Für die Queer-Ausgabe gibt es in Lesen eine kleine Serie, die wichtige Theoretiker/innen der Genderdebatte kurz vorstellt. Diesmal: Michel Foucault, der Mann im weißen Rollkragenpullover. Als Nächstes: Judith Butler, Madonna-Fan.
Wer war er

Michel Foucault, 1926 in Poitiers in Frankreich geboren, durchlief eine typische intellektuelle Laufbahn der privilegierten französischen Oberschicht: Studium an der Ecole Normale Supérieure in Paris, anschließend Auslandsaufenthalte und Lehraufträge in Uppsala, Warschau, Hamburg, dann Professor im verschlafenen Clermont-Ferrand. 1961 erschien seine Doktorarbeit "Wahnsinn und Gesellschaft" zur Geschichte des Wahnsinns im Zeitalter der Aufklärung. "Die Ordnung der Dinge" von 1966 untersucht die verschiedenen Vorstellungen vom Wissen über den Menschen seit dem 18. Jahrhundert. Aus der französischen Provinz floh Foucault nach Tunis, um im dortigen liberalen Milieu eine neue Theorie der Macht vorzubereiten: "Archäologie des Wissens", eine grundlegende theoretische Studie. 1970 erhielt Michel Foucault die eigens für ihn eingerichtete Professur für die Geschichte der Denksysteme am renommierten College de France in Paris.
Kämpfer
Foucault hat sich aber auch vehement für radikale Politik engagiert. Er war seit 1950 Mitglied der kommunistischen Partei, trat wegen ihrer Haltung zu Homosexualität wieder aus. Im Zuge der Studentenunruhen im Mai 1968 in Paris beschäftigte sich Foucault verstärkt mit gegenwärtigen Politiken und gründete 1971 die Gruppe Gefängnis-Information (G.I.P.).
Foucault selbst widersprach allen Analysen, die seine Biographie als Ursache seiner Theorie interpretieren wollte - er fand sein eigenes Leben allerdings auch zu unwichtig, um es zu verheimlichen. Immer wieder finden sich in Foucaults Büchern verrätselnde, fast literarische Stellen, in denen sich Foucault selbst interviewt oder über sich selbst in dritter Person schreibt oder spricht.
Seit den Erfolgen seiner frühen Bücher war Foucault auch eine Figur des öffentlichen Lebens: der kantige Denker im weißen, eng anliegenden Rollkragenpullover, der eine offene schwule Beziehung führte. Charismatisch und wortgewandt, engagiert und gebildet, ist Foucalt bis heute ein Vorbild als politischer Theoretiker. Darauf reduzieren sollte man seine Bücher allerdings nicht. 1984 starb Michel Foucault in Paris an den Folgen von Aids.
Warum ist er wichtig
Foucaults Einfluss auf das heutige Denken kann man am einfachsten an der Menge von Texten erkennen, die ihn zitieren. Ob politische Theorie, Kunst, Architektur oder Philosophie - quer durch die Disziplinen scheinen Foucaults Methoden hilfreich für neue kritische Ansätze zu sein. Foucault ist damit auch so etwas wie ein Mitbegründer der Interdisziplinarität, weil mit seinen Texten Wissen aus verschiedenen Fachgebieten verknüpft wird.
In seinem letzten großen Forschungsprojekt "Sexualität und Wahrheit" kommt Foucault zu dem Schluss, dass die Sexualität in der westlichen Gesellschaft nicht, wie angenommen, unterdrückt ist, sondern im Gegenteil seit dem 17. Jahrhundert zu einem zentralen Thema wurde. Erst diese Diskussion um Sexualität habe Normen und Minderheiten hervorgebracht. Die neuen Forschungsrichtungen der Gender und Queer Theory haben sich aus der Diskussion von Foucaults Untersuchungen entwickelt.
Wer soll ihn lesen
Alle, die grundlegende Mechanismen von Macht verstehen wollen, also jede/r. Über die Theorien hinaus sind seine Bücher wegen der vielen historischen Fakten zu Standards für die Spezialgeschichten der Gefängnisse, des Wahnsinns und der Sexualität geworden. Sie beschreiben unsere Gesellschaft vor allem als eine, die ausschließt. Weil wir das Gegenteil wollen, helfen uns diese Bücher. Wie Foucault auch gezeigt hat, ist Macht nicht vom Wissen zu trennen.
Axel John Wieder, 32, ist Kunsthistoriker und trotz Brille kein Foucault-Double.
Foto: © Jerry Bauer / Suhrkamp Verlag
Bücher von Michel Foucault (Auswahl)
Wahnsinn und Gesellschaft (Erstausgabe 1961, Suhrkamp 1969, 15 €)
Die Ordnung der Dinge (Erstausgabe 1966, Suhrkamp 1971, 15 €)
Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1 (Erstausgabe 1976, Suhrkamp 1987, 9 €)
Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit, Bd. 2 (Erstausgabe 1984, Suhrkamp 1986, 13 €)
Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit, Bd. 3 (Erstausgabe 1984, Suhrkamp 1986, 12.50 €)
Außerdem
Tamsin Spargo: Foucault and Queer Theory (Totem: Postmodern Encounters 1999, ca. 9 €)
Hubert L Dreyfus, Paul Rabinow: Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik (Beltz Athenäum 1994, 21 €)
Thomas Lemke: Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität (Argument 2002, 20.50 €)
http://foucault.info/
Ausführliche Foucault-Seite auf Englisch.
www.die-grenze.com/warum1a.htm
Eine großartige Bildfolge Foucaults mit einem persönlich gefärbten Einführungstext
www.planetout.com/pno/news/history/archive/foucault.html
Foucault und Queerness (englisch)
www.qut.edu.au/edu/cpol/foucault/
Viel Material und viele Fotos zu Foucault
http://www.merve.de
Michel Foucault spricht: "Voici ce que je veux dire"
http://on1.zkm.de/zkm/stories/storyReader$2610
"Michel Foucault und die Künste. Probleme einer Genealogie" - eine Ausstellung und eine Konferenz in Karlsruhe 2002 (Merve-Verleger Peter Gente und Kurator Peter Weibel haben sie organisiert)
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