"Wir sind alle Sünder"

Ein Gespräch mit Sophia Kuby von der "Generation Benedikt"

18.9.2011 | Florian Beisswanger | Artikel drucken

Im Vorfeld der Deutschlandreise von Papst Benedikt XVI wird heftig über den ersten offiziellen Staatsbesuch debattiert. fluter.de hat die Sprecherin des Mediennetzwerks "Generation Benedikt", Sophia Kuby, gefragt, warum sie ein Fan des Papstes ist, was ihr Glauben bedeutet, was sie von modernen Lebensformen hält und ob sie sich vorstellen könnte, einer Generation anzugehören, die in ihrer Bezeichnung einen weiblichen Namen enthält.

Florian Beisswanger: Liebe Sophia Kuby, am kommenden Donnerstag kommt der Papst zu seinem ersten offiziellen Staatsbesuch nach Deutschland. Im Olympiastadion werden ihm Tausende zujubeln, darunter viele junge Menschen. Woher kommt die Begeisterung für einen 84-jährigen alten Mann?

Sophia Kuby: Die Begeisterung hat man ja schon beim Weltjugendtag in Madrid gesehen, da waren es zwei Millionen Menschen, die durchweg jung und begeistert waren vom Glauben. Die Begeisterung gilt natürlich nicht irgendeinem alten Mann, sondern einem, der uns Hoffnung zuspricht. Einem, der die wirklichen Sehnsüchte und Wünsche, die wir junge Menschen in uns tragen nach dem Großen und nach einem sinnerfüllten Leben, anspricht und darauf substantielle Antworten gibt. Er tut nichts anderes, als um die Welt zu reisen, um uns zu zurufen: Gott liebt euch. Er lädt uns ein, eine Freundschaft mit diesem Gott einzugehen. Das wird er auch bei seinem Deutschlandbesuch wieder tun. Das Leben wird dann ein richtiges Abenteuer, und dafür ist dieser alte Papst ein wunderbares Beispiel. Er lebt das vor in einer Weise, die man selten findet.

Am selben Tag werden Tausende gegen ihn am Potsdamer Platz demonstrieren. Gründe gibt es viele: die Diskriminierung von Lesben und Schwulen, die generelle Haltung der Geschlechter- und Sexualpolitik, dass man lieber Aids riskieren sollte als Geschlechtsverkehr mit Kondomen zu haben.

Natürlich ist Berlin ein spezielles Pflaster, es leben dort weniger Katholiken. Der Papst stößt hier also erwartungsgemäß auf eine feindlichere und weniger katholische Öffentlichkeit als zum Beispiel in Freiburg und Erfurt. Was ich dabei schade finde, ist, und das betonen wir auch als "Generation Benedikt" immer wieder, dass diese Fokussierung auf einige wenige Reizthemen es der breiten Öffentlichkeit fast unmöglich macht, überhaupt einmal zu hören, was die katholische Kirche eigentlich wirklich sagt. Zudem ist die Debatte, wie sie in Medien und in der Öffentlichkeit geführt wird, stets verkürzt, verzerrt und nicht selten durch Fehlinformation gekennzeichnet. Stichpunkt Lesben und Schwule: Diskriminierung von Homosexuellen ist nicht die Haltung der Kirche. Die Kirche sagt: "Wir sind alle Sünder." Sie und ich, wir alle. Auch der Papst. Es gibt also nicht irgendeine Gruppe von Menschen, die Sünder sind, und alle anderen sind die Schar der Seligen. Eine solche Haltung wurde übrigens schon sehr früh und immer wieder in ihrer 2000-jährigen Geschichte von der Kirche als falsch und sogar als Häresie klar zurückgewiesen.

In welcher Form?

Wir sind alle Menschen mit Fehlern und Schwächen, wir können fallen und wieder aufstehen. Die Kirche verzweifelt nicht am schlechten Verhalten des Menschen, sondern sagt: "Steh wieder auf, lauf weiter, hier ist der Weg, wie du dein Leben gut leben kannst." Für dieses "gute Leben" gibt es nun nach christlicher Sicht bestimmte Lebensweisen, die dazu förderlich sind, und andere, die es weniger sind. Dazu gehört, dass Sexualität nur in einer bestimmten Ordnung ihren eigentlichen Platz hat, nämlich in der Ehe von Mann und Frau, mit der Möglichkeit, dadurch neues Leben weiterzugeben. Homosexualität bleibt damit immer defizitär und ist damit, um es nüchtern auszudrücken, nach christlichem Verständnis der falsche Gebrauch der Sexualität, die den Menschen letztlich nicht glücklich macht, weil sie ihm letztlich nicht entspricht. Das ist eine Auffassung, die man nicht teilen muss, aber es ist jedenfalls keine Diskriminierung.

