Ein hoffnungsloser Anfänger möchte niemand wirklich sein – alle Menschen waren es aber irgendwann schon mal. Das ist eine Botschaft aus dem Buch von Colin MacInnes, einem oft übersehenen britischen Autor mit Mission. Mit "Absolute Beginners" wollte er Minderheiten und Außenseiter in das Licht der Öffentlichkeit rücken und das Londoner Milieu aus einer unbekannten Perspektive zeigen. Denn dort kannte er sich wie kaum ein Autor seiner Zeit aus: Seine Freunde und Liebhaber waren Hipster, Schwule und Prostituierte. Mit ihnen trank MacInnes, der kein Hehl aus seiner Bisexualität machte, nachts in den Kneipen des Vergnügungsviertels Soho, während er tagsüber Kolumnen für Zeitungen schrieb und für die BBC arbeitete. Solche schillernden Charaktere finden sich auch in seinem Buch wieder.
Die Kritiker fanden, dass seine Themen und sein Erzählstoff an sozialen Realismus erinnerten und dass sein Stil wegen seiner Liebe zum Detail und der Art der Beobachtung oft Reportage-ähnlich sei. Diese Einordnung lehnte MacInnes entschieden ab: Er wollte nicht nur ein Bücher schreibender Journalist sein; lieber ein ernst zu nehmender Autor.
Mit seinen Romanen, schrieb er in "England, half English" (1961), wolle er gegen die Ignoranz der bürgerlichen Gesellschaft angehen und dabei helfen, "Parallelgesellschaften" aufzulösen. MacInnes war der Auffassung, dass gebildete und wohlhabende Engländer oft nichts vom Leben anderer Gesellschaftsschichten wissen wollten. Er aber wollte mit seiner Literatur wachrütteln und Ignoranz bekämpfen, wo er auf sie traf.
Mit dem Erscheinen von "Absolute Beginners" 1959 kam endlich die literarische Anerkennung: Das Buch über die "Teenage Revolution" in London wurde zu einem Kultbuch, zu seinem größten literarischen Erfolg und war Inspirationsquelle für Subkulturen wie die Mods und für Musiker wie Paul Weller und Billy Bragg.
Mit viel Haltung und Biss beschrieb MacInnes die Szene, die kulturelle Revolte und den heftigen Konflikt, bei dem sich Kriegsgeneration und Nachkriegsjugend mit Verachtung und Unverständnis gegenüberstanden. Mit dem Aufkommen von Subkulturen wie den Teddy Boys, den Hipstern und Teens, für die Musik und Mode von immenser Bedeutung waren, sahen sich die damaligen Erwachsenen von dem aufkommenden jugendlichen Selbstbewusstsein bedroht. Britische "youngster" galten – etliche Jahre vor der Hippie-Zeit – als kriminell und gefährlich.
Auch weil sich mit der "Teenage Revolution" zum ersten Mal eine junge, aufstrebende Käuferschicht entwickelte, die sich Dinge leistete, die kein Erwachsener kannte. So beschreibt der in London geborene und in Australien aufgewachsene MacInnes den Shoppingrausch der Jugendlichen: "Kids in den Läden, die Gitarren kauften oder ein Vermögen für die Songs der Top Twenty ausgaben, Hemdengeschäfte und BH-Läden mit Photos von Filmstars im Schaufenster, die alle nur Teenagersachen verkauften, Friseure, wo die Leute Stunden brauchten, um den Kids Wellen zu legen, Kosmetikläden, in denen Mädchen von siebzehn, fünfzehn oder auch erst dreizehn Jahren zu blassen, ausgepumpten Geschöpfen gemacht wurden."
Besonders deutlich zeigt der Roman den Kontrast zwischen Jung und Alt in seiner geglückten Sprache. Der rotznasige Slang macht dieses zeitlose Buch über Teenager ungeheuer schön. MacInnes schafft es, dass die Sprache in "Absolute Beginners", obwohl sie typisch für eben die Zeit und die Subkulturen, in der sie verortet ist, noch heute wirkt – wegen ihrer großen Lebendigkeit.
Die Sprache nimmt den Leser mit in die Welt des namenlosen 18-jährigen Protagonisten, der unbedingt Fotograf werden will und ziellos wie eine Flipperkugel auf seinem Motorroller durch die Stadt rast. Mit Freunden trifft er sich in rauchigen Kellerclubs, immer auf der Suche nach Jazzmusik, Sex und neuen Reizen. Der Protagonist ist der Prototyp des Absolute Beginners, des hoffnungslosen Anfängers, der von Beziehungen und Sex und dem Ernst des Lebens noch keine Ahnung hat. Der Absolute Beginner verkörpert aber auch eine Reinheit und Unschuld, die in Klarsicht münden kann.
