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Von Belgrad bis nach Istanbul

Eine Tour durch den Balkan

24.9.2011 | Gülseren Ölcüm | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Du fliegst nach Serbien? Was willst du denn da?", fragte mich meine Friseurin entsetzt. Sie selber wurde im Kosovo geboren. Und sie fügte hinzu: "Die Serben sind komisch – sie sind nicht so offen." Solche und andere vorurteilsbeladene Bemerkungen musste ich mir häufig vor meiner Balkantour anhören. "Der Kosovo? Das ist doch ein Kriegsgebiet!" Oder: "Pass schön auf deine Organe auf. Du wirst bestimmt von der Organmafia entführt!"

 

''Sofia Free Tour''

''Sofia Free Tour''

Auf meinem Flug nach Belgrad, der ersten Station meiner dreiwöchigen Balkantour, komme ich mit meiner Sitznachbarin in's Gespräch. Sie ist Serbin und lebt schon etliche Jahre in Berlin. Ihr Sohn ist Dozent an der TU Berlin, erzählt sie mir stolz. Als sie hört, dass ich noch in den Kosovo fahren will, kippt die Stimmung. "Was willst Du denn da?", fragt sie geschockt. Als ich auch noch Albanien erwähne, ist es ganz aus. "Nach Albanien? Also, die Albaner sind komisch. Die wollen alles für sich haben!"

Auf meiner anderen Seite sitzt Filip, ein 22-jähriger Jurastudent aus Belgrad. Gerade hat er noch voller Begeisterung von Belgrads Partyszene berichtet. Doch als es jetzt um den Kosovo geht, klingt er wehmütig. "Im Kosovo liegt das Herz der serbischen Kultur. Jahrhundertealte Kirchen stehen da, aber alle wurden zerstört. Kannst Du dir das vorstellen?" Und er fügt hinzu: "Ich war noch nie dort, aber an deiner Stelle würde ich da nicht hingehen. Es ist gefährlich. Vor allem jetzt." Filip spielt auf die Ausschreitungen serbischer Extremisten im Juli 2011 an der serbisch-kosovarischen Grenze an.

Wenn man dem Gehörten Glauben schenkt, scheinen im Balkan also alle komisch zu sein.

Belgrad: Nein zur Nato

In Belgrad hat die Geschichte tiefe Narben hinterlassen. Die Wände sind voll mit Graffitis, in denen ein NATO-Beitritt abgelehnt wird. Auch Ana, eine Studentin, die ich kennenlerne, wird emotional: "Immer sind die Serben schuld. Egal, was passiert." Mit wem man auch ins Gespräch kommt, über kurz oder lang geht es um das Thema Kosovo. Alle wollen darüber reden. Ana berichtet von serbischen Hooligans, die mit abmontierten serbischen Autokennzeichen nach Bosnien fahren und diese dann an bosnische Autos anbringen. Bosnier, die ein Auto mit solch einem Kennzeichen sehen, demolieren dieses anscheinend umgehend. So erhält sich der Kreislauf der Abneigung.

Als wir Belgrad mit dem Zug Richtung Sofia verlassen, läuft eine kleine Musiktruppe auf dem Bahnsteig den Zug hinter, spielt Balkanmusik und fotografiert die hinausschauenden Fahrgäste. Die Zugfahrt dauert mehr als zehn Stunden, drei Grenzkontrollen inklusive. Die bulgarischen Grenzpolizisten checken jeden Pass genau, und sie nehmen den halben Zug auseinander. Man will den Schmuggel von Zigaretten aus Serbien in den EU-Raum verhindern. Trotz der gründlichen Suche wird nichts gefunden. Als die Grenzpolizisten den Zug verlassen haben, fangen viele an, erleichtert zu lachen. Diesmal hatten alle Glück!

Sofia: ein Balkon für den Fall der Fälle

Als die älteren Männer, die mit mir im Abteil sitzen, hören, dass ich in den Kosovo fahre, bricht unter ihnen eine endlos scheinende Diskussion auf Serbisch aus. "Echte serbische Schokolade" wird mir angeboten, mit der Versicherung: "Nur in Serbien gibt es Demokratie!"

Nach zehn Stunden geht es raus aus dem Zug und rein in die Stadt. In Sofia findet zweimal täglich die "Sofia Free Tour" statt. Eine studentische NGO will den Touristen ihre Stadt vorstellen. Mit den Spenden werden verschiedene Projekte unterstützt. Bei der Tour erfahre ich, dass an dem Gebäude der bulgarischen Nationalbank ein "Selbstmordbalkon" angebracht ist, damit der jeweilige Direktor sich bei einer Staatspleite das Leben nehmen kann. Gebrauch hat davon aber bisher niemand gemacht.

Skopje: volle Gassen, Feierlaune

Selbstmordbalkon in Sofia

Selbstmordbalkon in Sofia

Jetzt geht es mit dem Bus nach Skopje. Mazedonien ist im Umbruch. Das merkt man vor allem in der Hauptstadt. Die Straßen sind voller Baulärm, aber so gut wie menschenleer. "Die sind jetzt alle in Ohrid", erzählt mir Zlatko. "Ohrid ist das Monaco des Balkans!", berichtet er stolz. An den Ohridsee strömen die Mazedonier jeden Sommer. Dort entspannen und feiern sie dann ausgiebig.

Nach einer Portion Tavche Gravche – das ist ein klassisches mazedonisches Nationalgericht aus weißen Bohnen – geht es abends in das Viertel rund um den alten Bazar. Die Gassen sind voll mit jungen Leuten, die Wasserpfeife rauchen und Bier trinken. Die hohe Arbeitslosenquote, über 30 Prozent, und die wirtschaftlich schwierige Lage hält die Mazedonier nicht davon ab, ihr Leben zu genießen. Das berichtet auch Zlatko.

