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Ein Jahr am Ende der Welt

Als Austauschschüler in Harbin, China

10.9.2011 | Philip Mayer | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Was hältst du von einem Austausch?" Das wurde ich bei einem Treffen, bei der sich die Austauschorganisation Rotary International in meiner Schule vorstellte, gefragt. Mit dieser Frage begann ein Abenteuer, das mich um die halbe Welt tragen sollte, in ein Land, das die meisten von uns nur aus Büchern oder dem Fernsehen kennen. Und von denen, die schon mal da waren, gibt es kaum jemanden, der sich getraut hat, die großen Städte zu verlassen und sich den vom Tourismus verschont gebliebenen Teil des Landes anzuschauen. In diesem Land, von dem die meisten von uns nur eine verschwommene Vorstellung haben, habe ich zehn Monate lang gelebt. Ich habe ein Jahr als Austauschschüler in China verbracht.

Austauschschüler und ihre chinesischen Freunde

Austauschschüler und ihre chinesischen Freunde

Nachdem ich an meiner Schule einen Vortrag über Schüleraustausche gehört hatte, wusste ich sofort, dass ich das machen wollte. Mir war gleich klar, dass ich nicht in die USA, nach Australien oder Neuseeland gehen wollte. Ich wollte ein vollkommen neues Land sehen und eine vollkommen neue Sprache lernen. Zu dieser Zeit hatte ich bereits vier Jahre lang die chinesische Kampfsportart Wing Tsun ausgeübt. Deswegen, und weil mein Vater häufig beruflich nach Asien reiste und mir immer viel von seinen Erlebnissen dort berichtet hatte, fiel meine Wahl auf China.

Also bereitete ich mich vor, nahm Sprachkurse, schrieb Bewerbungen für Austauschorganisationen und Stipendien und las eine Menge Bücher und Magazine über China. Meine Freunde und Verwandten verstanden erst mal gar nicht, warum ich in ein so weit entferntes Land fahren wollte. "Was willst du bloß in China?" Diese Frage habe ich fast täglich gehört.

Kalt erwischt

Nach monatelangem Warten darauf, dass meine Austauschorganisation AFS mir mitteilt, in welchen Teil Chinas ich kommen würde, erfuhr ich es endlich: Ich würde nach Harbin gehen. Harbin, eine 10-Millionen-Stadt im Nordosten Chinas, irgendwo zwischen Korea und Sibirien, ist bekannt für ein Festival, bei dem gigantische Statuen und ganze Häuser aus Eis gebaut werden. In Harbin wird es im Winter schon mal minus 30 Grad kalt. Normalerweise hört es um Weihnachten herum auf zu schneien, weil es dafür einfach zu kalt ist.

Ich war erst mal total baff. So hatte ich mir mein Jahr in China nicht vorgestellt! Aber schnell fing ich an, mich auf meine Gastfamilie zu freuen. Und ich schaffte es, mich mit dem Gedanken anzufreunden, minus 30 Grad zu ertragen. Und nach dem, was man im Netz recherchieren konnte, sah das Eisfestival aus, als ob es die Kälte wert wäre.

Am 19. August 2010 stieg ich dann mit den 25 anderen deutschen Austauschschülern in das Flugzeug nach Peking. In Peking trafen wir uns mit den mehr als hundert anderen Austauschschülern aus aller Welt: Jungs und Mädchen aus Italien, Frankreich, Belgien, den USA, der Schweiz, Thailand, Australien, Japan, Neuseeland, der Türkei, Finnland, Norwegen, Dänemark, Schweden, Russland, Kanada oder Venezuela.

Ich fühlte mich erst mal total verloren – alle redeten wie selbstverständlich auf Englisch miteinander und wirkten total offen und locker. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis auch ich mich getraut habe, Englisch zu reden. In den nächsten zwei Tagen wurden wir noch ein bisschen vorbereitet auf das, was uns in unseren Gastfamilien erwarten würde. Und dann ging es los.

