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Tüttelkram!

Interview mit Debora Weber-Wulff

16.9.2011 | Oliver Koehler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Debora Weber-Wulff und Mitarbeiterin

Debora Weber-Wulff und Mitarbeiterin

2001 musste Debora Weber-Wulff, Professorin für Medieninformatik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin (FHTW, heute HTW), mit Entsetzen feststellen, dass zwölf der circa 32 Arbeiten ihrer Studierenden hemmungslos abgeschrieben waren – Copy & Paste aus dem Internet. Damals fing sie an, sich intensiv mit Plagiaten und Plagiatssoftware zu beschäftigen. Als eine der circa 20 "Admins" von VroniPlag – und bis vor kurzem die Einzige, deren Identität bekannt war – ist die Plagiatsforscherin eine gefragte Gesprächspartnerin. Zum Beispiel in einem der größten Skandale der Berliner Republik, der Plagiatsaffäre des ehemaligen Verteidigungsministers und CSU-Politikers Karl-Theodor zu Guttenberg. Im Interview mit fluter.de erklärt die US-Amerikanerin, was sie antreibt und was sie wütend macht – und warum es dringend nötig ist, dass man korrektes wissenschaftliches Arbeiten von Betrug und Täuschung unterscheiden lernt.

Oliver Köhler: Macht es Sie wütend, wenn Sie Plagiate von Doktoranden/innen auf die Schliche kommen? Ist das, was Sie machen, in gewisser Hinsicht auch eine Art Protestaktion?

Debora Weber-Wulff: Ja, klar, das ist ein bisschen Protest. Aber es ist ein Protest gegen die vielen Sachen im wissenschaftlichen Betrieb, die schief laufen. Wir haben mit VroniPlag die Möglichkeit, darzustellen, wo die Probleme liegen. Wenn, zum Beispiel, der Forster Oberbürgermeister die Super Illu zitiert für seine Statistiken, dann hat das keiner kritisch gelesen. Da hat nur einer kurz gelesen, ob da Fußnoten drin sind, und für gut befunden und abgehakt. Das geht nicht. Das kann nicht so sein.

Wissenschaftliches Fehlverhalten

Deswegen möchte ich schon gerne, dass sich was tut in der Bundesrepublik. Mein Ziel war es, dass sich jeder Professor mit dem Thema Plagiat auseinander setzt. Das Ziel haben wir natürlich schon erreicht. Jetzt spricht jeder Stammtisch mehr oder weniger klug darüber, wobei die Leute nicht ganz verstehen, was Plagiate genau sind. Es hat nichts mit Urheberrechten zu tun. Es hat mit wissenschaftlichem Fehlverhalten zu tun, und das hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die DFG, sehr wohl vor langer Zeit definiert.

Sie plädieren also für die Einhaltung der Normen und Standards des wissenschaftlichen Arbeitens?

Ich habe mir gerade von Manuel René Theisen das Buch "Wissenschaftliches Arbeiten: Technik – Methodik – Form" geholt, was jetzt in der 15. Auflage erschienen ist. Das Buch wurde auch um ein Kapitel zum Thema Guttenberg ergänzt. Das ist hervorragend, ganz große Klasse. Da steht ganz klar drin, wie man schreibt. Da braucht sich keiner rausreden, dass es nichts gibt; oder dass der Doktorvater gesagt hätte, dass man das so machen soll – oder dass etwas Harvard-Stil sein soll, wenn es das eindeutig nicht ist. Tüttelkram! Sie sollen sich damit beschäftigen, was wissenschaftliches Arbeiten ist und wie man dokumentiert, wo man sich was geholt hat. Wie man klarstellt, was von einem selber ist und was von jemandem anders. Das ist die wissenschaftliche Redlichkeit, und ich möchte, dass die eingehalten wird.

Sie werden schon 2002 in Telepolis als "Spurensucherin" erwähnt. Wie lange hält Ihr Interesse an dem Thema bereits an?

Seit zehn Jahren beschäftige ich mich mit Plagiatsfragen. 2004 habe ich eine E-Learning-Einheit gemacht mit dem Titel "Fremde Federn Finden", die Dozenten und Lehrer beibringt, Plagiate zu finden. Zur gleichen Zeit habe ich damit begonnen, Plagiatserkennungssoftware zu testen, weil das Zeug nämlich nicht funktioniert. Alle Leute glauben, dass das funktioniert, weil sie eine unglaubliche Ehrfurcht vor Software haben. Sie glauben, Software kann alles. Software kann nicht alles. Plagiat ist mehr als nur Copy & Paste. Plagiat ist sehr viel differenzierter.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Im Januar 2011 hatte ich gerade meinen Test der Presse vorgestellt, als es mit zu Guttenberg losging. Ich bin in die GuttenPlag-Diskussion eingestiegen, und die Presse wollte mit mir sprechen, weil mein Name im Zusammenhang mit dem Thema Plagiate überall steht. Es war eine Art "Self Fulfilling Prophecy".

