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Dana Bönisch: Rocktage

Werther revisited

29.10.2003 | Magdalena Taube | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Tobias Puck ist der Antiheld in dem ersten Roman von Dana Bönisch. Puck hadert mit sich und dem Leben und wird von einer diffusen Sehnsucht getrieben. Eines Tages verliebt er sich in ein Mädchen, das bereits vergeben ist. Wer jetzt denkt, Figur und Story seien doch altbekannt - aus Goethes "Werther" zum Beispiel - der wird angenehm überrascht. Denn die junge Autorin hat es geschafft, den klassischen Antihelden neu zu beleben.

Träumer

Was macht ihn eigentlich aus, diesen Antihelden? Was haben Büchners Woyzeck, Salingers Holden Caulfield oder Austers Marco Stanley Fogg gemeinsam? Ihre Vorbildfunktion definiert sich über Schwächen und Fehler: nicht gesellschaftsfähig/unangepasst. Diese Defizite machen sie sympathisch. Genauso verhält es sich auch mit Tobias Puck. Allein schon der Name, der als Anspielung auf den Elf in Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" gesehen werden kann, lässt den Protagonisten als abseits stehenden Träumer erscheinen.

Für Puck gibt es "Rocktage", das sind die guten Tage, an denen man das Leben spürt und an denen Musik als "fünftes Element" existiert. Und es gibt alle anderen Tage, die schlechten - an diesen Tagen gibt es keine Musik. Puck hat nicht viele Freunde. Vielleicht die Frösche, die er sich im Terrarium hält, und dann noch einen orientierungslosen Kiffer.

Der Roman beginnt damit, dass Puck gerade seinen Job verloren hat. Zur Uni geht er schon lange nicht mehr, zu seiner Mutter und ihrem neuen Freund hat er kein besonders gutes Verhältnis. Als er sich in Gwen verliebt, ein Mädchen mit "Placebo-Augen", findet er bald heraus, dass sie bereits einen Freund hat. Nach ein paar schönen Momenten mit ihr - ein paar "Rocktagen" - ist die Welt wieder genauso trist und kalt wie davor.

Musik zum Lesen

Pucks Leiden sind zeitlos, doch das Umfeld, in dem er sich bewegt, ist es nicht: Popmusik, Skateboards und Handy sind feste Bestandteile seines Alltags. Zeitgemäß wirkt Pucks Lebenswelt auch durch Bönischs besondere Sprache - ein narrativer Beat durchzieht "Rocktage" und verleiht dem Buch eine musikalische Qualität. Collagiert werden Songtexte von Ash oder SMS-Botschaften, die Puck mit Gwen austauscht, mit Zitaten aus anderen Büchern - zum Beispiel aus dem "Der Fänger im Roggen". Manche Gedanken klingen nach Gedichten: "Die Stille wurde immer stiller, bis sie so still war, dass sie wieder lauter wurde." In "Rocktage" werden nahezu pausenlos sprachliche Bilder miteinander verwoben, fließende Übergänge, keine störenden Kapitel-Einteilungen.

Bönisch kann erzählen und sie hat tatsächlich auch was zu erzählen. Die erst 21-jährige Autorin hat mit "Rocktage" ein Buch geschrieben, das sehr leise ist und auch klug. Damit ist sie eine angenehme Ausnahme-Erscheinung in der gegenwärtigen Literaturlandschaft und weckt bei den Leser/innen in doppelter Hinsicht Hoffnung: mit ihrer Geschichte, die Perspektiven in der Orientierungslosigkeit aufzeigt, und mit ihrer Haltung, die nicht die Personality-Show, sondern die "Sache" in den Vordergrund stellt.

Magdalena Taube, 20, studiert Literaturwissenschaften und arbeitet als freie Autorin und Redakteurin der Berliner Gazette.

Dana Bönisch: Rocktage (Kiepenheuer & Witsch 2003, ca. 7 €, CD beim hörverlag für ca. 15 €)




www.youngmiss.de
Ein Interview mit Dana Bönisch in der Young Miss

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