Wir blicken in die arabische Welt, folgen Protestlern auf Twitter und nehmen an virtuellen Friedenstagen teil. Doch wie hoch ist eigentlich die eigene Bereitschaft zum Protest? Warum nehmen wir bei Facebook überhaupt an Protestaktionen teil? Ist das ein Zeichen, um Freunden sein politisches Interesse zu zeigen, und Facebook ein Kanal für ein neues politisches Bewusstsein? Oder ist alles nur Schein, weil ein "Gefällt mir" zu drücken viel leichter ist als wirklich auf die Straße zu gehen? Wir haben mit dem Kulturwissenschaftler und Protestforscher Klaus Schönberger darüber gesprochen, wie das Internet Proteste verändert und beschleunigt hat.
fluter.de: Herr Schönberger, ist der Begriff "Facebook-Revolution" aus ihrer Sicht passend?
Klaus Schönberger: Für mich als Wissenschaftler ist dieser Begriff schon fast ein eigener Untersuchungsgegenstand. Wie kommen alle darauf, die Dinge, die derzeit passieren, ursächlich mit einer Technik zu erklären? Man kann dazu aber verschiedene Dinge sagen: Erstens spielt die Technik eine Rolle und auch die neuen Medienformate im Internet sind von Bedeutung. Die Technik wie die Medienformate ermöglichen aus meiner Sicht aber nur veränderte Formen der Mobilisierung und der Organisierung des Protestes, aber sie sind nicht die Auslöser für die Ereignisse in Ägypten und Tunesien oder in Madrid. In den Medien wird manchmal der Eindruck erweckt, die Welt würde allein aufgrund der Technik auf den Kopf gestellt. Das ist aber nicht der Fall und eine falsche, weil verkürzte Gesellschaftsanalyse.
Ist der Protest im Netz etwas völlig anderes als der herkömmliche Protest? Oder kann man ihn als Weiterentwicklung der Protesttradition begreifen?
Proteste haben sich immer avancierter Techniken bedient. Das ist also kein neues Phänomen. Die wirkliche Revolution ist die veränderte Organisation von Wissen und die daraus resultierenden Nutzungen. Der Wille zur Versammlung und die soziale Komponente von Protest waren schon immer da. Auch der Protest im Netz ist ja nicht völlig neu. Der erste Schritt war schon die einfache Möglichkeit, Forderungen in Form von öffentlich zugänglichen Webseiten zu publizieren. Früher stand man noch in der Fußgängerzone und wenn es zu kalt wurde, musste man den Tisch zusammenklappen und war damit von der Bildfläche verschwunden. Heute bleiben die Websites der verschiedensten Gruppen aber immer verfügbar. Wir sehen also eine Verschiebung bei der Repräsentation. Jeder kann sich selbst darstellen und das Bild des Protests wird nicht mehr allein durch die klassischen Medien vermittelt. Gerade die gesellschaftlichen Erschütterungen, die die Proteste auslösen, bekommen ein genaueres Bild durch die neue Aufbereitung über verschiedene Kanäle.
Welche Rückschlüsse lassen sich auf die allgemeine Veränderung der Protestgründe schließen?
Die Gründe der Proteste, nämlich die neoliberale Durchökonomisierung fast aller Lebensbereiche, haben sich in den vergangenen Jahren wenig verändert und lassen sich daher keineswegs durch einen besonderen Drang zur Selbstinszenierung infolge neuer Kommunikationskanäle erklären. Aber heute gibt es weniger subkulturelle Lebensstilproteste, sondern immer mehr projektförmige, zeitlich begrenzte Protestaktionen. Der Protest geht nicht mehr um das Ganze oder gar um eine Positionierung außerhalb der Gesellschaft. Viele Menschen engagieren sich in erster Linie gegen einen bestimmten Missstand und sind aber mit dem Rest der Gesellschaft sehr einverstanden. Auch die typischen Versammlungsformen der 1970er- und 1980er-Jahre haben sich offensichtlich überlebt, heute erscheinen Gegenbewegungen nüchterner, geschäftsmäßiger und man spricht von Koordination und nicht von Selbstverwirklichung. Facebook eignet sich für diesen Wandel als Mittel natürlich sehr gut.
Welche verschiedenen Großformen des Netzprotests gibt es für Sie?
Auch hier denkt man am besten in herkömmlichen Kategorien, denn der Netzprotest ist oft eine Weiterentwicklung von bestehenden Formen. Die Onlinepetition ist nichts anderes als eine herkömmliche Unterschriftenliste und Websites haben sehr viel mit Flugblättern gemeinsam. Es gab eine Zeit lang den Versuch selbst im Netz zu protestieren, zum Beispiel durch virtuelle Platzbesetzungen. Aber auch dabei liegt der Rückbezug immer auf bestehenden Formen. Man hat schon eine große Protestwerkzeugkiste, deren Instrumente unter den heutigen Möglichkeiten auf ihre sinnvolle Nutzung geprüft werden. Wirklich entscheidend ist die Funktion des Internets als Möglichkeit der Mobilisierung, die schneller und internationaler sein kann als bisher.
Wie nachhaltig ist denn der Protest im Netz?
