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Auf die Straße. Fertig. Los.

Was macht eine Demonstration erfolgreich?

3.9.2007 | Dominik Fehrmann | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Öffentlicher Protest hat viele Formen. Da gibt es die Klassiker wie Kundgebung, Demonstration oder Sitzblockade. Aber auch eine breite Palette neuer Protestformen. Sie reicht von Radical Cheerleading über Großpuppentheater bis zu Flashmob-Aktionen. Immer unklarer erscheinen dabei die Grenzen zwischen politischer Aktion, künstlerischer Performance und reiner Spaßveranstaltung. Marc Amann beschäftigt sich seit Jahren mit der modernen Protestkultur. Im Interview spricht er über Trends und Probleme, über die Rolle der Medien und die Frage der Gewalt.

Was gibt es an der klassischen Demo auszusetzen?

Sie entspricht nicht mehr dem Lebensgefühl vieler junger Leute. Die haben oft einfach keine Lust, brav hinter einem Lautsprecherwagen herzutrotten. Aber es ist auch eine Frage der Effektivität: Mit einer klassischen Demo findet man heute kaum noch Beachtung, weder bei Passanten noch in den Medien.

Also anders protestieren. Aber wie genau?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Vom politischen Ziel, von der Teilnehmerzahl, aber auch vom Ort der Aktion. Wenn wir – wie demnächst – in Tübingen gegen einen Nazi-Aufmarsch protestieren, kritisieren wir keine umstrittene politische Position. Fast alle Tübinger sind ebenfalls gegen Nazis. Da brauchen wir kein Großpuppentheater aufzuführen, um unseren Standpunkt zu verdeutlichen. Da kann es nur darum gehen, den Aufmarsch zu verhindern oder zu stören. Generell aber gibt es einen Trend zur Kombination verschiedener Protestformen, gerade bei den großen Globalisierungsprotesten.

Welche sind die neuen Trends?

Das Radical Cheerleading etwa, das die traditionellen Cheerleader-Tänze aufgreift und zur Verbreitung politischer, oft feministischer Botschaften nutzt. Dann das erwähnte Großpuppentheater. Verbreitet sind inzwischen auch die Clowns. Sie bringen Humor in die Demo, stehen aber auch für eine Kritik an Gewalt und Militär und versuchen zudem, die Distanz zur Polizei zu überwinden. Diese Protestformen gehören heute zum Repertoire von Globalisierungskritikern auf der ganzen Welt. Auch dank des Internets. Überhaupt hat das Internet die Protestkultur stark verändert.

Inwiefern?


Vor allem hat es zu einer Demokratisierung der Proteste beigetragen. Man kann heute im Vorfeld intensiv über Aktionen beraten, Vorschläge diskutieren und gemeinsam entscheiden. Außerdem werden Informationen viel schneller verbreitet. Aktionen wie Flashmobs sind erst durch das Internet möglich geworden.

Flashmobs sind ein Beispiel für Aktionsformen, die keine politische Dimension mehr zu haben scheinen. Es sieht nach einem Spaß aus, im besten Fall nach Kunst. Nicht nach Protest.

Es gibt subtile Protestformen, die sich nicht gegen etwas Konkretes richten. Sie wirken alleine dadurch, dass sie Normalität durchbrechen. Dadurch regen sie grundsätzlich dazu an, Dinge infrage zu stellen, sich nicht mit den herrschenden Verhältnissen abzufinden. Insofern sind sie auch politisch und eine Form von Protest.

Aber wirkt Protest nicht glaubwürdiger, wenn er aufopfernd ist? Wenn er, wie etwa der Hungerstreik, eine persönliche Anstrengung darstellt?

Natürlich besitzen Hungerstreikende ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. Aber ein solcher Opferwille kann auch abschreckend wirken. Mit Fröhlichkeit und Humor gewinnt man unbeteiligte Zuschauer viel eher für die eigene Sache als mit todernsten Mienen oder Selbstgeißelung. Außerdem soll in der Form des Protests auch eine politische Utopie aufscheinen – eine Idee davon, wie eine andere Welt aussehen könnte.

Gibt es nicht dennoch die Gefahr, dass Protestaktionen zum Selbstzweck verkommen?