Langer Schulalltag

Am 22. August kam ich, nach über einem Jahr Planung und Vorbereitung, endlich in Harbin an. Nachdem meine anfängliche Euphorie, endlich in China zu sein, verflogen war, fiel ich erst mal in ein tiefes Loch. Es war alles so anders als in Deutschland, alles so fremd. Zu allem Überfluss konnte ich noch nicht einmal wirklich mit meiner Gastfamilie reden: Meine Gasteltern konnten gar kein Englisch und mein Gastbruder auch kaum. Und mein Chinesisch war damals noch mehr oder weniger auf "ni hao" (hallo) und "xiexie" (danke) begrenzt. Aber Gott sei Dank gab es an der chinesischen Schule, auf die ich ging, noch ein paar andere Austauschschüler, die die gleichen Probleme hatten. Sie wurden für mich zu einer Art Familie.

Die Schule in China ist komplett anders als hier in Deutschland. Sie geht von sieben Uhr morgens bis zwanzig vor sieben am Abend. Danach macht man üblicherweise noch Hausaufgaben oder lernt. Also, an alle Schüler, die das lesen: Ihr habt keine Ahnung, wie gut es euch in Deutschland geht! Ich und die anderen Austauschschüler hatten "nur" von sieben bis zehn nach vier Unterricht, separat von den Chinesen. In der Klasse sprachen unsere Lehrer Chinesisch. Unterrichtet wurden wir in Geschichte, Geographie, Sport, Musik, Informatik, Chinesisch, chinesischer Kunst, Kalligraphie und chinesischer Poesie.

Nach den ersten Monaten in China begann ich, mich an das Leben dort zu gewöhnen; an die chinesische Sprache, an die Enge – mein Zimmer war nur halb so groß wie mein Zimmer in Deutschland – und an den Lärm und den Gestank der Großstadt. Und an das chinesische Essen. Das chinesische Essen besteht meist aus Reis und Nudeln, aber in so vielen Variationen, dass einem auch nach zehn Monaten nicht damit langweilig wird. Ich kann inzwischen nicht mehr sagen, ob mir das deutsche Essen besser schmeckt oder das chinesische. Es gibt aber ein paar Gerichte, von denen wird einem als "Westler" schon vom Anblick schlecht, beispielsweise Larven, Käfer, Skorpione, Hundefleisch, Füße von Hühnern, Ohren von Schweinen und grüne Eier. Es braucht Überwindung, so was zu probieren. Aber wenn man sich dann traut, schmeckt es meistens gar nicht so schlimm. Bis auf die grünen Eier, die schmecken einfach wie vergammelt.

Ein Heimweh-Weihnachten

Ein Buddha aus Schnee auf dem Eisfestival

Ein Buddha aus Schnee auf dem Eisfestival

Im Oktober wurde es kalt. Die Temperaturen sanken erst unter Null, dann unter minus 10, dann unter minus 20. Dann hörte es auf zu schneien. In den Bussen und vielen Gebäuden hatten sich dicke Eisschichten an den Fenstern gebildet, zwei bis drei Zentimeter dick. Um Weihnachten herum sah man an vielen Orten in der Stadt Kunstwerke aus Eis – von einfachen Mauern bis zu mehreren Metern großen Statuen. Die meisten internationalen Touristen kommen wegen des Eisfestivals nach Harbin. Weil es in Harbin sehr kalt ist und auch lange so kalt bleibt, bleibt Eis über mehrere Monate gefroren. Deshalb werden überall in der Stadt Kunstwerke aus Eis aufgestellt. Außerhalb von Harbin gibt es sogar eine ganze Stadt aus Eis zu sehen.

Dieses erste Weihnachten weg von Zuhause war das schlimmste Weihnachten, was ich jemals erlebt habe. Ich musste in die Schule gehen und hatte geplant, danach die ungefähr 30 anderen Austauschschüler aus Harbin zu einer kleinen Feier zu treffen. Aber ich war schon ein paar Tage krank und fühlte mich den ganzen Tag elend. Um fünf Uhr war ich wieder im Haus meiner Gastfamilie und legte mich gleich ins Bett. Weihnachten wurde in meiner Gastfamilie gar nicht gefeiert. Ich hatte Heimweh und wollte zurück nach Deutschland und Weihnachten mit meiner Familie feiern. Das Neujahr entschädigte mich aber dafür. Es kamen andere Austauschschüler aus ganz China nach Harbin zu Besuch, darunter deutsche Austauschschüler, mit denen ich mich angefreundet hatte.

