"Al Qaida ist gescheitert"

Der Wissenschaftler Herfried Münkler zu den Folgen des 11. September

11.9.2011 | Florian Beisswanger | Artikel drucken

Zehn Jahre nach den Terroranschlägen in den USA zieht der renommierte Politikwissenschaftler Prof. Dr. Herfried Münkler Bilanz. Im Gespräch mit fluter.de erklärt der Experte, welche historische Dimension der 11. September 2001 hat, wie Deutschland im Falle eines terroristischen Attentats reagieren würde und warum er glaubt, dass die Terroristen von Al Qaida gescheitert sind.

Herr Prof. Dr. Münkler: Als vor zehn Jahren die USA von den Terroranschlägen in New York und Washington erschüttert wurden, hörte man viele Experten von einem Paradigmen- oder Epochenwechsel sprechen. Hat solch ein Wechsel stattgefunden? Wie schätzen Sie die historische Dimension ein?

Man muss zwischen dem Ereignis und den sehr starken Bildern davon unterscheiden. Die Bilder haben eine eigene Realität geschaffen. An jedem neuen 11. September laufen sie wieder über das Fernsehen. Sie haben Besitz ergriffen vom kollektiven Gedächtnis einer ganzen Generation. Von den Bildern her ist der 11. September also ein Geschichtszeichen wie der Atompilz von Hiroshima. Von den langfristigen Folgen her ist er das nicht unbedingt. Er hat zwar durchaus zu Veränderungen geführt, aber er hat nichts oder kaum etwas mit dem zu tun, was uns seit Jahren so sehr beschäftigt: Die Abkoppelung der Finanzmärkte von der Weltwirtschaft, die Schuldenkrise Europas, der ökonomische Aufstieg Chinas und Indiens. Auch die arabische Welt ist weiter im Blick des Westens, aber weniger wegen des islamistischen Terrors als viel mehr, weil sie politisch in Bewegung gekommen ist, wie die Revolutionen in Ägypten und Tunesien oder der Fall Gaddafis zeigen.

Der Augsburger Soziologe Peter Waldmann vertritt die These: Terroristen geht es nicht um Zerstörung an sich. Terrorismus sei viel mehr eine Kommunikationsstrategie. Hat der Empfänger der Nachricht – die USA, die westliche Welt – zu laut auf die Anschläge geantwortet? Wäre eine leisere Antwort eventuell effektiver gewesen?

Jedenfalls eine raffiniertere und genauer durchdachte.

Zum Beispiel?

Man hätte Al-Qaida sicherlich effektiver bekämpfen können, ohne in Afghanistan einzumarschieren, einfach indem man seine Überlegenheit mit Marschflugkörpern und Kampfdrohnen ausgespielt hätte. Man hätte sich nicht an ein unsere Kräfte vermutlich überforderndes Projekt gebunden, wie es die Transformation der afghanischen Gesellschaft darstellt. Mag sein, dass so ein Vorgehen als eine allzu zynische Antwort unsere demokratische Gesellschaft überfordert hätte. Sicherlich aber hätten die USA und ihre Verbündeten nicht in den Irak einmarschieren sollen.

Heute würde man also nicht mehr so reagieren?

Ich glaube, dass Demokratien immer wieder zu solchen Überreaktionen neigen, und zwar aus zwei entgegengesetzten Motivationen heraus: Einerseits spielt die unmittelbare Rache natürlich eine Rolle. Oder vielmehr die Tatsache, dass es in Demokratien eine öffentliche Meinung gibt, die Regierungshandeln beeinflusst. Regierungen werden abgestraft, wenn sie als zu lasch oder zu schlapp gelten. Andererseits fragt sich die Öffentlichkeit aber auch: Warum sind denn diese Leute so verzweifelt, dass sie freiwillig in den Tod gehen? Und ihre Schlussfolgerung lautet: Wir müssen ihnen helfen. Das führt dazu, dass man sich ein Projekt aufbürdet wie die Demokratisierung eines ganzen Landes, Afghanistan zum Beispiel.

Kann man den Kampf gegen den Terrorismus überhaupt gewinnen?

