Berauschter Grenzverkehr

Eine Reportage über den Drogenschmuggel von den Niederlanden nach Deutschland

2.10.2011 | Andreas Pankratz | Artikel drucken

Der Tag fing gut an für Manfred Purps und Frank Linden. Gleich bei ihrer ersten Kontrolle am frühen Morgen ging den beiden Zollbetriebsinspektoren von der Kontrolleinheit Verkehrswege in Emmerich ein Schmuggler ins Netz. Der Niederländer hatte versucht, 75 Pillen der Ersatzdroge Methadon über die Grenze nach Deutschland zu bringen. "Die sind hierzulande illegal", sagt Linden. Einige Stunden später sitzt er mit seinem Partner wieder im grün-weißen Einsatzwagen und lauert auf den nächsten Drogentransport. 

Konzentriert beobachten die beiden Beamten den trägen Vormittagsverkehr auf der A 3. Für den Zoll ist die niederländische Grenze ein heißes Pflaster. Jährlich überqueren viele Tonnen Kokain, Heroin, Marihuana oder Ecstasy im Kofferraum oder sonstwo im Wagen versteckt die 570 Kilometer lange Grenze zwischen Aachen und der Nordsee. In Kaffee, Autoreifen oder beispielsweise Konservendosen gelangen die Substanzen über die Grenze – die Beamten kennen die Tricks ihrer Klientel. "Wir verlassen uns oft auf unser Bauchgefühl, wenn wir jemanden rausholen", sagt der 51-jährige Purps. Nach über 30 Dienstjahren hat er einen Riecher für verdächtige Autofahrer und deren Automobile entwickelt. Und muss mal einer seinen Führerschein und Fahrzeugpapiere auf dem Standstreifen der Autobahn vorzeigen, verrät den Beamten schon die Körpersprache, ob sich ein genauerer Blick in das Innere des Wagens lohnt. Besonders im Fokus haben sie potentielle Schmuggler, die ihre berauschende Ware massenweise auf dem deutschen Drogenmarkt weiterverkaufen wollen. "Wir haben es auf die großen Fische abgesehen", sagt Linden, ohne dabei überheblich zu klingen.

"Wir haben es hier mit schwerer organisierter Kriminalität zu tun" 

Von denen tummeln sich in der Region zwischen der Bundesrepublik und den Niederlanden nämlich eine ganze Menge.  "Die Zahlen sprechen für sich", sagt Ulrich Schulze, Pressesprecher beim Zollfahndungsamt Essen, einer Art Kripo des Zolls. Demnach hat die Behörde im vergangenen Jahr rund 1.600 Ermittlungsverfahren gegen Drogendelikte eingeleitet – kleinere Vergehen von Coffee-Shop-Besuchern spielen in dieser Statistik keine Rolle. Zentnerweise hat allein das Essener Amt in diesem Zeitraum Rauschgift mit einem Straßenverkaufswert von 19 Millionen Euro sichergestellt. Zwar werden viele Drogen aus aller Welt auch über die deutschen Flughäfen eingeschleust, doch richtet sich die Aufmerksamkeit der Fahnder vor allem auf die Grenzregion.

"Die Niederlande sind ein bedeutendes Transit-Land für alle möglichen illegalen Substanzen", sagt Schulze. Dafür gibt es mehrere Gründe. Für regionale Drogenringe macht zum einen die unmittelbare Nähe zur Region Rhein-Ruhr mit mehr als 10 Millionen Einwohnern den deutschen Markt so attraktiv. Außerdem nutzen sie auf illegalen Wegen die hoch entwickelte Infrastruktur der flächenmäßig kleinen Niederlande. Mit dem Seehafen Rotterdam besitzt die ehemalige Kolonialmacht einen der größten der Welt; der Flughafen Schiphol in Amsterdam ist der fünftgrößte in Europa. "Wir haben es hier mit schwerer organisierter Kriminalität zu tun", sagt Schulze. Denn nicht zuletzt wegen der in der Vergangenheit eher liberalen Drogenpolitik des Landes konnten die Rauschgift-Bosse, die ihre Plantagen beispielsweise in Südamerika und Nordafrika haben, über Jahrzehnte die Strukturen für Import, Export und Verkauf des Rauschgifts aufbauen.

Allerdings hat der Druck auf die Drogenbarone, die Schattenmänner und die Kartelle zugenommen – auch weil Nachbarländer wie Deutschland und Frankreich direkt von dem Problem betroffen sind und die Niederlande zum Handeln aufforderten. Die größten Auswirkungen hatte das Umdenken der Niederlande im Bereich der synthetischen Drogen, die wie Cannabis überwiegend im eigenen Land hergestellt werden. Die Regierung intensivierte seit Mitte der neunziger Jahre den Einsatz von Polizei, Justiz und Zoll gegen die Drogenmafia; Jahr für Jahr ließen die Drogenbekämpfer in der Folge Dutzende Plantagen und Labore hochgehen. Mitte des vergangenen Jahrzehnts erreichte die Aufklärungsdichte ihren Höhepunkt, die Fahnder entdeckten schließlich nur noch wenige Produktionsstätten.