Die Neuerfindung der Einfachheit

Am 3. Januar wurde das chinesische Neujahr gefeiert, der Beginn des "Jahres des Hasen". Mit meiner Gastfamilie fuhr ich in ein kleines Dorf, zu der Familie meiner Gastmutter. Dort fiel mir erst einmal die Kinnlade runter: Abgesehen von ein paar Bäumen, die an der einzigen Straße aus dem Dorf heraus standen, gab es nichts. In alle Richtungen und so weit das Auge reichte: nichts. Dabei bin ich das Ländliche gewohnt; in Deutschland wohne ich in einem 5.000-Einwohner-Kaff. Aber das kann man nicht mit einem ländlichen Ort in China vergleichen.

In diesem Dorf wohnten ungefähr 200 Menschen. Es gab einen Laden, in dem ich nach Cola fragte, worauf ein "mei you" kam: Haben wir nicht. Darüber hinaus gab es kein Gebäude, das mehr als ein Stockwerk hatte. Fließendes Wasser gab es nur zu bestimmten Uhrzeiten und keineswegs in jedem Haus. Außerhalb des Ortes befanden sich die Plumpsklo-Häuschen: eines für Männer, eines für Frauen, jeweils einfach vier bis fünf Löcher im Boden.

Wir feierten dann mit zwanzig bis dreißig Leuten, die von überall her gekommen waren. Einer meiner Gastonkel war über 1.000 Kilometer aus dem Süden Chinas angereist. Zu dem Frühlingsfest werden Unmengen von Essen gereicht, und es wird fast noch mehr getrunken als gegessen. Die Männer betranken sich ein- bis zweimal am Tag. Es war eine anstrengende Woche. Aber es war auch eine Erfahrung, die ich für nichts in der Welt hergeben würde.

Nach einem Ausflug nach Shanghai in Frühsommer ging es auf das Ende meines China-Aufenthalts zu. Mir fiel es schwer, zu begreifen, dass ich bald wieder in Deutschland sein würde. Also machte ich alles ein letztes Mal – aß das letzte Mal in meinen Lieblingsrestaurants, schaute mir das letzte Mal Harbins Straßen und Häuser an und ging das letzte Mal in die Schule. Und dabei merkte ich, dass Harbin, das mir am Anfang zu groß, zu lärmig, zu dreckig und überhaupt zu ungewohnt war, mir mittlerweile so ans Herz gewachsen war, dass ich nicht mehr von dort weggehen mochte.

Viel zu schnell aber musste ich nach Peking reisen und sah dort meine neuen Freunde noch ein letztes Mal, bevor ich in das Flugzeug nach Deutschland stieg. Dabei war ich mindestens so aufgeregt wie damals, als ich nach China kam. Als ich in Frankfurt ankam, fühlte ich mich erst mal total verloren. Alles war nun "deutsch". Zwischen den vielen großen, blauäugigen Menschen fühlte ich mich total fehl am Platz – als ob ich nicht dorthin hingehörte. Mein Deutsch war seltsam eingerostet: Mir fielen wichtige Wörter nicht ein, und in meinem Kopf war ein einziges Tohuwabohu aus Deutsch, Englisch und Chinesisch.

Es dauerte ein paar Wochen, bis ich mich wieder einigermaßen verständlich ausdrücken konnte. Und auch jetzt suche ich manchmal noch nach Wörtern. Aber ich bin stolz auf dieses eine Jahr. Es war eins der besten meines Lebens, und ich werde es niemals vergessen.

Philip Mayer (17) lebt in Hebertshausen und geht auf das St. Anna Gymnasium in München.

Fotos: ©Philip Mayer



Links

China-Blog von Philip Mayer (geschrieben für die Volksbank Raiffeisenbank Dachau)

Die Schüleraustauschorganisation AFS

Die offizielle Harbin-Seite (engl.)


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