"Du hast keine Ahnung, was in der nächsten Minute passieren wird - wie willst du dann irgendeine Entscheidung für deine Zukunft treffen?", beklagt die 16-jährige Sawson Salons. Ihre Stimme klingt verbittert, wütend, verzweifelt. Dann schweigt sie einen Moment, ihr Blick wandert durch den Raum. Sawson hat sich in Rage geredet. Sie rollt ein Blatt Papier zusammen, zieht es wieder auseinander. Es ist ihr Skript für die Sendung. In 15 Minuten wird sie gemeinsam mit ihrer Freundin Hana Mimi die Nachrichten in der einzigen palästinensischen Jugendsendung "We want our childhood" vortragen. "Keine politischen Nachrichten", erklärt Sawson, "sondern Geschichten und Nachrichten von Künstlern, über neue Filme und so."
Wenn die beiden palästinensischen Mädchen von Klatsch und Tratsch über Stars und Sternchen, über "Soft News" sprechen, entspannen sich ihre Gesichtszüge, sie lächeln. Das ist einer der Momente, in denen Hania Bitar mit ihrer Arbeit zufrieden ist: "Meine größte Mission ist es, die Hoffnung der palästinensischen Jugendlichen zu erhalten und ihnen zu zeigen, dass sie eine Zukunft haben." Deshalb hat Bitar 1999 die Organisation PYALARA (Palestine Youth Association for Leadership And Rigths Activation) gegründet. "Wir ermutigen die Jugendlichen, ihre Gefühle durch Schreiben und Reden zum Ausdruck zu bringen", erklärt die Informationsbroschüre das Selbstverständnis von PYALARA.
Allein, hoffnungslos, aggressiv
Texten, Reden, Erzählen - seit Dezember 2000 geht das auch im Fernsehen. Ermöglicht hat das PYALARA mit der Unterstützung der UNESCO und Palestine TV. Jeden Sonntag bestimmen 16- bis 25-Jährige für zwei Stunden, was über den Bildschirm läuft: "Das Programm ist bunt gemischt", erzählt Bitar. "Es geht um Themen, die die Jugend betreffen, wie Drogen, Rauchen, das Heiraten im frühen Alter oder um Lifestyle." Auch Politik nimmt einen großen Raum ein: "Wir reden über die 'Road-map', gesellschaftliche Phänomene und interviewen politische Vertreter."
PYALARA hat inzwischen 17 Angestellte und zahlreiche freie Mitarbeiter. Die Zeitung "The Youth Times", die "Youth to Youth"-Sorgenhotline, journalistische Trainingsseminare oder "Journalismus über Grenzen hinweg" sind Projekte der Nicht-Regierungs-Organisation. So unterschiedlich diese Projekte auch sein mögen, was sie eint, ist der Kampf gegen die psychischen Folgen der politischen Situation wie Hoffnungslosigkeit und Frustration. "Alle palästinensischen Kinder in der Westbank und in Gaza sind in irgendeiner Form dem zunehmenden psychologischen Stress ausgesetzt", erklärt Pierre Poupard, Repräsentant von UNICEF in der Westbank und Gaza. Nach Poupards Untersuchungen isolieren sich immer mehr Jugendliche von ihrer Familie und ihren Freunden, sie rebellieren oder sind aggressiv.
"Welcher Tat habe ich mich schuldig gemacht?", lautet die erste Zeile eines Gedichts in "The Youth Times", das älteste Projekt von PYALARA. Verzweifelung und Unverständnis bringt die aus Gaza stammende 16-jährige Autorin zum Ausdruck, wenn sie ihre Erlebnisse am Checkpoint beschreibt. "Für heute habe ich den Wunsch aufgegeben, meine Freundin zu besuchen, obwohl ich ihr Haus vom Checkpoint aus sehen kann: Warum muss das so sein? Habe ich nicht das Recht, meine Freunde zu sehen?" Sie schließt mit den Worten: "Doch die Strahlen der Hoffnung auf Frieden scheinen weiter."
"Wir wollen Frieden", erzählt Sawson, "aber wenn du siehst, dass getötet wird oder dass ein Panzer neben dir steht und die Soldaten schießen auf dich, dann vergisst du das für einen Moment. Du willst, dass die anderen sterben." Für Hania Bitar ist die Konfrontation mit derartig zwiespältigen Emotionen nicht selten. Immer wieder rufen Jugendliche die Sorgenhotline an, die sich so hilflos fühlen, dass der Gedanke an ein Selbstmordattentat wie eine Erlösung erscheint: "Sie sehen mehr Schönheit im Tod als im Leben", berichtet Bitar.
Geschichten von Panzern und schlaflosen Nächten
Um gegen diese Hoffnungslosigkeit ein Zeichen zu setzen, will Sawson "unsere Meinung zum Ausdruck bringen". Eigentlich müsste diese Meinung unpolitisch sein, denn PYALARA ist eine NGO und darf als Empfänger von UNICEF-Geldern keine politische Agenda haben. Aber natürlich kann keine Organisation in der Westbank unpolitisch sein. Das zeigt sich schon beim Betreten von Bitars Büro: Die Wand über ihrem Schreibtisch schmückt ein Foto, Bitar lächelt in die Kamera, neben ihr steht Yasser Arafat. Doch die Politik hat zwei Gesichter. Das zweite ist ein trauriges und kann über das politische Versagen nicht hinwegtäuschen. Es zeigt sich jedem, der auf der Homepage von PYALARA die Geschichten liest. Geschichten von Panzern, schlaflosen Nächten und Bomben.
"Ich hoffe, dass ich in Ägypten oder den USA studieren kann", sagt Hana. "Ich möchte Zahnärztin werden." Auch Sawson träumt von einem Studium im Ausland. "Ich möchte etwas erreichen." Die beiden werden unruhig. In einigen Minuten müssen sie ins Studio. Sie haben heute ihr Kamera-Debüt. Ihre Familien und Freunde sitzen zu Hause am Fernseher. Ob sie aufgeregt sind? "Ein wenig schon", die Mädchen lachen. "Aber wir haben so viel geübt", sagt Hana und Sawson ergänzt: "Wir werden es sicher gut machen - für die Menschen, die uns lieben."
Esther Konieczny studiert in Zürich Kommunikationswissenschaften. Daneben arbeitet sie für den Fernsehsender Phoenix und schreibt für den Bonner Generalanzeiger.
www.pyalara.orgDie Website von Pyalara stellt die Projekte der Organisation vor
www.bpb.deSchwerpunkt der BpB zum Nahost-Konflikt mit zahlreichen Büchern und Filmen, Heften und interessanten Links
www.erdkunde-online.de
Daten, Zahlen und Fakten zu Israel und den Palästinensergebieten
www.un.org
Der Nahostkonflikt aus Sicht der UN
www.spiegel.deDer Konflikt in einem Spiegel-Dossier mit Flash-Animation
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