Aber noch mal: Die Reduzierung auf diese gewissen Reizthemen Sexualität, Homosexualität, Kondome gehen an der eigentlichen Kirchenkrise vollkommen vorbei. Die eigentliche Kirchenkrise liegt sehr viel tiefer, an einer, wie der Papst sagt, "Entleerung der Seelen". Die eigentliche Krise liegt darin, dass wir gar nicht mehr wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Der eigentliche Sinn des Lebens ist uns abhanden gekommen. Wir finden keine tragende Antwort mehr auf diese Fragen, die doch im Grunde jeder in sich trägt.

Bei all den Kritikpunkten fragt man sich, ob die katholische Kirche überhaupt im 21. Jahrhundert angekommen ist. Ihre Organisation "Generation Benedikt" sagt, die Kirche müsse sich nicht am Zeitgeist orientieren. Doch so verschläft sie Trends und ist eher out. Leere Kirchenbänke zeigen dies jeden Sonntag. Wie kann sie diesem Trend entgegensteuern?

Natürlich muss die Kirche ständig nachdenken, wie sie ihre Botschaft in der Zeit, in der wir leben, an die Menschen bringen kann.

Zum Beispiel?

Wie kann sie in der heutigen Welt so kommunizieren, so dass sie verstanden wird? Das ist ein ganz großer Punkt. Wenn sie in einem innerkatholischen Jargon kommuniziert, den heute niemand mehr versteht, weil wir nicht mehr katholisch oder christlich sozialisiert sind, dann ist das ein Problem der Kirche. Das muss sie lösen, nicht die Gesellschaft. Das ist ein großes Feld, wo die Kirche viel Fortschritt machen kann.

Und in ihrer Haltung zu modernen Lebensformen, sollte sie sich da nicht mehr am Zeitgeist orientieren, dass sie wieder für mehr Leute attraktiver wird?

Das ist nicht die Lösung. Beispiel: die protestantische Kirche. Dort sind die modernen Lebensformen alle akzeptiert. Homosexuelle bekommen den Segen, wenn sie eine "Ehe" eingehen wollen, es gibt Frauen, die Bischöfe sind. Es gibt nichts mehr in der protestantischen Kirche, wo sie gegen so genannte moderne Lebensformen Kante zeigt.

Also ist dann eine Radikalisierung besser?

Eine Radikalisierung im guten Sinn. Keine Radikalisierung, in der man polarisiert. Aber klare christliche Botschaften statt immer nur Leichtverdauliches, das ich überall anderswo auch finden kann, ja. Die Kirche ist offen für alle, das ist ganz klar und das ist die Botschaft, die der Papst jedem gibt. Wo zieht es denn die jungen Leute heute hin? Mehr als der Papst versammelt niemand auf der Welt. Es zieht uns dahin, wo wir wirkliche Antworten erhalten auf wirkliche Fragen, einmal fernab vom ständigen Gedöns. Es zieht uns zu einer Botschaft hin, die tiefer geht. Was ist eigentlich meine Bestimmung, der Sinn meines Lebens und was gehört dazu? Ganz klar gehören auch die ethischen Fragen des persönlichen Lebenswandels dazu. Wenn wir einmal den Blick von der deutschen Kirchenkrise auf die Situation der Weltkirche lenken, sehen wir, dass die jungen Leute in Scharen zum Papst kommen, wo immer er einlädt, weil sie von ihm Antworten bekommen, die die Gesellschaft nicht mehr geben kann.

Aber einige laufen ihm auch davon, indem sie aus der Kirche austreten. Stichwort: Missbrauch!

Klar, 2010, das Missbrauchsjahr, hat natürlich ein Rekordhoch an Austritten verzeichnet. Das Geschehene und zu Tage Getretene erschüttert uns alle. Das war natürlich für nicht wenige der endgültige Anstoß, der Kirche den Rücken zu kehren. Auch langfristig geht der Trend zu weniger Mitgliedern, weniger Trauungen und weniger Taufen. Allerdings ist der Papst Hüter der ganzen Kirche. Auch uns in Deutschland tut es gut zu sehen, dass dies ein ganz spezifisches Problem der europäischen und westlichen Länder ist. In allen anderen Erdteilen blüht und wächst die Kirche.

Aber dennoch ist es ein Problem und es ist vorhanden. Deshalb stellt sich die Frage, soll der Zölibat abgeschwächt oder ganz abgeschafft werden?

Wir müssen doch nur unsere Augen aufmachen und schauen, was bewährt sich und was nicht. Wenn man Krisenmanagement macht, dann tut man gut daran, zunächst einmal die Erfahrung zu analysieren, die man gesammelt hat. Der Papst hat einmal sinngemäß gesagt, wir könnten eigentlich unseren protestantischen Glaubensbrüdern dankbar sein für das Experiment der radikalen Modernisierung und Demokratisierung ihrer Kirche, wozu die Abschaffung des Zölibats gehört. Sie zeigt nämlich, dass wir dadurch kein Problem lösen. Ich bin jedem Priester, jeder Ordensfrau dankbar, der und die den Zölibat überzeugend lebt und uns dadurch zeigt, dass es mehr gibt im Leben als nur das Diesseits, dass es einen persönlichen Gott gibt, der allein genügen kann.

