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Die Unerzogenen

Wie rebellieren, wenn es keinen Widerstand gibt?

21.9.2011 | Susanne Gupta | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Antiautoritäre Erziehung

Antiautoritäre Erziehung

Das preisgekrönte Filmdebüt "Die Unerzogenen" (2007) der schwedischen Regisseurin Pia Marais erzählt vom Erwachsenenwerden der 14-jährigen Stevie, deren Eltern ein Hippie-Leben führen. Mit biografischen Anleihen ist Marais die sensible Seelenbeschreibung eines rebellischen Mädchens gelungen, das sich mittels Fotocollagen ihre eigene Welt bestückt mit Traumeltern bastelt. Pia Marais, geboren 1971, lebt seit Abschluss ihres Regiestudiums an der DFFB in Berlin und drehte zuletzt "Im Alter von Ellen" (2010).

Susanne Gupta: Ist Stevie das Opfer einer antiautoritären Erziehung und rebelliert dagegen?

Pia Marais: Ich würde sie nicht als Opfer betrachten. Die Rebellion war für mich aber eine wichtige Fragestellung beim Entwickeln des Stoffs. Wie rebelliere ich, wenn einem von Seiten der Eltern kein richtiger Widerstand entgegengesetzt wird, es keine Grenzen oder Beschränkungen gibt? Wie geht Stevie dagegen an und wie grenzt sie sich ab?

Sie zeigen, was passiert, wenn Eltern keinen Unterschied zwischen sich und dem Kind machen.

Wenn die Eltern die Verantwortung für das Kind nicht übernehmen wollen, entsteht eine Überforderung. Aber ich wollte eigentlich keine Wertung vornehmen. Der Film ist sehr körperlich, er besitzt Sinnlichkeit, Komik und auch etwas Wildes. Das finde ich spannend, die Selbstverständlichkeit, wie die Intensität von den Eltern, aber auch von Stevie gelebt wird.

Haben Sie ähnliche Erfahrungen wie Stevie gemacht?

Meine Eltern waren auch Hippies. Bei uns gab es ständig ein Fest zu Hause, im Grunde jeden Tag, es gab so viele Menschen, die bei uns zu Gast waren. Es war exzessiv, und ich fand das anstrengend, weil ich meine Eltern nie für mich hatte. Die Ruhe hat mir gefehlt. Ich habe mich geschämt dafür; andererseits hätten meine Freunde, die zu uns kamen, gern solche Eltern gehabt.

Haben Ihre Eltern Drogen vor Ihnen konsumiert?

Pia Marais

Pia Marais

Sie haben Marihuana geraucht. Wie Eltern sich in diesen Dingen verhalten sollten, ist schwer zu beurteilen, denn wir leben ja in einer Spaßgesellschaft, die den Konsum dieser Dinge toleriert. Es zu verstecken, ist nicht gut, ich finde es besser, offen damit umzugehen. Ich habe nichts dagegen, wenn die Eltern einmal pro Woche einen Joint rauchen. Aber damals als Kind konnte ich den Geruch nicht ausstehen. Hauptsache, die Erwachsenen haben ihr Leben im Griff.

Das Mädchen Stevie weist ihren Vater oft zurück, sie schämt sich für ihn.

Schämen sich nicht alle Kinder in gewisser Weise für ihre Eltern und wünschen sich das, was sie nicht haben? Die Pubertät steht bei dem Mädchen vor der Tür und sie beginnt sich abzugrenzen, das hat nicht so viel mit dem Vater zu tun. Jeder hat so eine Erfahrung. Meine Mutter ist Schwedin und mein Vater ein südafrikanischer Schauspieler, ich erinnere mich, wie ich in Südafrika auf die Waldorfschule kam. Weil dort niemand Schwedisch sprach, war mir das so peinlich, dass ich kein Schwedisch mehr sprechen wollte, wie lächerlich.

Die 14-Jährige entdeckt ihre Sexualität und wird dabei mit der Sexualität der Erwachsenen konfrontiert.

Das Kind sucht Halt bei Ingmar, einem erwachsenen Mann, ein Freund der Eltern, und es ist zu befürchten, dass auch er bei ihr eine Grenze überschreitet. Aber er tut es nicht und hat keinen Sex mit ihr. Für Stevie ist die Liebe, die sie bei ihm sucht, eigentlich die Suche nach Halt. Aus dem Spaß, den sie gemeinsam haben, wird schnell Ernst. Die Bedeutung vieler Dinge ist ihr noch nicht so klar.

Ist es nötig, dass Kinder sich in der Pubertät an den Eltern reiben?

Früher dachte ich das. Mittlerweile bin ich da nicht so sicher, denn ich kenne auch Beispiele, die zeigen, dass Eltern und Kinder sich ohne Rebellion prächtig verstehen. Ich finde trotzdem, Kinder sollten nicht jede Freiheit bekommen. Es sollte Grenzen geben – wann sie schlafen gehen oder dass sie zur Schule gehen müssen. Sie sollten lernen, dass das eigene Verhalten auch Folgen hat. Man beklaut Erwachsene nicht, wie Stevie das in einer Szene tut.

Haben Sie gegen Ihre Eltern rebelliert?

Ja, ich habe eine Weile aufgehört in die Schule zu gehen. Fast zwei, drei Monate. Das war die totale Verweigerung. Ich wollte unbedingt auf meine alte Schule zurück und habe mich am Ende durchgesetzt.

Sollten Eltern weniger egoistisch sein?

Heute wollen viele Eltern alles, einen Beruf, eine Karriere und die erfüllte Beziehung, aber das alles steuert auf eine Ich-Gesellschaft zu. Ingmar mit seinem Verantwortungsgefühl bildet im Film die Ausnahme. Stevies Eltern denken, was für sie gut ist, muss für das Kind gut sein. Ihr Kind beginnt sich abzunabeln, was ihnen noch nicht so bewusst ist. Für mich sind die "Die Unerzogenen" eine archaische Geschichte über das Erwachsenwerden, es geht um Verlust und Trennung.

Susanne Gupta, Filmjournalistin, flog fast von der Internatsschule, weil sie gegen die Vorschriften rebellierte.

Fotos: RealFiction Filmverleih







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