Ein Hallelujah auf die Anti-Werbung

Wie Culture-Jammer gegen Werbung kämpfen

24.9.2007 | Hilmar Poganatz | Kommentar schreiben
"Culture Jammer" sind die neuen Medien-Guerilleros. Mit subversiven Tricks kämpfen sie gegen mentale Umweltverschmutzung.
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Es war schon Spätsommer in Berlin, als der Hohepriester in die Shopping-Center-Hölle der Potsdamer-Platz-Arkaden hinabstieg. In der Hand hielt er das Heilige Megaphon: "Kinder! Bereuet! Stoppt das verdammte Shopping! Hallelujah!" Weiß strahlte sein Smoking, zu seinen zuckenden Bewegungen wippte die billig blondierte Elvistolle, steif stand sein Priesterkragen empor.

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Schnell hatte Reverend Billy, Amerikas Prediger gegen den Konsumterror, eine Menschentraube um sich geschart: "McDonalds, Starbucks, Ritz-Carlton", überschlug sich seine heisere Stimme, "um uns sind all diese gottverdammten Orte, an denen wir Disziplin üben können, indem wir ihnen unser Geld nicht geben!" Dann stürmte er mit einer Schar singender Jünger in grünen Roben ein Starbucks-Café. Nicht, um es zu verwüsten, sondern um allen Kunden/innen dort zu predigen, dass die amerikanische Kaffeehauskette die Bauern in Äthiopien ausbeutet – und die Registrierkassen zu "exorzieren". Sein Schlachtruf: "Die Konsumenten-Revolution hat längst begonnen!"

Das "Uncooling" der großen Marken

Genau genommen bereits 1989. Es ist das Jahr, in dem die beiden Kanadier Kalle Lasn und Bill Schmalz die Adbusters Media Foundation ins Leben rufen, ein globalisierungskritisches Netzwerk, lange bevor Gruppen wie Attac die Weltwirtschaftsgipfel stürmten. Ziel der "Adbusters" ist wortwörtlich die "Zerstörung von Werbung". Oder wie Lasn es ausdrückt: "Eine kulturelle Revolution für die Befreiung unserer Köpfe vom Gehirnfick der 3000 Werbebotschaften, die jeden Tag auf uns einprasseln."

Lasn sitzt in einem schicken Café im ehemals besetzten "Tacheles" in Berlin-Mitte, um sein letztes Buch zu präsentieren: "Design Anarchy", eine Art optisches Anleitungsbuch für so genannte Culture Jammer – Aktivisten/innen, die sich der klassischen Mittel der Werbung bedienen, um genau das Gegenteil der Werbestrategen zu erreichen: eine Abkehr vom ungebremsten Konsum, ein ökologisches Verbraucherbewusstsein und ein "Uncooling" der großen Handelsmarken.

Ein Culture-Jam-Klassiker ist ein Plakat, das nur scheinbar für die Sportmarke Nike wirbt: Eine Asiatin in Läuferpose trägt ein Baby, darunter steht groß "It’s so cool to wear Nike". Erst bei näherem Hinsehen bemerkt man: Die Frau läuft barfuss. Und neben ihr steht keinesfalls, wie cool Nike ist, sondern wie schlimm die Arbeitsbedingungen bei seinen indonesischen Zulieferern sind. Neue Beispiele für solche Anti-Werbungen druckt das Greenpeace-Magazin jeden Monat ab. Da grinst dann schon mal Johannes B. Kerner aus der Air-Berlin-Reklame und verkündet fröhlich: "Ich bin ein Klimakiller!"

"Wir könnten am Anfang einer mentalen Umweltschutzbewegung stehen, die einmal so groß werden könnte wie die physische Umweltbewegung vor 30 Jahren", hofft Lasn. Der in Estland geborene Kanadier mit der eigentümlich hohen Stimme und dem rollenden baltischen "R" ist davon überzeugt, dass die weltweite Kommunikationsguerilla nicht gegen Windmühlenflügel kämpft. "Nehmen Sie Reverend Billy", sagt er, "das ist ein guter Jammer."