Und die protestantische Kirche ist ein schlechtes Beispiel?

Die Erfahrungen aus der protestantischen Kirche zeigen, dass so die genannte Glaubenskrise nicht bewältigt werden kann. Dass die Austritte nicht weniger, sondern mehr werden. Von der religiösen Praxis unter Protestanten ganz abgesehen.

Ist das nicht zu einfach gesagt, auf die evangelische Kirche als eine Art Experimentierfeld zu blicken. Und sich in der katholischen Kirche nicht zu reformieren, beziehungsweise sich sehr gering zu reformieren?

Es geht darum, sich auf das zu besinnen, was der Auftrag der katholischen Kirche ist, nämlich das Evangelium zu verkünden. Selbst der Papst kann nicht einfach sagen, was er will. Er ist Verwalter einer Wahrheit, die ihm anvertraut wurde durch Gott selbst. Diese Wahrheit kann die Kirche nicht willkürlich verändern oder anpassen, wie es gerade das jeweilige gesellschaftliche Klima fordert. Sie zu verkünden, ist ihr eigentlicher Auftrag, den sie mit Klarheit und Mut in einer Zeit erfüllen muss, die weitgehend taub für Gott geworden ist. Ich glaube, wenn sie diesen missionarischen Auftrag wieder mehr ins Zentrum rückt, gewinnt sie wieder an Anziehungskraft und Strahlkraft.

Sie selbst gehören der "Generation Benedikt" an, die auf der ganzen Welt gut vernetzt ist. Ziel ist es, den katholischen Glauben in angemessener Weise zum Ausdruck zu bringen. Die meisten jungen Leute würden sich heute eher als "Generation Facebook" bezeichnen. Wie wollen sie diese bekehren?

Wir wollen Zeugnis geben von unserem Glauben als junge Menschen, die genauso in unserer heutigen Kultur leben wie alle anderen auch. Wie das auf andere wirkt, haben wir nicht in der Hand. Unsere Aufgabe sehen wir unter anderem darin, in der Öffentlichkeit und gerade in Medien der Kirche ein junges Gesicht zu geben, ein Gesicht, das sie nicht nur auf dem Weltjugendtag mit zwei Millionen Jugendlichen hat. Aber es geht uns auch darum, Glaubensbildung und Möglichkeiten zur Auseinandersetzung anzubieten. Unser Grund des Entstehens ist, dieses junge Kirchengesicht zu zeigen, in authentischer Weise.

Würden sie auch eine Generation Maria, Rachel oder Elisabeth begrüßen?

(lacht) Das kommt darauf an, wer Maria, Rachel oder Elisabeth ist …?

Eine Päpstin.

Wir teilen natürlich die Haltung der katholischen Kirche, was Frauen im Priestertum angeht, und da hat sich zuletzt Papst Johannes Paul II, als er noch lebte, klar geäußert. Wir maßen uns nicht an, der Kirche bessere Vorschläge zu machen. Wir vertrauen schon darauf, dass sie in dieser Frage in einem sehr gründlichen und langwierigen Entscheidungsprozess zu einem Urteil gefunden hat. Im Übrigen fühle ich mich als Frau in der Kirche nicht benachteiligt, nur weil ich nicht den gleichen Zugang zu den Ämtern habe. Es geht in der Kirche ja nicht um ein Ämterstreben, sondern es geht darum, meinen Glauben zu leben.

Frau Kuby, herzlichen Dank für das Gespräch.

Foto, oben: privat

Foto, unten: Plakatmotiv "Popestar Bene 2011", Berlin; Illustration: ©Eléonore Roedel/Foto: ©Florian Beisswanger 

Zur Person:

Sophia Kuby ist Sprecherin des Mediennetzwerks "Generation Benedikt", das aus dem Weltjugendtag in Köln 2005 hervorging. Der "Generation Benedikt" gehören Jugendliche und junge Erwachsene an. Ziel ist es, den persönlichen Glauben, die Beziehung zur Kirche und die daraus resultierenden Überzeugungen in der Öffentlichkeit zu erklären und sich dazu zu bekennen. Kuby ist seit ihrem 18. Lebensjahr Katholikin und studierte Philosophie in München. Sie ist ehrenamtlich bei den "Christdemokaten für das Leben" tätig. Seit 2010 arbeitet sie hauptberuflich für eine christliche Lobbyorganisation in Brüssel. Ihre Mutter ist die Soziologin und katholische Publizistin Gabriele Kuby.



Links

Das Mediennetzwerk "Generation Benedikt"

Religion und Gesellschaft: Das Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung fasst den Stand einer schwierigen Beziehung zusammen.