Ich verstehe meine Rolle bei VroniPlag als Interpretin. Wir sind keine Organisation, es gibt keine Pressesprecherin, aber ich versuche für die Presse zu interpretieren, was da so gemacht wird.

Woher kommt Ihr Interesse an Plagiaten?

Wie so oft in der Wissenschaft ist das ein Thema, das mich gesucht hat. 2001 gab ich ein Seminar auf Englisch, und als ich dann zu Hause die Aufsätze korrigieren musste, war ich angetan davon, wie wahnsinnig toll die Studenten auf Englisch schreiben konnten. So toll, dass ich ein Wort neu lernen musste – und das, obwohl ich Native Speaker und relativ gut bewandert in der englischen Sprache bin. Dann habe ich gegoogelt. So fing das Ganze an.

Ich habe innerhalb von zwanzig Minuten zwei Arbeiten gefunden und habe daraufhin den Studenten gesagt, sie sollten ihre Arbeiten zurückziehen. Ich beschloss dann, alles anzugucken. Zwölf Arbeiten wurden als Plagiate erkannt. Ich war stinkesauer: Bei vielen hatte ich mir schon die Arbeit gemacht, sie zu lesen und zu korrigieren, nur um dann festzustellen, dass das Plagiate sind. Das hat mich wirklich unheimlich wütend gemacht. Ich habe mich dann den ganzen Sommer über aufgeregt. So hat's angefangen.

Dass bei dem Plagiatsfall von zu Guttenberg die Wellen so hochgeschlagen sind in Deutschland, das war schon speziell, oder?

Das gibt's überall. In den USA reagiert man etwas sensibler auf das Thema und es gibt drastischere Strafen. Strafen bringen uns aber gar nichts. Wir müssen ausbilden. Und wir müssen vorleben – als Professoren vorleben. Es gibt auch Leute, die lassen sich von ihren Doktoranden Texte schreiben und veröffentlichen sie als ihre eigenen. Das kann man nicht so verlangen, und da verhält sich die DFG hundertprozentig klar. 1997 wurde das von der Hochschulrektorenkonferenz verabschiedet und 1998 veröffentlicht. Da steht alles kristallklar drin, was wissenschaftliches Fehlverhalten beinhaltet.

Wie kommen Sie bei VroniPlag auf Ihre Themen?

Genauso wie ich mir aussuche, was ich zu Abend essen mag. Ich lasse mir nichts vorschreiben. Manche Sachen kommen mir in den Sinn, manche kommen auf mich zu. Arne Heller lag lange rum, irgendwann hatte jemand Lust, einen Blick darauf zu werfen. Plötzlich stürzen sich alle darauf. Es verläuft eher zufällig. Viele Leute zeigen dann mit dem Finger, aber uns geht es eher um den Anfangsverdacht, sprich: Name, Doktorarbeit, Quelle …

Lerneinheit “Fremde Federn Finden” 2007

Lerneinheit “Fremde Federn Finden” 2007

Der Wert eines akademische Grades

Also ist die Arbeit der Plagiatsaufdecker/innen keine Jagd auf Politiker?

Wir haben den Fall zu Guttenberg nicht initiiert. Vor allem gehen wir gar nicht auf Verlangen von Einsendern ein. Es geht nicht darum, dass wir Politiker absägen. Hier sind Leute, die sich mit Titeln schmücken, auch auf ihren Wahlplakaten, die aber keine Wissenschaftler sind. Für mich soll ein Titel auch das bedeuten, was dahinter steckt. Und der Titel wird entwertet, wenn wir Leuten erlauben, mit so einem Titel rumzurennen, die es nicht sind.

Die Doktoranden/innen zittern bereits vor den "Plagiatsjägern". Sie wollen aber doch keine Angstkampagne anzetteln, oder?

Um Gottes Willen! Es geht auch darum, dass Leute redlich arbeiten. Es geht auch nicht um eine einzige falsche Fußnote. Ich sage ja auch Leuten, dass sie sich das VroniPlag-Wiki angucken sollen. Da stehen keine Vorwürfe. Da wird großflächig dokumentiert, was übernommen wurde. Wir haben zum Beispiel bei einer Arbeit eine der Quellen informiert, der dann zurückschrieb, dass er kein Problem habe mit dem Zitat, denn schließlich stehe die Fußnote da. Aber es steht nicht, wo der Anfang und das Ende vom Zitat sind. Das ist, was mich so stört. So jemand ist kein Doktor.