Ja, klar. Nehmen wir die Love-Parade oder die traditionellen Rosenmontagsumzüge – die haben ihre politische Bedeutung fast völlig verloren. Da geht es eigentlich nur noch ums Feiern. Und selbst bei eindeutig politischen Aktionen wie den G-8-Protesten kann man natürlich nicht ausschließen, dass einzelne nur ihren Spaß suchen. Wie es auch passiert, dass sich Teilnehmer genervt fühlen, wenn sie dauernd von Clowns bespaßt werden. Andererseits sind Fröhlichkeit und Humor eben auch wichtig. Es ist immer eine Gratwanderung.

Zumal Fröhlichkeit und Humor den Erfolg nicht garantieren. Das haben die gescheiterten Proteste gegen Studiengebühren gezeigt. Was ist da schief gelaufen?

Ich denke, die Proteste waren zu nett. Aktionen wie "Betteln für Bildung" oder "Bildung geht Baden" haben vielen gefallen, aber niemanden wirklich aufgerüttelt. Außerdem kamen die Proteste zu spät. Oft war die Entscheidung pro Gebühren längst gefallen und die öffentliche Meinung schon stark beeinflusst. Da hätte man schon früher direktere Formen wählen müssen.

Was schließlich auch geschah: Am Ende kam es zu Sachbeschädigungen. Das Auto eines Uni-Rektors wurde in Brand gesetzt, Einrichtungen wurden demoliert. Das kann nicht der Weg sein.

Dass sich Proteste verschärfen, wenn Protestierende kein Gehör finden, ist ganz normal. Und spricht letztlich für die Ernsthaftigkeit eines Protestes. Aber Verschärfung muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass der Protest gewaltsam wird. Er kann auch die Form gewaltloser Regelverstöße annehmen. Denkbar sind Blockaden, Besetzungen oder in diesem Fall ein Gebührenboykott – also das, was man "zivilen Ungehorsam" nennt.

Gewalttätige Proteste finden jedoch besondere Beachtung in den Medien. Wird Gewalt in diesem Sinne gezielt eingesetzt?

Auch. Es gibt immer wieder Leute, die denken: Wenn hier nichts kaputt geht, wird gar nicht erst berichtet. Und oft ist es ja auch so. Andererseits lässt sich mediale Aufmerksamkeit auch mit gewaltlosem Spektakel gewinnen. Bei den G-8-Protesten in Rostock haben gerade die Großpuppen oder auch die Blockaden viele Kamerateams angelockt.

Wie können die, die gewaltlos protestieren wollen, mit gewaltbereiten Demonstranten umgehen?

Zum einen kann man versuchen, im Vorfeld durch Absprachen für eine räumliche Trennung zu sorgen. Dann würden sich die, die Gewalt – und sei es auch nur gegen Sachen – nicht ausschließen wollen, abseits von den anderen halten, damit sie auch alleine die Konsequenzen ihrer Entscheidung tragen.

Diese räumliche Trennung gelingt, wie man in Rostock wieder gesehen hat, nicht immer.

Das lässt sich nicht erzwingen. Aber man kann auch noch während der Aktion versuchen, deeskalierend einzugreifen – auch gegenüber der Polizei, hier spielen wiederum die Clowns eine Rolle. Darüber hinaus haben es alle Teilnehmer selbst in der Hand, sich nicht provozieren zu lassen und eigene Aggressionen unter Kontrolle zu halten. Auch das kann man nämlich lernen. Dafür gibt es sogar spezielle Kurse.

Zur Person:
Marc Amann (geb. 1973) ist Diplompsychologe und lebt in Tübingen. Erste Demo-Erfahrungen machte er Mitte der 1980er-Jahre, da ging es gegen die Stationierung von Atomraketen. Mittlerweile veranstaltet er Seminare und Workshops zum Thema "Straßenprotest", u.a. für ATTAC, die DGB-Jugend und Antifa-Gruppen. Sein Buch "go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotests" ist 2005 beim Trotzdem-Verlag erschienen.

Dominik Fehrmann schreibt als freier Journalist für Zeitungen und Magazine.

Foto, oben: "Marc Amann"/ privat

Foto: ©sxc.hu



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Die Inszenierung von Protest und seine Chancen auf Erfolg: Überlegungen des Wissenschaftlers Dieter Rucht

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Protestaktionen der Globalisierungskritiker/innen haben den G8-Gipfel begleitet. Neben mehrheitlich friedlichen Kundgebungen kam es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Ein Überblick über die G8-Protestbewegung




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