einer männlich geprägten Sprache weibliche Sexualität zu beschreiben. Von männlichen Vordefinitionen verdeckt, bleibe diese "unsichtbar". Pendelnd zwischen einer kühlen, unprätentiösen und einer poetischen Sprache beschreibt Stefan, wie sie tagtäglich mit der gesellschaftlichen Erwartungshaltung umgehen muss: wie sie darauf reduziert wird, williges Sexualobjekt ebenso wie fürsorgliche Liebhaberin zu sein.

Patriarchat aushebeln

In ungeschönter Härte beschreibt sich Stefan als enttäuscht von Männern, die sich als politisch links begreifen (und es darum eigentlich besser wissen müssten) und ihre "Privilegien" aus reiner Bequemlichkeit ausnutzen. Was dabei herauskommt: Es ist die Liebe zu Männern, die Frauen dazu bringt, sich der patriarchalen Weltordnung anzupassen und unterzuordnen. In einer Welt, in der Männer für Gleichberechtigung noch nicht reif genug sind, entspricht Heterosexualität immer einem sexistischen hierarchischen Verhältnis, in dem die Frau den Kürzeren zieht. Lesbisch leben wird hier zum politischen Befreiungsprojekt.

Um das Ganze theoretisch aufzuarbeiten, kann man sich durch das Buch "Grenzen lesbischer Identitäten" (1996) lesen. Die Herausgeberin Sabine Hark ist eine der ersten Professorinnen für Queer Studies an der Uni Hamburg. In dem Band wird die Geschichte des Begriffs "lesbisch", der in den feministischen Kämpfen der 70er-Jahre ein Synonym für radikalfeministisches Leben und Handeln war, nachvollzogen. Anhand der Bedeutungsverschiebung wird auch homosexuelle Geschichtsschreibung deutlich: "Die Frage ist nicht, ob wir für oder gegen Identitäten sind, sondern wie wir mit Identitäten umgehen."

Verena Sarah Diehl (geboren 1978) ist Diplom-Museologin, studiert Gender Studies und Afrikawissenschaften und arbeitet gerade an einer Ausstellung über Frauenfußball.

Edward Morgan Forster: Maurice (Nymphenbuerger Verlag, 4.50 €)



Truman Capote: Andere Stimmen, Andere Räume (Fischer TB, ca. 6 €)

Truman Capote: Erhörte Gebete (Rowohlt Verlag, 2.80 €)




James Baldwin: Giovannis Zimmer (Rowohlt Verlag, ca. 7 €)




Rita Mae Brown: Rubinroter Dschungel (Rowohlt Verlag, 7.50 €)




Verena Stefan: Häutungen. Autobiografische Aufzeichnungen, Gedichte, Träume, Analysen (Frauenoffensive Verlag 1975, bei www.zvab.de ab 3 €)


Sabine Hark (Hg.): Grenzen lesbischer Identitäten. Aufsätze (Querverlag 1996, 15.50 €)




www.querverlag.de
"Deutschlands erster lesbisch-schwuler Buchverlag"

http://emforster.de
Seite zu E. M. Forster (englisch)

www.pbs.org
Biographischer Abriss über Truman Capote (englisch)

www.weltchronik.de/ws/bio/b/baldwinJ
Biographie des farbigen US-Schriftstellers James Baldwin

www.rowohlt.de/buch/2494
Mehr zu Rita Mae Brown und ihrem erfolgreichsten Buch

www.verenastefan.qc.ca
Die kanadische Website der inzwischen emigrierten Verena Stefan

www.frauenforschung-hamburg.de/genderstudies
Die Queer Studies an der Uni Hamburg




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