Schnell hatte Reverend Billy, Amerikas
Prediger gegen den Konsumterror, eine Menschentraube um sich
geschart: "McDonalds, Starbucks, Ritz-Carlton", überschlug
sich seine heisere Stimme, "um uns sind all diese gottverdammten
Orte, an denen wir Disziplin üben können, indem wir ihnen
unser Geld nicht geben!" Dann stürmte er mit einer Schar
singender Jünger in grünen Roben ein Starbucks-Café.
Nicht, um es zu verwüsten, sondern um allen Kunden/innen dort zu
predigen, dass die amerikanische Kaffeehauskette die Bauern in
Äthiopien ausbeutet – und die Registrierkassen zu
"exorzieren". Sein Schlachtruf: "Die
Konsumenten-Revolution hat längst begonnen!"
Das "Uncooling" der großen Marken
Genau genommen bereits 1989. Es ist das
Jahr, in dem die beiden Kanadier Kalle Lasn und Bill Schmalz die
Adbusters Media Foundation ins Leben rufen, ein
globalisierungskritisches Netzwerk, lange bevor Gruppen wie Attac die
Weltwirtschaftsgipfel stürmten. Ziel der "Adbusters"
ist wortwörtlich die "Zerstörung von Werbung".
Oder wie Lasn es ausdrückt: "Eine kulturelle Revolution für
die Befreiung unserer Köpfe vom Gehirnfick der 3000
Werbebotschaften, die jeden Tag auf uns einprasseln."
Lasn sitzt in einem schicken Café
im ehemals besetzten "Tacheles" in Berlin-Mitte, um sein
letztes Buch zu präsentieren: "Design Anarchy", eine
Art optisches Anleitungsbuch für so genannte Culture Jammer –
Aktivisten/innen, die sich der klassischen Mittel der Werbung bedienen, um
genau das Gegenteil der Werbestrategen zu erreichen: eine Abkehr vom
ungebremsten Konsum, ein ökologisches Verbraucherbewusstsein und
ein "Uncooling" der großen Handelsmarken.
Dass das auch in Deutschland
funktioniert, bewiesen Ende Mai einige unbekannte Darmstädter
Culture Jammer. Im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm baten sie
die Bevölkerung per Rundbrief , "auf unnötige
Mobiltelefonate" zu verzichten. Dies helfe den Behörden,
terroristisch relevante Gespräche zu erkennen. Außerdem
sei "nach Einbruch der Dunkelheit" mit Ausweiskontrollen zu
rechnen, angeblicher Absender: "Der Oberbürgermeister".
So beißend kann Kritik an polizeistaatlichen Praktiken sein,
wenn sie die Codes der Gegenseite verwendet und ins Lächerliche
zieht.
Aber kann man allein mit ein paar
gewitzten Aktionen die Welt verändern? Vorreiter wie Kalle Lasn
haben bereits einen Schritt weiter gedacht. Mit Postern und Demos
könne man heute nicht mehr viel erreichen, meint er: "Aber
der Kampf ist nicht vorbei, wir müssen nur neue Techniken
finden."
Zum Beispiel nicht nur über die
Vorherrschaft multinationaler Konzerne zu lamentieren, sondern damit
zu beginnen, ihnen einen Teil ihrer Kunden/innen wegzunehmen. Nicht durch
sozialistische Enteignungsphantasien, sondern durch
Graswurzel-Kapitalismus. "Wir Linken haben zu lange den Markt
ignoriert", gibt Lasn zu. Heute träume er von vielen
kleinen "Antinehmern", die Ethik über Profit stellen
und Werte über Werbung. Ein Lieblingsbeispiel ist die
Textilfirma American Apparel. Ihre T-Shirts lässt sie nicht in
Asien, sondern in einem Betrieb mit Gewerkschaft in San Francisco
fertigen. Schon längst ist die Marke in Deutschland ein Hit.
Und weil Lasn ursprünglich mal ein
ausgebuffter Werbeprofi war, hat er längst ein Logo für
diese neue No Logo-Bewegung gefunden: "Blackspot", den
Schwarzen Punkt. Den sprühte man früher über die
verhassten Markenzeichen – heute ist er selbst eines geworden und
klebt auf den Blackspot-Turnschuhen, die auch in einigen deutschen
Läden erhältlich sind. Die sehen zwar aus wie
Converse-Sneaker, werden aber in einem Gewerkschafts-Familienbetrieb
in Portugal hergestellt, zu 100 Prozent aus umweltfreundlichen
Materialien.
Der Reverend würde frohlocken.
"Changellujah!" So könnte eine Konsumenten-Revolution
aussehen. Kalle Lasn hat dafür sein eigenes Wort gefunden:
Kick-ass-capitalism – Arschtrittkapitalismus.
Bücher zum Thema:
Culture Jamming, Das Manifest der Anti-Werbung
Hg.: Kalle Lasn (Orange-Press Verlag)
Design Anarchy
Hg.: Kalle Lasn (Orange-Press Verlag)
Hilmar Poganatz schreibt als
Wirtschaftsjournalist für verschiedene Magazine und Zeitungen.
Fotos: Orange-Press Verlag, www.orange-press.com
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