Die mangelnde Nachhaltigkeit der heutigen Proteste wird ja von vielen kritisiert. Klar sind solche projektbezogenen Proteste kurzlebiger, aber dafür auch nicht so berechenbar. Es stimmt: Nachhaltigkeit in der Organisationsstruktur gibt es heute einfach nicht mehr, man organisiert, versammelt sich und geht dann wieder seiner Wege. Es geht nicht darum, jeden Menschen zum Politiker zu machen, sondern den Alltag der Menschen zu verändern. Aber ganz ehrlich, auch auf Unterschriftenlisten haben "unpolitische" Menschen unterschrieben, daran hat sich auch nichts geändert.
Welche Rolle spielt der Wunsch nach Anerkennung und der Aufbau eines gewissen sozialen Status bei der Teilnahme an Netzprotesten?
Es gibt natürlich Leute, die Proteste nur bei Facebook toll finden und deren Engagement sich auf einen Gefällt-Mir-Button beschränkt. Na und? Ich finde, dass hier dennoch ein erster Schritt getan wird. Und wenn der Castor dann in ihrer Region ist oder unsinnige Stadtentwicklungsprojekte verhindert werden sollen, sieht das Ganze dann anders aus. Klar mag manchmal auch Show dabei sein, aber warum auch nicht? Die Kritik daran entsteht aus einem Bild des politischen Aktivisten, der sich bedingungslos für "die Revolution" oder "die Bewegung" aufopfert. Aber an den aktuellen Ereignissen in Europa sieht man ja, in welcher Weise ein nicht kleiner Teil der jungen Generation durchaus politisch ist und mehr will, als sich nur in Facebook selbst darzustellen.
Kann der Netzprotest eigentlich als eigenständiger Kanal funktionieren oder bedarf es noch der alten Medien, um Gehör zu finden?
Es gibt kaum Proteste, die nur virtuell stattfinden, eine Verbindung zum realen Leben haben doch die meisten. Das liegt eben vor allem daran, dass die Gründe, sich im Internet zu beteiligen, in erster Linie außerhalb des Internet zu finden sind. Dank der neuen Technik entstehen aber Kommunikationskanäle außerhalb der klassischen Medien. Zum Beispiel gibt es Filme auf Youtube, die ganz ohne Zeitungen oder Fernsehen für Aufmerksamkeit sorgen. Aber meist beginnen sich ab einem bestimmten Moment auch diese Medien dann für den Onlineprotest zu interessieren.
Können Sie einschätzen, wie groß die Wirkung der Netzproteste auf die Politik ist?
Das ist schwierig. Im Prinzip wissen wir nicht einmal, wie groß der Einfluss der klassischen Medien auf die Politik ist. Es hängt von den Umständen ab. Manchmal wird der Druck der Straße abgelehnt und ein anderes Mal wird gesagt, man müsse die Menschen ernst nehmen. Deshalb ist wohl eher die Frage entscheidend, was die Politiker glauben an Stimmung auf der Straße zu erkennen und welche Rückschlüsse sie daraus ziehen. Basisbewegungen artikulieren sich heute sicherlich schneller, aber das heißt noch lange nicht, dass sie tatsächlich alles umwerfen.
Wie schafft der Netzprotest den Sprung auf die Straße?
Wenn man sich beispielsweise die "Pro Guttenberg"-Aktivisten auf Facebook ansieht, stellt man fest, dass es zwar viele Unterstützer im Netz gab, dass aber zu den Demonstrationen nur wenige Anhänger kamen. Es gibt also Protestthemen, die offensichtlich sehr gut bei Facebook funktionieren, bei denen aber im realen Leben die Leute nicht entsprechend motiviert sind, sich zu beteiligen. Aber vielleicht ist es auch ganz anders: Je mehr die Menschen die Möglichkeit sehen, etwas zu verändern, desto größer ist auch ihre Bereitschaft, auf die Straße zu gehen. Das sieht man bei Stuttgart 21. Dort findet man nicht nur eine große Präsenz von Gegnern und Befürwortern auf der Straße, sondern auch im Netz.
Welche Rolle spielen das Internet und die Neuen Medien bei den Jugendprotesten, die im Moment in Europa laufen?
Im Prinzip ist die Rolle ähnlich wie die in Ägypten oder Tunesien. Allerdings gibt es Unterschiede im Zugang zur Technik und den Möglichkeiten, das Netz zu nutzen. Für Jugendproteste in Europa ist das Internet ein viel alltäglicheres Mittel zur Organisation und Mobilisierung. In Ägypten zumindest spielte das Handy und das Versenden von SMS eine viel größere Rolle.
Das Interview führte Birk Grüling.
Foto: ©Streichholz / photocase.com
Klaus Schönberger, dr. rer. soc., lebt und arbeitet als empirischer Kulturwissenschaftler in Wien und Zürich und hat an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) im Departement Kunst und Medien in der Vertiefung Theorie die Dozentur Kultur- und Gesellschaftstheorie inne.
Er forscht über soziokulturellen Wandel und Internetnutzung, den Wandel der Arbeit sowie über Formen und Inhalte des Protestes sozialer Bewegungen.
Er bloggt über kulturwissenschaftliche Technikforschung, die Volkskunde des Bankraubs und Kultur- und Gesellschaftstheorie.
Proteste, Demonstrationen, Revolutionen. Auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung bekommt ihr immer einen Überblick:
Stuttgart 21: Gutachter bestätigen Stresstest
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