"Jammer" (englisch ausgesprochen) sind Leute, die etwas verkeilen, etwas festklemmen. Oder eben Aktivisten/innen, die die herrschenden Kommunikationskanäle verstopfen. Wie intelligent diese Protestform genutzt werden kann, haben jüngst die Teilnehmer/innen an einem großen Kongress der amerikanischen Erdölindustrie zu spüren bekommen: Mit Spannung und Empörung lauschten sie den Worten von Shepard Wolff, dem "Berater von Exxon-Mobil und des Nationalen Erdölrates (NPC)". Enthusiastisch stellte Wolff das neue Exxon-Produkt Vivoleum vor, ein umweltfreundliches Öl, das aus den Körpern der Opfer der weltweiten Klimakatastrophe gewonnen werde. Als nächstes ließ der Redner Kerzen verteilen, die angeblich aus den Überresten des verstorbenen Exxon-Hausmeisters Reggie Watts raffiniert worden waren.

Dann erst flog der Schwindel auf: Wolff war in Wahrheit ein Kommunikations-Guerillero der kreativen Protestgruppe The Yes Men. Kaum von der Bühne gestoßen, war er bereits von Journalisten/innen umringt, denen er seine Kritik an den Öl-Multis in die Mikrofone diktieren konnte. Die Strategie der Culture Jammer war aufgegangen. Im Kern geht es immer wieder darum, sich Sprache und Gestus der Gegenspieler zu eigen zu machen, ihre "Codes" aber umzudeuten.

Der "Kick-ass-capitalism"

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Dass das auch in Deutschland funktioniert, bewiesen Ende Mai einige unbekannte Darmstädter Culture Jammer. Im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm baten sie die Bevölkerung per Rundbrief , "auf unnötige Mobiltelefonate" zu verzichten. Dies helfe den Behörden, terroristisch relevante Gespräche zu erkennen. Außerdem sei "nach Einbruch der Dunkelheit" mit Ausweiskontrollen zu rechnen, angeblicher Absender: "Der Oberbürgermeister". So beißend kann Kritik an polizeistaatlichen Praktiken sein, wenn sie die Codes der Gegenseite verwendet und ins Lächerliche zieht.

Aber kann man allein mit ein paar gewitzten Aktionen die Welt verändern? Vorreiter wie Kalle Lasn haben bereits einen Schritt weiter gedacht. Mit Postern und Demos könne man heute nicht mehr viel erreichen, meint er: "Aber der Kampf ist nicht vorbei, wir müssen nur neue Techniken finden."

Zum Beispiel nicht nur über die Vorherrschaft multinationaler Konzerne zu lamentieren, sondern damit zu beginnen, ihnen einen Teil ihrer Kunden/innen wegzunehmen. Nicht durch sozialistische Enteignungsphantasien, sondern durch Graswurzel-Kapitalismus. "Wir Linken haben zu lange den Markt ignoriert", gibt Lasn zu. Heute träume er von vielen kleinen "Antinehmern", die Ethik über Profit stellen und Werte über Werbung. Ein Lieblingsbeispiel ist die Textilfirma American Apparel. Ihre T-Shirts lässt sie nicht in Asien, sondern in einem Betrieb mit Gewerkschaft in San Francisco fertigen. Schon längst ist die Marke in Deutschland ein Hit.

Und weil Lasn ursprünglich mal ein ausgebuffter Werbeprofi war, hat er längst ein Logo für diese neue No Logo-Bewegung gefunden: "Blackspot", den Schwarzen Punkt. Den sprühte man früher über die verhassten Markenzeichen – heute ist er selbst eines geworden und klebt auf den Blackspot-Turnschuhen, die auch in einigen deutschen Läden erhältlich sind. Die sehen zwar aus wie Converse-Sneaker, werden aber in einem Gewerkschafts-Familienbetrieb in Portugal hergestellt, zu 100 Prozent aus umweltfreundlichen Materialien.

Der Reverend würde frohlocken. "Changellujah!" So könnte eine Konsumenten-Revolution aussehen. Kalle Lasn hat dafür sein eigenes Wort gefunden: Kick-ass-capitalism – Arschtrittkapitalismus.

Bücher zum Thema:

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Culture Jamming, Das Manifest der Anti-Werbung
Hg.: Kalle Lasn (Orange-Press Verlag)




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Design Anarchy
Hg.: Kalle Lasn (Orange-Press Verlag)


Hilmar Poganatz schreibt als Wirtschaftsjournalist für verschiedene Magazine und Zeitungen.

Fotos: Orange-Press Verlag, www.orange-press.com


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www.adbusters.org
Alles zu den Adbusters auf einer Homepage

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