Das ist nicht unbedingt eine gute Nachricht. "Die Drogenbanden haben die Einrichtungen nach Deutschland verlegt", sagt Schulze von der Zollfahndung. In der Bundesrepublik kochen und züchten seither immer mehr verborgene Fabriken die Rohstoffe für den Rauschgift-Markt. Zu Beginn des Jahres hat die Essener Behörde mit Kollegen vom Klever Sachgebiet Westgrenze beispielsweise ein großes Drogenlabor im sauerländischen Neuenrade hochgenommen, bei dem auch ein Niederländer involviert war. Und erst kürzlich entdeckten die Fahnder im Keller eines Restaurants in der Nähe der Grenze 850 Cannabispflanzen. Der Betreiber der Gaststätte und der Plantage: ebenfalls ein Niederländer.

Neue Regelung für Gras-Gäste

Doch auch die Deutschen selbst machen gerne mit beim narkotischen Austausch zwischen den Ländern: allen voran die Besucher der Coffee Shops entlang der Grenze. "Ameisenverkehr", sagen die Inspektoren Linden und Purps dazu. Auf dem Flur der Kontrolleinheit in Emmerich hängen ausrangierte Schilder an den Wänden, die an die Zeit erinnern, als die Beamten an festen Grenzanlagen beinahe jede Frau und jeden Mann nach ihren Papieren gefragt haben. Daneben stehen zwei Glasvitrinen – voll mit Zubehör für den Drogenkonsum. Dutzende Haschischpfeifen, Bongs mit Klebebildchen drauf  und bunte Döschen, in denen Liebhaber der Droge ihren Stoff über die Grenze bringen wollten. Trophäen von erfolgreichen Kontrollen und Anschauungsmaterial zugleich. "Unsere Auszubildenden müssen ja wissen, womit sie es zu tun haben", erklärt Linden die Notwendigkeit der Sammlung. 

Womit sie es zu tun haben, das sind Tausende meist jüngerer Deutscher, die in die Niederlande fahren, um sich mit kleinen Mengen Rauschmitteln zu versorgen. Zwar ist der Besitz und der Verkauf von Drogen dort theoretisch ebenso verboten wie in Deutschland – das niederländische Gesetz duldet jedoch die Abgabe und den Konsum kleiner Mengen. Bereits in den siebziger Jahren haben überall im Land die ersten Coffee Shops eröffnet. Die kontrollierte Abgabe von Drogen sollte den kriminellen Straßenhandel verhindern und vor allem, dass die Konsumenten mit anderen, lebensgefährlichen Drogen wie Heroin oder Ecstasy in Berührung kommen. "Das ging ordentlich nach hinten los", meint der Zollbeamte Linden. "Der Schwarzmarkt blüht trotzdem und zieht viele Drogentouristen an."

Gerade die Gras-Gäste aus dem Ausland will die niederländische Regierung in Zukunft nicht mehr sehen. Noch in diesem Herbst soll eine Regelung in Kraft treten, wonach nur Niederländer Coffee Shops betreten und somit auch nur sie Haschisch und Marihuana kaufen dürfen. In diesem Vorstoß spiegelt sich eine zunehmende Ablehnung gegenüber der bisherigen Praxis. Einige Städte gehen bei der Vergabe der Konzessionen längst viel strenger vor als früher und verbannen teilweise die beliebten Rauchstuben aus dem Zentrum, weil sie ihr Drogen-Image abstreifen wollen. Die Bürgermeister aus Großstädten wie Amsterdam und Eindhoven sind jedoch gegen die neue Regelung. Und das aus ganz eigennützigen Motiven. In Amsterdam etwa kauft Schätzungen zufolge jeder vierte der vier Millionen Besucher jährlich Drogen in den legalen Gaststätten. Somit würden Amsterdam Steuereinnahmen in Millionenhöhe entgehen. An ihrer Arbeit jedenfalls, da sind sich die Zollbeamten Manfred Purps und Frank Linden ganz sicher, wird die neue Drogenpolitik des kleinen Nachbarn nichts ändern. Zu blöd – denn in den Glasvitrinen ihrer Kontrolleinheit ist gar kein Platz mehr für weitere Kiffer-Utensilien.

Andreas Pankratz ist Volontär der Bundeszentrale für politische Bildung

alle Fotos: ©Bundesministerium der Finanzen/ zoll.de



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