Ferizay: offene Türen

Endlich erreiche ich den Kosovo. Einige Tage zuvor erst kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen an der serbisch-kosovarischen Grenze. Laut dem Auswärtigen Amt sollte man die Grenze meiden und sich generell im Kosovo vorsichtig verhalten. Ich wage es trotzdem. Im Bus lerne ich Qendresa kennen, eine Psychologiestudentin. Sie lädt mich ein, bei ihr in Ferizay, einer kleinen Stadt nahe Pristina, zu übernachten.

Von Ausschreitungen merkt man hier nichts. Jeder geht seiner Arbeit nach, viele junge Menschen sitzen gemütlich in Cafes. Und abends zieht man aufgetakelt auf die Piste. Überall dröhnt laute Musik auf die Straße, an der ein Club neben dem anderen legt. Wenn man nach den jüngsten Geschehnissen an der serbisch-kosovarischen Grenze fragt, kommt meist nur ein Achselzucken. "Das ist doch normal", sagen die Leute, "nichts Besonderes!". Und: "Der Kosovo ist ein sicheres Land. Hier in Ferizay schließen wir nicht einmal die Türen ab!"

Pristina: Blej Shqip

Auch in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, begegne ich einer gelassenen Bevölkerung. Keinen kümmert es, was ein paar Tage zuvor an der Grenze passiert ist. Während in Serbien fast jeder über kurz oder lang auf den Kosovo zu reden kommt, interessiert das Thema hier im Kosovo offenbar keinen. "Das ist doch alles nicht mehr wichtig – wir haben gewonnen und nur das zählt", sagt Qendresa. Die enge Beziehung zu Albanien wird überall deutlich. Stets weht die albanische neben der kosovarischen Flagge, und überall sieht man Graffitis: Blej Shqip – kaufe albanisch! Auf vielen Straßenschildern wurden die serbischen Bezeichnungen geschwärzt.

Die Busroute nach Tirana, dier Hauptstadt Albaniens, führt über die Albanischen Alpen, das Prokletije. Mit wummernden Balkanbeats geht es über steile Bergstraßen und enge Kurven. Direkt an der Grenze jedoch kommt unser Bus zum Erliegen. Belegschaft und Passagiere versammeln sich interessiert um die Motorhaube. Es wird wild gestikuliert, geschraubt, gedreht. Aber nichts will den Bus wieder zum Laufen bringen. Eine geschlagene Stunde später tut es dann ein Stück Holz und ein Abschleppdienst.

Tirana: das Erbe des Diktators

Das Abenteuer Albanien kann nun beginnen. Der Weg ins Landesinnere ist voll mit Mahnmalen und "Welcome to Albania"- Schildern. Tirana, die Hauptstadt, ist bunt, laut und voll. Überall gibt es Bars und Clubs, die voller zurechtgemachter junger Menschen sind. Das Leben in Tirana ist günstig, jedenfalls für westeuropäische Verhältnisse. Dennoch kämpft Albanien mit einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Die Bevölkerung leidet unter der hohen Arbeitslosigkeit und den Nachwirkungen der langen Isolation des Landes, die der stalinistische Diktator Enver Hoxha betrieben hatte. Nach dem Sturz des kommunistischen Regimes kam es zu einer Massensauswanderung.

Von Albanien reise ich über Thessaloniki nach Istanbul. Die Türkei gehört zwar, sind sich die meisten einig, nicht mehr zum Balkan, aber vor allem zum Fastenmonat Ramadan herrscht in Istanbul eine einzigartige Stimmung, die man nicht verpassen sollte. Allabendlich findet ein großes Picknick statt. Wenn Iftar, das abendliche Fastenbrechen, naht, dann versammeln sich die Istanbuler entweder in den großen Iftarzelten, die von der Stadt bereitgestellt werden, oder am Sultanahmet-Platz. Dann wird aufgetischt, was das Herz begehrt. Die Stimmung ist ausgelassen, und die Gelage dauern bis in die Morgenstunden. Bis ein neuer Tag des Fastens anbricht.

Istanbul: Bald "iranische Verhältnisse"?

Aber noch etwas anderes beschäftigt die Istanbuler diesen Sommer. Ein neues Gesetz verlangt, dass in dem Ausgehviertel Beyoglu während des Ramadans keine Tische auf der Straße stehen dürfen. Einige meinen, dass damit der Alkoholkonsum auf den Straßen während des Ramadans eingeschränkt und vor allem die Lärmbelästigungen eingedämmt werden sollen. Andere sehen schon "iranische Verhältnisse" aufziehen. "Das ist hier Iran Nummer 2", wird getuschelt.

Für die Gastronomen ist die Verordnung eine Katastrophe. Draußen dürfen keine Tische stehen, drinnen darf nicht geraucht werden. "Und wohin mit den Wasserpfeifen?", fragt ein Kellner. Viele wollen sich das nicht gefallen lassen. Es werden Unterschriften gesammelt, es wird demonstriert. "Keine Ahnung, wer was hier will und wohin die Türkei treibt", sagt ein Student auf einer Demo am Galataturm.

Am Ende der erlebnisreichen drei Wochen stelle ich fest: Der Balkan ist vielseitig und spannend. Und Vorurteile sind dazu da, wiederlegt zu werden.

Gülseren Ölcüm ist 26 Jahre alt und macht gerade im dänischen Aarhus ihren Master in Journalismus.

Fotos: ©Gülseren Ölcüm



Links

Mehr zu der Stadtführung "Sofia Free Tour"
Kosovo-Eintrag bei Wikipedia

Diskussionsplattformen zum Balkan: balkanforum.info, balkanforum.org und balkanblo.org


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