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Judith Butler

Besser Lesen

24.11.2003 | Vera Tollmann | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Für die Queer-Ausgabe gibt es in Lesen eine kleine Serie, die wichtige Theoretiker/innen der Genderdebatte vorstellt. Als Letzte und Jüngste: Judith Butler. Davor: Michel Foucault und Simone de Beauvoir.

Wer ist sie


Judith Butler wurde 1956 in der Industriestadt Cleveland in Ohio geboren. Sie studierte Philosophie, auch ein Jahr an der Heidelberger Universität - seitdem spricht sie fast akzentfrei deutsch. Inzwischen ist Judith Butler Professorin für Vergleichende Literaturwissenschaften und Rhetorik in Berkeley, im Schweizer Ferienort Saas-Fee unterrichtet sie Philosophie. Butlers einflussreichstes Buch "Gender Trouble" (Das Unbehagen der Geschlechter, 1990) schlug große Wellen unter Feminist/innen und in der schwul-lesbischen Bewegung. Seitdem hat sie sich als Theoretikerin für Macht, Gender, Sexualität und Identität einen Namen gemacht und gilt als der aktuelle Theoriestar dieser Disziplinen. Auch über akademische Zirkel hinaus, wie der Roman "Tomboy" von Thomas Meinecke (1998) und das Fanzine "Judy!" (USA 1993) zeigen.

Judith Butler verfasste unzählige Texte zu Philosophie, Sprachwissenschaft und zu feministischer und Queer-Theorie. Ihr letztes Buch hieß "Kritik der ethischen Gewalt" - Vorlesungen, die sie an der Uni Frankfurt am Main hielt. Anfang 2003 hat sie sich gemeinsam mit anderen US-amerikanischen Intellektuellen gegen den Irak-Krieg engagiert. Judith Butler lebt in einer homosexuellen Partnerschaft und hat einen Adoptivsohn, bevorzugt dunkle Kleidung und lässt sich nur ungern fotografieren.

Warum ist sie wichtig

Judith Butler kritisiert den gesellschaftlichen Zwang zur Heterosexualität und hat damit Minderheiten wie Drags und Lesben Argumente gegeben, ihre Lebensweise zu legitimieren. Dabei beruft sich Butler auf die feministische Unterscheidung zwischen "sex" und "gender" - also zwischen dem biologischen Geschlecht und der sozialen Geschlechtsidentität. In ihrem Buch "Das Unbehagen der Geschlechter" schreibt sie, dass der Feminismus bislang davon ausging, dass das biologische Geschlecht automatisch das entsprechende soziale Geschlecht und damit das heterosexuelle Begehren bestimme - Butler kommt es aber darauf an, diese festgefahrene Logik zu unterbrechen. Sie schlägt vor, die geschlechtliche Identität als etwas Performatives, Veränderbares zu sehen. Dadurch wird Identität zu einer Alltagspraxis. Ein kulturelles Verfahren, damit umzugehen, kann die Parodie sein - auch im Alltag.

Wer soll sie lesen


Judith Butlers Texte zeigen, wie in der Popkultur Aneignung und Subversion praktiziert werden (Madonna), aber auch, wo sie fehlen (Britney Spears). Das ist brauchbares Wissen. Außerdem unterstützt Butler dabei, die eigene Rolle und Identität flexibel zu halten und der Verunsicherung durch gesellschaftliche Normen entgegen zu arbeiten.

Manche ihrer Texte sind nicht ganz einfach zu lesen - aber mit dem Fremdwörterbuch kommt man weiter. Sehr praktisch ist, dass sie in jedem Artikel ihre Gedanken und Schlussfolgerungen noch einmal zusammenfassend wiederholt - so bleibt man als Leser/in nicht auf der Strecke. Wer Michel Foucault gelesen hat, ist schon mal fein raus: Judith Butler bezieht sich oft auf seine Theorien.

Vera Tollmann, 27, arbeitet als Kulturwissenschaftlerin und Autorin in Halle und Berlin.

Foto: Jerry Bauer / Suhrkamp Verlag


Bücher von Judith Butler (Auswahl)

Das Unbehagen der Geschlechter (Suhrkamp 1991, 7 €)
Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts (Suhrkamp 1993, 14 €)
Haß spricht (Berlin Verlag 1998, vergriffen)
Kritik der ethischen Gewalt (Suhrkamp 2003, ca. 15 €)

Außerdem

Thomas Meinecke: Tomboy (Suhrkamp Verlag, 1998, 8.50 €)
In Meineckes Buch geht es um eine studentische Gruppe von Freunden, die große Judith-Butler-Fans sind, außerdem geht es um Gender Trouble, Handtaschensammlungen und das Deutsche am Odenwald.


http://rhetoric.berkeley.edu/faculty_bios/judith_butler.html
Judith Butlers offizielle Website an der Universität Berkeley

http://sun3.lib.uci.edu/indiv/scctr/Wellek/butler/
Umfassende Bibliographie

www.theory.org.uk/ctr-b-e1.htm
Toller Aufsatz der britischen Studentin Sally Young über Butlers wichtigste Werke

www.theory.org.uk/but-int1.htm
Ein Interview mit Judith Butler von 1994 (englisch)

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