"Die Kids leben auf den Straßen – das heißt, sie halten sie besetzt, und selbst wenn man im Wagen vorbei möchte, muss man um Erlaubnis bitten; die Teenager sind meistens Teddy-Typen und die Chicks werden so schnell erwachsen, dass es so etwas wie richtige kleine Mädchen kaum gibt", berichtet die Hauptfigur.
Teddy-Typen, Teddies, Teds waren Jungs im London der 1950er-Jahre, die wegen ihrer Uniform aus Samtjacketts und Röhrenhosen und wegen ihrer zurückgegelten Frisuren auffielen. Im Roman werden sie symbolisch von dem kurz angebunden Ed-the-Ted verkörpert. Der Protagonist jedoch ist das genaue Gegenteil: offen, experimentierfreudig, befreundet mit einer jüdischen Familie und mit der lesbischen Zuhälterin Big Jill, die im Keller seines Mietshauses wohnt. In einem migrantisch geprägten Viertel, das mit dem Fantasienamen Napoli bezeichnet wird. Der Erzähler wird im Lauf der Geschichte zum literarischen James Dean stilisiert, denn er rebelliert gegen alles, was ihm gegen den Strich geht – vor allem gegen die Welt der Erwachsenen.
Seine Ex-Freundin Suze, die sich mit einem "Modemenschen" aus der Oberschicht eingelassen hat, versucht der junge Wilde zurückzugewinnen. In der Musical-Verfilmung von 1986 – Titelsong: David Bowie – wurde die Funktion von Suze, gespielt vom damaligen It-Girl Patsy Kensit, aufgebauscht. Passend dazu trägt sie Petticoats, die in MacInnes' Roman nun wirklich gar nicht vorstellbar sind.
London Riots August 2011
Rassistisch motivierte Straßenunruhen
Oft ist es beeindruckend, wie prophetisch dieses Großstadtdrama ohne Happy End ist. Der Rassismus alt eingesessener Londoner gegenüber Einwanderern aus der Karibik und aus Afrika spielt eine wichtige Rolle in dem Roman – wie auch in MacInnes' anderen beiden "London Novels", "City of Spades" und "Mr. Love & Justice".
Gegen Ende kulminiert diese Anspannung in Straßenunruhen, bei denen sich junge Schwarze gegen Rassisten und nationalistische Teds zur Wehr setzen. Im Ende des Romans verarbeitete der Autor seine Eindrücke der rassistisch motivierten Unruhen, die 1958 im Londoner Bezirk Notting Hill aufflammten und mit denen der Fremdenhass in der britischen Hauptstadt gewaltsam an die Oberfläche trat. In einer Schlüsselszene beschreibt MacInnes, wie ein vom aufgewiegelten Mob verfolgter Westinder im Laden eines weißen Gemüsehändlers einen rettenden Unterschlupf findet. Die Szene beruht auf einer wahren Begebenheit auf der Latimer Road, die der detailbewusste Autor in der Presse verfolgt hatte.
MacInnes selbst interessierte sich in vielfältiger Weise für die schwarze Kultur – zum einen als schreibender Propagandist des Londoner Black-Power-Aktivisten Michael X, zum anderen suchte er die Nähe zu schwarzen Männern auch privat. Man kann in seinen Büchern einen unterschschwelligen Rassismus herauslesen, wenn er etwa schwarze Männer als sexuell attraktive Objekte beschreibt. Zum Beispiel einen afro-karibischen Londoner in "Absolute Beginners", der der Hauptfigur "verdammt zivilisiert" erscheint.
Der damalige Erfolg von "Absolute Beginners" liegt sicher auch in seiner großen Nähe zum Zeitgeschehen begründet. Mit ähnlicher Wut wie bei den "Notting Hill Riots" brannte London 1981 bei den Unruhen im Bezirk Brixton und 1985 in Tottenham. Zuletzt brach sich die Wut der englischen Jugend, unzufrieden mit ihrer Situation und ihren Zukunftschancen, im August 2011 Bahn. Doch davon hat MacInnes, der 1975 starb, nichts mehr mitbekommen.
Colin MacInnes: Absolute Beginners (Allison & Busby 2011, 384 S., 11.80 €, auf Deutsch vergriffen, bzw. bei zvab erhältlich)
Martin Steinmetz ist freier Journalist und lebt in Berlin.
Foto: "London Riots August 2011 in Camden"/hughepaul/CC BY 2.0
Buchcoverabbildung: ©Allison & Busby
Colin MacInnes-Porträt in der Zeit, erschienen 1986 anlässlich der Filmpremiere
Text aus der Welt über die Traditionslinie von Jugendunruhen in Großbritannien
Musikvideo: David Bowies "Absolute Beginners", der Titelsong zum gleichnamigen Film von Julien Temple
Filmkritik zum Musicalfilm "Absolute Beginners", verfilmt von Julien Temple
Wikipedia über Michael X
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