Sie sind viele, sie haben kein Gesicht und sie sind wütend: auf Scientology, die NPD, Sony, den IWF, die CIA und den deutschen Zoll und eine Internettauschbörse für Sammelbildchen von Rewe. Deshalb legen sie deren Webseiten lahm und offenbaren ihre Sicherheitslücken im Netz.
Hacker haben meist ein negatives Image. Wenn von ihnen die Rede ist, macht sich schnell das Klischee des kriminellen Internetbösewichts breit. Die Öffentlichkeit reagiert auf ihre Aktivitäten oft pauschal mit Warnungen vor Cyber-Terrorismus. Viel wird derzeit von einem Krieg im Netz gesprochen. Um Deutschland besser vor Cyber-Kriminellen zu schützen, fördert die Bundesregierung seit Mitte des Jahres das Bonner Cyberabwehrzentrum, das Informationen über Angriffe und Internetspionage sammelt und an entsprechende Stellen weitergibt. Was viele nicht wissen. Neben den bösen Hackern gibt es auch welche mit guten Absichten.
Hacktivisten: Sie vergleichen ihre Aktionen mit Demonstrationen wie im echten Leben – beispielsweise, wenn sie die Zufahrtswege zu Webseiten blockieren. Hacktivismus gilt als neue Form einer sozialen Bewegung, die ein Gegengewicht zu den Regierungen und großen Unternehmen darstellen will. Oft agieren ihre Anhänger als so genannte "White Hats" oder "Grey Hats". Letztere arbeiten zwischen gut und böse, weil sie gegen Gesetze verstoßen, allerdings um damit ein höheres Ziel zu erreichen.
Basierend auf alten Westernfilmen wird zwischen "Black", "White" und "Grey Hats" unterschieden. "Black Hats" handeln mit krimineller Energie. Sie dringen in feindliche Systeme ein und zerstören oder beschädigen diese, verbreiten Viren. Sie sind die bösen Cracker. Ein guter "White Hat" hingegen handelt beispielsweise, um seine Idee von Informationsfreiheit zu verbreiten. Viele von ihnen sind Programmierer, die ihr Wissen legal verwenden. Es gibt sogar Firmen, die sie einsetzen, um Sicherheitslücken in ihrem eigenen System zu schließen. Hacker wie Patrick Hof zum Beispiel, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat und heute als so genannter Pentester bei der Redteam Pentesting GmbH arbeitet. Seine Firma gründeten er und ehemalige Kommilitonen aus der Arbeit in einer Forschungsgruppe an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen heraus. "Plötzlich bekamen wir Anfragen von Firmen, ihre Netzwerke und Software auf Lücken zu testen."
"Hacktivismus" ist nicht neu. Bereits im 1984 von Steven Levy verfassten "Hackermanifest" wird der Kampf für Informationsfreiheit dokumentiert. Ähnlichen Grundsätzen fühlt sich bis heute auch der größte, in den 1980er-Jahren gegründete, deutsche "White Hat"-Hackerverein, der Chaos Computer Club (CCC) verbunden. Zu den bekanntesten "Grey Hats" zählen Wikileaks, die durchgesickerte Geheiminformationen über Regierungen, politische Institutionen und große Unternehmen preisgaben, ohne dabei deren Quellen zu verraten. Mitgründer Julian Assange war früher unter dem Pseudonym "Mendax" in der Hackergruppierung International Subversives aktiv. 2010 stellte er mit Wikileaks mehrere tausend militärische Dokumente über den Krieg in Afghanistan online und machte 250.000 Telegramme aus diplomatischen Kreisen der USA publik.
Wir vergessen nicht – rechnet mit uns
Experten sprechen von einer zunehmenden Professionalisierung einer neuen Hackergeneration. Dazu zählt Anonymous. Von ihnen gibt es kein Bild außer einer Maske von Guy Fawkes, die die Gruppenanhänger tragen. Fawkes hatte 1605 ein Attentat auf den englischen König verübt. "Wir sind eine Legion. Wir vergessen nicht. Rechnet mit uns", lautet eines ihrer Motti. Hervorgegangen ist Anonymous aus einer Protestbewegung gegen Scientology. Eine der so genannten Chanology-Gruppierungen agiert in Berlin. Auf der Seite "diemaskegesehen" kann man Kontakt zu ihnen aufnehmen oder man trifft sie auf Großveranstaltungen und Demos, wo sie mit ihren Masken auftreten und interessiert Hereinblickenden einen Flyer in die Hand drücken. "Achtung, hier kommt das Internet", heißt es darauf. Auf der Rückseite geht es um Scientology. Wer sich auf ihrer Homepage umschaut, stellt fest, dass sie sich mit ihrem Protest von anderen Anonymous-Anhängern und deren Aktionen distanzieren. Jeder kann Anonymous werden, lautet die Regel der Gruppe, deren wahre Größe keiner kennt. Was aber nicht bedeutet, dass sie alle zusammengehören oder es eine Hierarchie gibt. Es ist ein einfaches Prinzip: Der Anführer ist nicht zu fassen, wenn der Aufstand keinen hat.