Das hängt davon ab, wie man Sieg und Niederlage definiert. Es handelt sich hier nicht um eine Schlacht. Es ist eine Frage, wer länger aushält, wer das größere Stehvermögen und auch die besseren Nerven hat. In diesem Sinne kann man diese Auseinandersetzung gewinnen. In mancher Hinsicht ist die Auseinandersetzung mit Al-Qaida als Organisation im Übrigen gewonnen.

Weil Osama bin Laden getötet wurde?

Nein, weil Al-Qaida in der arabischen Welt gescheitert ist. Al-Qaida hat im Irak einen hemmungslosen Bombenkrieg gegen Schiiten begonnen. Die meisten Opfer des Terrorkrieges von Al-Qaida sind Muslime. Das hat das Ansehen der Organisation ruiniert.

Kann man rückblickend sagen, dass die Welt gefährlicher geworden ist. Wenn man Zeitungen liest oder Fernsehen schaut, bekommt man den Eindruck, alles ist chaotischer und unsicherer geworden?

Also, die objektive Bedrohung durch den Terrorismus ist eher minimal. Es ist sehr unwahrscheinlich einem Bombenanschlag zum Opfer zu fallen. Die Statistik zeigt, es gibt keine dramatische Bedrohung – trotz der sehr hohen Opferzahlen vom 11. September. Es geht bei der Beantwortung Ihrer Frage daher eher um das Gefühl, ob wir uns unsicherer fühlen. Das ist das schon angesprochene Problem der Bilder: Solange sie in unserem Kopf sind, generieren sie ein Gefühl der Unsicherheit. Darin liegt natürlich das Interesse terroristischer Gruppierungen: Auch mit kleineren Anschlägen immer wieder diese Bilder aufzurufen und Unsicherheit zu schaffen. Das Gefühl: Es kann wieder passieren.

Wie würde Deutschland im Vergleich zu den USA reagieren, wenn es zu einem Terroranschlag kommen würde?

Wir haben gar nicht die militärischen Kapazitäten, um so zu reagieren wie die USA. Was das Risiko einer Hysterisierung der Bevölkerung mit Panikreaktionen betrifft, bin ich mir nicht sicher, wie die Deutschen reagieren würden. Auch wir sind eine Gesellschaft, die ein sehr hohes Maß an Sicherheit genießt. Je mehr Sicherheit es in einem Land gibt, desto zerstörerischer wirken natürlich solche Anschläge.

Haben sie eine Prognose, wie es mit dem Terrorismus weitergeht?

Die Macht von Al-Qaida scheint mir gebrochen. Aber es gibt eine Gefahr, die vom so genannten "homegrown" Terrorismus ausgeht, also jenen Menschen, die zwar nur zu kleinen Anschlägen in der Lage sind, die aber in jedem Zug oder Bus stattfinden könnten. Ich fürchte, die ungeheure Komplexität, die für unsere modernen Gesellschaften typisch ist, hat uns sehr verwundbar gemacht. Eine offene Gesellschaft ist immer der Gefahr von Anschlägen ausgesetzt.

Florian Beisswanger studiert an der Uni Jena und ist fluter.de Praktikant.

Foto: Heinrich-Böll-Stiftung Berlin, Deutschland

Zur Person

Herfried Münkler ist Professor an der Humboldt-Universität Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem die Theorie und Geschichte des Krieges, Risiko und Sicherheit sowie die politische Kulturforschung. Münkler ist Beirat der Bundesakademie für Sicherheit und genießt in der Fachwelt hohes Ansehen. Er hat zahlreiche Werke veröffentlicht, wie das im Jahr 2002 erschienene Buch "Die neuen Kriege", das sich mit den Folgen des 11. Septembers auseinander setzt. Im Jahr 2009 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch für sein Werk "Die Deutschen und ihre Mythen".



Links:

Der 11.September: Eine Studie - Treten nach dem 11. September 2001 Vorurteile und Gefühle an die Stelle von Fakten und Vernunft? Die Studie der Bundeszentrale für politische Bildung untersucht, wie der "Krieg gegen den Terror" demokratische Werte beschädigt, die es dagegen eigentlich zu stärken gälte.

Außerdem stellt die bpb seit 2001 eine vielfältige Linkliste zusammen zu den Folgen des Terrorismus und den verschiedenen Aspekten der internationalen Sicherheitspolitik.