Sind Sie zufrieden mit der Art und Weise, wie über die Plagiatsfälle in den Medien diskutiert wird?

Das hat nichts mit GuttenPlag oder VroniPlag zu tun, sondern mit der Diskussionskultur in Deutschland, dass man am liebsten nach "argumentum ad hominem" verfährt. Manchmal kann ich die Kommentarteile der großen Netzeitschriften nicht lesen. Da wird auf einer unwürdigen Ebene diskutiert.

Die Uni gehört informiert

Beteiligen Sie sich auch an den Sanktionen oder decken Sie nur auf?

Wir decken nur auf. Wir stellen nur fest, ob die 10-Prozent-Hürde genommen ist. Dann informieren wir die Universität. Ich bin auch der Meinung, dass es egal ist, wie unöffentlich eine Person sein mag. Die Universität gehört informiert. Bevor wir jemanden auf die Homepage setzen, beziehungsweise den Plagiatsvorstoß auf VroniPlag öffentlich machen, wird die Uni als Ansprechpartner immer informiert. Dann kann die Universität selber nachschauen und darauf aufbauen.

Wie nehmen die Universitäten solche Nachrichten auf? So eine Nachricht könnte ja als Rufschädigung ausgelegt werden.

Die Rufschädigung kommt mit der Reaktion. Aber die meisten Universitäten haben sehr positiv reagiert. Auch im Fall Arne Heller reagiert die Uni gut. Die bedanken sich dafür und werden aktiv. Somit hat sich das für uns erledigt. Mir fallen die Presseerklärungen manchmal etwas schräg auf. Bei der Arbeit von Cornelia Scott an der Uni Krakau hieß es, dass sie vier Seiten geprüft haben möchte, wobei wir bereits zwanzig Prozent der Doktorarbeit als Plagiat aufdecken konnten. Ich habe auch weiterhin die Vermutung, dass es sich um mehr handelt als das, nur finde ich die Quellen nicht. Das ärgert mich, weil mir der Fall so klar ist.

Sind Plagiate automatisch Urheberrechtsverletzungen?

Das ist alles von der Presse herbeizitiert worden, weil sie den Unterschied zwischen wissenschaftlichem Arbeiten und Urheberrecht nicht verstehen. Nur die Urheber selber können gegen Urheberrechtsverletzungen vorgehen. Aber die Universität kann – wenn es so in ihrer Prüfungsordnung drin steht und herausgefunden wurde, dass geschummelt wurde – den Titel entziehen. Was auch fälschlicherweise immer wieder im Gespräch war, ist der Begriff Betrug. Das ist ein juristischer Begriff, der mit einem Vermögensschaden einhergeht. Juristisch gesehen passt der Begriff "Täuschung" hier; in dem Sinne, dass man getäuscht hat, welcher Anteil der eigene ist. Das nennt man nur umgangssprachlich Betrug.

Sie arbeiten mit einer Plagiatssoftware. Ist das nicht fehleranfällig?

Das ist alles Handarbeit. Wir nutzen Software, um gewisse Prozesse etwas zu automatisieren, aber die Werkzeuge sind alle primitiv. Es gibt keinen Lackmustest für Plagiate. Die Software kann selten zwischen korrekten und falschen Zitaten unterscheiden. So arbeitet man am besten doch gleich händisch. Auch die Universität Bayreuth empfiehlt beim Verdachtsfall den behutsamen Einsatz von Software mit verständiger Nachbearbeitung. Das ist klasse. Mit dem VroniPlag-Wiki arbeiten viele Leute daran, die Arbeiten zu untersuchen. Und wir sind gut. Es hat noch niemand gesagt, dass wir fälschlicherweise ein Plagiat aufgedeckt hätten. Die Titel werden links und rechts aberkannt.

Oliver Koehler (39) lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Texter und Übersetzer.

Foto, oben: "Prof. Dr. Debora Weber-Wulff und Katrin Köhler, B. Sc."/Foto: ©2011 Axel Völcker, DerWedding.de

Foto, unten: "Prof. Dr. Debora Weber-Wulff und Martin Pomerenke, B. Sc. haben Plagiatserkennungssoftware 2007 getestet"/Foto: ©2007 Axel Völcker, DerWedding.de







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