Warum werden junge Menschen Teil des Anonymous-Kollektivs? "Einige Mitglieder sind politisch motiviert und wollen die Welt verändern, andere die Freiheit des Internets verteidigen. Es gibt auch Leute, die es einfach nur cool finden, Teil von Anonymous zu sein. Die sind aber nie lange dabei", sagte Anhänger Lutz Müller (Name geändert). Er gab der Jugendwelle des hessischen Rundfunks YOU FM ein Interview. Ein Typ, Mitte 20, selbstsicher, intelligent, unauffällig, aber kein Nerd. Es ginge ihnen darum, die bedrohte Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit zu verteidigen. Mit Anonymous könnten viele ihrer eigenen Stimme mehr Kraft geben. "Wenn die gerade politisch engagiert sind, kann es gut sein, dass wir versuchen, uns irgendwo in die Politik einzumischen. Wenn es verärgerte Nutzer einer PlayStation-Konsole sind, kann es auch sein, dass sich unsere Aktionen gegen Sony richten", sagte Lutz dem Jugendsender.
Anonymous-Anhänger kommunizieren über so genannte Internet Relay Chats – offene Gesprächsrunden im Netz, die dezentral über mehrere Server laufen. Ihre hacktivistischen Methoden sind vielfältig: Das Erstellen von gefälschten Internetseiten, das Blockieren von offiziellen Seiten durch Überlastung (DDoS) oder die Überfütterung einer Fax-Nummer durch die massive Zusendung von Nachrichten. Viele Jahre war das so genannte "Defacing" eine regelrechte Trendsportart der Szene. Dabei werden Webseiten einfach auf Fakeseiten umgeleitet. Warum Anonymous es nicht auf diplomatischem Wege versuche, bevor sie die Computer von Organisationen, Behörden oder Unternehmen angreifen? "DDoS-Attacken richten keinen Schaden an und seien nichts anderes als eine Sitzblockade", sagte Lutz. Zudem seien sie nicht nur online, sondern auch in der realen Welt aktiv. Viele wollen bei ihren Aktionen auch einfach nur Spaß haben.
Die Gruppe Lulzsec zum Beispiel. Das englische Szenewort "lulz" ist abgeleitet von der Abkürzung LOL für "laugh out loud" (laut lachen). Eigentlich hatte sich die Gruppe im Juni zurückziehen wollen, nachdem sie sich unter anderem mit Sony, CIA und dem US-Senat angelegt hatte. Im Juli kaperten sie dann die Webseite von Ruppert Murdochs Zeitung The Sun, um mit einer Falschmeldung über den Tod des Medienmoguls zu titeln. Im Zuge des Abhörskandals seines Blattes sollte er damit zum Opfer seiner eigenen Methoden gemacht werden.
Hadija Haruna arbeitet für das Radio und schreibt für den Berliner "Tagesspiegel". Sie lebt in Frankfurt am Main und Berlin.
Foto, oben: ©soulcore/ photocase.com
Foto, unten: ©Benedikt Deicke/ photocase.com
Liste aktueller Hackerattacken
Mit dem Beginn des Irak-Krieges stieg die Zahl der Hacker-Attacken an – wie bei jedem internationalen Konflikt. Eine Zusammenstellung der wichtigsten politisch motivierten Attacken von Jasmin Herbell
"Cyber-Terror": Risiken im Informationszeitalter
Nicht nur möglichen Bedrohungen informationstechnischer Systeme muss heute und in Zukunft konkrekt begegnet werden. Auch konventionelle, biologische, chemische oder gar atomare Gefahren spielen eine zunehmende Rolle.
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