Leif Randt
Offensichtlich scheint für Leif Randt nach seinem Erstling "Leuchtspielhaus" der Zeitpunkt gekommen, das angesammelte symbolische Kapital, bestehend aus Schulterklopfen, Preisen und Lobpreisungen, umzutauschen in die harte Währung echter Zahlen. Mit der Veröffentlichung von "Schimmernder Dunst über CobyCounty" geht nämlich ein aufwendiges PR-Tamtam einher, das sich nun offenbar bitteschön auf dem Buchmarkt niederschlagen soll. Der Wirbel um Leif Randt ist durchaus nachvollziehbar. Wenn man einige seiner Sätze gelesen hat, bleibt der Eindruck zurück, dass es sich um bedacht gesetzte Literatur handelt, der jede Exaltiertheit, jedes Übermaß fremd ist. Hier beherrscht jemand schlichtweg sein Handwerk.
Auf also in die schimmernd-dunstige Welt von CobyCounty, einem Sehnsuchts- und Ferienort der weltweiten Kreativwirtschaft, wo gediegen gefeiert wird, wo man noch Kultur hat, wo man durchweg zufrieden lebt. Der dort geborene und aufgewachsene Ich-Erzähler Wim Endersson – Literaturagent von Beruf, blasiert aus Gewohnheit – bewegt sich durch das Tagesgeschäft aus Strandpartys, bunten Drinks und höflichen Plaudereien. Fast möchte man CobyCounty als "Schöne Neue Welt" labeln. So unsinnig ist das auch gar nicht; der Roman macht deutliche Anleihen beim dystopischen Roman.
Denn etwas scheint faul zu sein in dem Ort: Es existiert eine, natürlich ebenfalls hedonistische, mysteriöse Untergrundbewegung. Außerdem verlässt Wims bester Freund Wesley nach einem Alptraum seiner esoterisch bewanderten Mutter überstürzt die Stadt. Aber die Leseerwartungen, die sich an diese Andeutungen knüpfen, laufen ins Leere; programmatisch für Randts Text, der immer wieder verschiedene Genres anzitiert (den Katastrophen-, Liebes- und politischen Roman), diese Genreschablonen aber nicht ausmalt.
Randt spielt ein perfides Spiel mit seinen Lesern/innen, die dieser Gängelung willig nach dem Trial-and-Error-Prinzip folgen, deren Erwartungen jedoch zumeist ins Leere laufen. Man benötigt nicht viel Phantasie, um vorauszusehen, dass genau dies die Leserschaft in zwei unversöhnliche Lager spalten wird. Die Einen werden in dieser durchreflexierten Schreibe die bisher stichhaltigste Antwort auf die immer mal wieder postulierte "Krise des Erzählens" entdeckt haben wollen. Und Andere werden finden, dass eine Metaebene allein noch keinen Roman macht und dass ein handfester Plot dem Roman gut täte. Die Berufsleser jedenfalls, immer schon dem ersten Lager zugehörig, haben Randt bereits in ihr Herz geschlossen.
"Manchmal", sagt der Erzähler Wim an einer zentralen Stelle, "erstaunt es mich, dass mein vom Dasitzen und Lesen dominierter Alltag trotzdem ständig Risiken bereithält. Jede Entscheidung kann falsch sein, jede Formulierung gefährlich, jede E-Mail verletzend. In den seltenen Augenblicken, in denen mir das schlagartig bewusst wird, komme ich mir handlungsunfähig vor."
Wie findet man das? Entweder: Wie herrlich ironisch! Und dann dieser mit Alltäglichkeit durchzogene Ton, mit dem der Autor sich von der Erzählerfigur und ihrem banalen Reflektionsvermögen abgrenzt – so gelungen können nur wenige vom Erzählen erzählen! Oder: Och ne, schon wieder so ein Schnösel, der auf dem Bildschirm seines Macbooks sein persönliches Spiegelstadium ausficht. Immer diese Luxusprobleme in der Literatur, das ist die wirkliche "Krise des Erzählens". Wer will so was lesen? Entscheiden Sie selbst.
Leif Randt: Schimmernder Dunst über CobyCounty (Berlin Verlag 2011, 224 S., 18.90 €)
Moritz Scheper, 26, schreibt zurzeit seine Magisterarbeit. Nebenbei arbeitet er als freier Autor.
Foto: ©Simon Vu
Wikipedia Eintrag zu Leif Randt
Eine Selbstauskunft von Leif Randt bei volltext.net
Interview in der Zeit mit Leif Randt
"Romantic Comedy Journal", ein Text von Leif Randt auf lit07.de
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